Seit 19:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:00 Uhr Nachrichten
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 24.12.2014

Papst-Ansprache"Ein Aufruf ans Kirchenvolk"

Der Philosoph Otto Kallscheuer im Gespräch mit Dieter Kassel

Papst Franziskus auf dem Piazza San Pietro (dpa / picture alliance / Riccardo De Luca)
Papst Franziskus auf dem Piazza San Pietro (dpa / picture alliance / Riccardo De Luca)

In seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang im Vatikan ist Papst Franziskus den Mitgliedern der Kurie gehörig auf die Füße getreten. Für den Philosophen Otto Kallscheuer ist die Rede eine Kampfansage gegen verkrustete Strukturen.

Für den Politikwissenschaftler und Philosophen Otto Kallscheuer ist die "Brandrede" von Papst Franziskus nicht nur eine Kampfansage, sondern auch ein "Aufruf ans Kirchenvolk: nun helft mir doch". Kallscheuer sagte, der Vatikan sei gewissermaßen "die Mutter aller Bürokratien", und der Papst stehe vor der schwierigen Aufgabe, diese so umzubauen, dass sie im 21. Jahrhundert noch lebensfähig sei.

Typische Probleme einer Bürokratie als "persönliche Sünden"

Von der Ansprache Franziskus' sei er allerdings weniger geschockt als die meisten der Kommentatoren. Sie sei "interessant" und "erfrischend", aber doch nichts völlig Neues. "Mich erinnert das sehr an eine Reihe von spirituellen Exerzitien, die er in seiner Zeit als Jesuitenchef in Argentinien auch vorher und nachher gehalten hat." Das entspreche einfach dem persönliche Stil des Papstes. Neu sei lediglich die Offenheit, mit der der Papst "klassische Fehler, die sich innerhalb einer zentralisierten Bürokratie anhäufen, auch als persönliche Sünden angesprochen hat", so Kallscheuer. "Aber man sollte natürlich das moralische Ins-Gewissen-Reden (...) nicht verwechseln mit der weitaus komplizierteren Aufgabe des Umbaus einer internationalen Bürokratie."


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Papst Franziskus will die katholische Kirche verändern und er ist da sehr realistisch. Wenn das gelingen soll, dann muss diese Veränderung auch und zuerst den Vatikan ergreifen. Dass er das so sieht, das wurde am Montag sehr deutlich bei seiner Weihnachtsansprache an die Kurie. Da gab es schwerste Vorwürfe, vor 15 Krankheiten hat er sie gewarnt, von denen sie befallen seien, darunter spiritueller Alzheimer, Geschwätzigkeit, Arroganz, Kaltherzigkeit. Der Bischof von Rom hat das in sehr viel drastischeren Worten noch beschrieben als ich gerade, und jetzt sitzt der Schock tief bei denen, die sich angesprochen fühlen sollten. Aber wird sich deshalb wirklich etwas verändern? Der Passauer Bischof Stefan Oster hat da gewissen Zweifel.

O-Ton Stefan Oster: Bürokratien verändern zu wollen, da braucht's viel Geduld, viel guten Willen. Aber das ist auch ein dickes Brett und das wird auch im Vatikan ein dickes Brett sein.

Der Vatikan als "Mutter aller Bürokratien"

Kassel: So weit der Bischof von Passau, Stefan Oster. Wir wollen über die Absichten des Papstes und seine Chancen, sie durchzusetzen, jetzt mit dem Politologen und Philosophen Otto Kallscheuer reden. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit, denn er arbeitet gerade an seinem Buch, einem Buch mit dem Titel "Der Papst in dieser Zeit", ein Buch, das im kommenden Frühjahr erscheinen wird. Schönen guten Morgen, Herr Kallscheuer!

Otto Kallscheuer: Schönen guten Morgen!

Kassel: Sind die Bretter im Vatikan so dick, wie wir gerade gehört haben vom Bischof von Passau? Sind sie so dick, dass auch ein Papst sie wahrscheinlich nicht durchbohren kann?

Kallscheuer: Na, also ... Der Vatikan ist ja gewissermaßen die Mutter aller Bürokratien, sonst hätte er wohl auch noch nicht so lange überlebt. Selbst wenn er nicht die gesamte Zeit seiner Existenz, also die 2000 Jahre, die es je nach Zählung die römische katholische Kirche schon gibt, immer in Gestalt dieser zentralisierten Bürokratie existiert hat. Und in seiner ganzen historischen Existenz gab es ganz verschiedene Formen der Existenz der Weltkirche.

Die Kirche fürs 21. Jahrhundert fit machen

Und die Situation, vor der der jetzige Papst steht – aber natürlich nicht erst der jetzige, aber es haben sich eine Reihe von Schwierigkeiten quasi aufgehäuft, akkumuliert –, ist, die Kirche so umzubauen, dass sie im 21. Jahrhundert noch lebensfähig ist. Das Neue ist, dass er in dieser Offenheit die klassischen ... man kann schon sagen: klassische sozusagen Fehler, die sich innerhalb einer zentralisierten Bürokratie anhäufen, auch als persönliche Sünden angesprochen hat und damit für alle Anwesenden – nicht unbedingt für uns Außenstehende – zum Teil auch sozusagen persönlich als Sünder da Leute sozusagen herausgenommen hat in seiner Kritik.

Aber man sollte natürlich die, wie soll ich sagen, das moralische Ins-Gewissen-Reden, was in dieser Form neu und direkt ist und was auch aus der Vergangenheit dieses Papstes als Jesuitengeneral in Argentinien kommt, nicht verwechseln mit der weitaus komplizierteren Aufgabe des Umbaus einer internationalen Bürokratie, sicher.

Kassel: Aber was halten Sie denn von dieser, ich glaube, man darf es doch so nennen, Brandrede? Viele Kommentatoren haben ja geschrieben, inhaltlich notwendig und richtig, aber die Wortwahl sei doch ein bisschen zu hart gewesen. Teilen Sie das?

Kallscheuer: Nein, das teile ich nicht. Ich bin auch weniger ... Also, ich bin auch quasi weniger geschockt oder erfreut, wie auch immer, weil mich der Stil der Rede, die Kombination von sozusagen persönlicher In-Gewissensnahme des Einzelnen der dort Anwesenden und der Direktheit auch der, wie soll ich sagen, fantasievollen Wortwahl, um die sozusagen uralten Sünden der Eitelkeit, der Ruhmsucht jetzt also in der Gegenwart zu platzieren ...

Größte Sünde Cliquenbildung?

Mich erinnert das sehr an eine Reihe von spirituellen Exerzitien, die er in seiner Zeit als Jesuitenchef da in Argentinien auch vorher und nachher gehalten hat. Das, finde ich, das ist sozusagen sein persönlicher Stil. Zu dem Stil gehört auch die persönliche Bescheidenheit. Es ist nicht rituell, wenn er da am Schluss alle seine Mitbrüder, auch die, die er gerade sozusagen anonym da hergenommen hat, bittet, auch sozusagen nach seinen eigenen Fehlern zu suchen. Es gibt eine Reihe von diesen ... Wir können ja jetzt diese 15 ... diese Liste, nicht ganz systematische Liste, dieser 15 Sünden ... Aber einige von ihnen sind schon, nennen schon spezifisch Sachen an.

Ich finde fast, die wichtigste davon ist die vorletzte, wo er von geschlossenen Gruppen, Fraktionen und Seilschaften innerhalb des Vatikans spricht. Und das ist ja nichts Neues, das ist sozusagen nicht unbekannt, dass es in dem Vatikan, ja, sozusagen auch verschiedenste Cliquen gibt. Nicht alleine die Schwulenclique, die man ihm schon recht früh da nahegebracht hat, sondern vor allem auch die Leute, die versuchen, den auszusitzen: So lange macht er es trotz aller Energie nicht mehr und vielleicht sozusagen geht der Sturm Franziskus vorbei und wir machen dann weiter wie früher. Das ist zum Beispiel ein Punkt.

Aufruf zur evangelischen Bescheidenheit

Die andere Sache, die Begierde zur Anhäufung von Reichtum, das bezieht sich nicht nur auf die Banken, wo er ja wohl durchgreifen will und die jede Sonderregelung, das, was er relativ früh ... Die erste Sünde, die er nennt, ist dieses Immunitätsgefühl, das diese heiligen Paläste da entwickelt haben, und je höher man da hinaufsteigt, umso unantastbarer fühlt man sich vom Kirchenvolk. Also, es gibt da drei, vier relativ spezifische, aber ganz allgemein ist das fast eher ein Aufruf, ja, zur evangelischen Buße, zur evangelischen Bescheidenheit. Man soll ...

Die eigentliche Aufgabe der Organisationsstruktur des Vatikans, die er ja bereits angegangen hat, wo wir aber noch nicht genau wissen, wo es hingehen soll, wenn diese famose Kommission, an der ja auch unser deutscher Kardinal Marx beteiligt ist, da mit ihren Verbesserungsvorschlägen der Reform herauskommt, das wissen wir noch nicht. Und insofern finde ich diese Rede interessant, erfrischend, in gewisser Weise auch eine Art, wie soll ich sagen, Kampfansage oder Ruf ans Kirchenvolk, nun helft mir doch, aber das ist nichts völlig Neues. Also, ich bin weniger geschockt als die meisten der Kommentatoren, wenn ich das mal so sagen darf.

Kassel: Also warten wir beide gemeinsam ab und wahrscheinlich auch ein großer Teil des Rests der Welt, was denn alles umgesetzt wird in den kommenden Jahren. Der Politologe und Philosoph Otto Kallscheuer war das über die Brandrede des Papstes vorgestern und die Chancen, die vielen Pläne, die der Papst zur Veränderung des Vatikans und der katholischen Kirche hat, auch wirklich durchzusetzen. Herr Kallscheuer, ich danke Ihnen herzlich und wünsche Ihnen frohe Weihnachten!

Kallscheuer: Ja, wünsche ich Ihnen auch, ja!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Mehr zum Thema:

Kritik an der Kurie - Der Papst braucht Verbündete
(Deutschlandfunk, Kommentar, 23.12.2014)

Brandrede von Papst Franziskus - "Das kann man besser machen"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 23.12.2014)

Weihnachtsempfang im Vatikan - Papst attestiert Kurie "geistlichen Alzheimer"
(Deutschlandfunk, Aktuell, 22.12.2014)

Interview

Shimon Peres"Wir glaubten, er sei unsterblich"
Shimon Peres starb im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. (dpa  /Picture alliance EPA  Abir Sultan)

Shimon Peres wollte Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Doch wie steht es heute um dieses Ziel? "Es mangelt am politischen Willen", meint Anita Haviv-Horiner, die in Israel für den deutsch-israelischen Austausch arbeitet. Mehr

Humor in der PolitikIronie macht Politiker menschlich
Bekannt für seinen Humor: Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Politik gilt als ernstes Geschäft, doch Ironie müsse in ihr einen Platz haben, findet der Humorforscher Thomas Holtbernd. Als positive Beispiele nannte er Gregor Gysi und Wolfgang Bosbach. Diese Politiker seien in der Lage, sich selbst zu karikieren.Mehr

Mundarten in Deutschland Sterben unsere Dialekte aus?
Bayerin im Chiemgau mit Breitenstein und Geigelstein. (imago)

Berliner, die nicht berlinern oder Münchner, die nicht Bayerisch sprechen: Wird es irgendwann keine Dialekte mehr in Deutschland geben? Der Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner kann beruhigen: Ganz so schlimm wird es nicht kommen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur