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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.08.2007

Panorama der Aufklärung

Stéphane Audeguy: "Das Leben des François Rousseau, von ihm selbst erzählt", SchirmerGraf, 304 Seiten

Audeguy bietet ein besonderes literarisches Spiel. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Audeguy bietet ein besonderes literarisches Spiel. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Der Name des Titelhelden weckt Assoziationen zu dem berühmten Aufklärer Jean-Jacques Rousseau. François nämlich soll niemand anderer sein als dessen missratener und verschollener Bruder. So hat Stéphane Audeguy alle erdenklichen Freiheiten, um eine der typischen Abenteurergestalten zu erschaffen, die das 18. Jahrhundert bevölkerten.

"Das Leben des François Rousseau, von ihm selbst erzählt." So lautet der Titel der deutschen Übersetzung von Stéphane Audeguys zweitem Roman, der im Original "Fils unique" (Der einzige Sohn) überschrieben ist. Ganz offensichtlich meint der Verlag, mit dem Namen Rousseau bei hiesigen Lesern die Assoziation zu dem berühmten Aufklärer Jean-Jacques zu wecken – und diese Assoziation ist auch durchaus berechtigt.

François nämlich soll niemand anderer sein als dessen missratener und verschollener Bruder, den Jean-Jacques in wenigen Zeilen zu Beginn seiner "Bekenntnisse" erwähnt, ohne ihn allerdings weiter zu benennen.

So hat der Autor alle erdenklichen Freiheiten, seine Figur zu gestalten, und er nutzt sie weidlich, um eine der typischen Abenteurergestalten zu erschaffen, die das 18. Jahrhundert bevölkerten. Dabei gelingt es ihm gleichzeitig, gewissermaßen en passant, ein packendes Bild jener Zeit zu entwickeln, indem er François wesentliche Augenblicke und Strömungen miterleben lässt. So hat bereits der Knabe in Genf einen adeligen Freidenker als Gönner, entdeckt eines schönen Sommers auf dessen Landgut die Freuden der Natur und der körperlichen Liebe. Später wird er in Paris der bestialischen Hinrichtung des Königsattentäters Damien beiwohnen – der letzten dieser Art, die die Grausamkeit des Ancien régime in aller Deutlichkeit präsentiert und dem Leser begreiflich macht, weshalb die Erfindung der Guillotine als humanitärer Fortschritt galt.

Er findet eine Anstellung als ‚Mädchen für alles’ im berühmten Bordell der Madame Paris, doch seine Geschicklichkeit und die Kenntnisse aus seiner Uhrmacherlehre lassen ihn zum Produzenten freizügiger Gerätschaften werden, wobei er in Konkurrenz zu den Maschinen Vaucansons versucht, einen unerschöpflichen Herkules zu bauen.

Sein Kontakt zu einer Gruppe adeliger Aufklärer und Atheisten bringt ihn schließlich in die Bastille, wo er die Revolution erlebt und die 120 Tage von Sodom seines Mitgefangenen, des Marquis de Sade, in dessen winziger Handschrift auf einer nur 11cm breiten Papierrolle rettet.

Mag die Figur des François Rousseau auch weitestgehend erfunden sein, so bettet Audeguy sie doch in ein ebenso historisch präzises wie lebendiges Bild des 18. Jahrhunderts ein, denn die ‚Rettung’ des Sadeschen Manuskripts, das erst um 1900 entdeckt wurde, könnte sich durchaus in dieser oder ähnlicher Weise zugetragen haben.

Der Untertitel des Romans "von ihm selbst erzählt" bezieht sich natürlich auf die "Bekenntnisse" Jean-Jacques Rousseaus, die als erste intime Autobiographie und somit als Meilenstein der Literaturgeschichte gelten. Für den informierten Leser bietet Audeguy hier ein besonderes literarisches Spiel, da er seinen Helden verschiedene Episoden des berühmten Textes in einem gänzlich anderen Licht schildern lässt. Doch auch für all diejenigen, die über diese Subtilitäten hinweglesen, bietet der Roman ein großes Lesevergnügen innerhalb eines spannenden Panoramas des Aufklärungszeitalters.

Rezensiert von Carolin Fischer

Stéphane Audeguy: Das Leben des François Rousseau, von ihm selbst erzählt.
Aus dem Frz. v. Elsbeth Ranke. SchirmerGraf, 304 S. € 19,80.