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Pandämonium der Verzweiflung

László Krasznahorkai: "Satanstango". Amman Verlag 2007. 320 S.

Klo in Ungarn
Klo in Ungarn (Stock.XCHNG Gerrit Prenger)

"Satanstango" hat der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai seinen Roman genannt; Teufelskreis hätte auch gepasst. Denn das Buch ist eine Reise in die Vergeblichkeit. Der Mensch bleibt gefangen in der Finsternis seines Daseins. Ausbruchsversuche misslingen. Ob er nun an seinem Platz ausharrt oder in dumpfer Bedrängnis selbsternannten "Erlösern" folgt, das Elend bleibt - und er darin. Es ist ein Buch über die Erbärmlichkeit des Lebens und über die menschliche Dummheit. "Eine strukturelle Angelegenheit", wie der Dichter sie nennt, die zum Menschen dazugehöre.

Ort der Handlung ist eine heruntergekommene, morastige Siedlung im Süden Ungarns, in der nur noch wenige Menschen hausen. Jene, die nicht die Kraft hatten, fortzugehen. Ausgeliefert der Armut, dem Schmutz, der Wut und ihrem gegenseitigen Misstrauen, wird gesoffen, gehurt oder verheuchelt gebetet und hin und wieder von einem anderen Leben geträumt. Oder jedenfalls davon, bei der üppigen Frau Schmidt im Schoß zu landen, einem der ganz wenigen Orte der Lebendigkeit in dieser Siedlung, wie es scheint.

Einst hatten sie Berufe, doch der Maschinist hat keine Maschinen mehr zu warten, der Schuldirektor keine Schule zu verwalten, der Arzt will nicht mehr kurieren. Er schreibt und trinkt und verwahrlost wie alle anderen auch. So dümpeln sie tumb dahin; bis einer auftaucht, der totgesagt war und nun in ihren lebensblinden Augen als auferstandener Erretter dasteht. Sie begrüßen ihn ekstatisch und geben ihm alles, was sie haben: Ihre letzte Hoffnung und ihr letztes Geld, lassen sich in blöder Glückseligkeit ausbeuten und betrügen.

Denn in Wahrheit ist der neue Führer nichts als ein kleiner Gauner, der selber an fremden Fäden tanzt, nämlich denen der Geheimpolizei - und der die kleine Schar Verzweifelter nicht etwa in eine strahlende Zukunft führt, sondern als zukünftige Spitzel ins Spinnennetz der Polizei hineintreibt.

Krasznahorkai, den Susan Sontag einmal den "ungarischen Meister der Apokalypse" nannte, hat ein so grandioses wie bedrückendes Buch geschrieben. Ein düsteres, fulminantes Pandämonium der Verzweiflung und Verirrung. Krasznahorkai ist ein begnadeter Stilist, dem man willig, ja geradezu enthusiastisch in diese jammervoll freudlose Welt folgt.

Es gibt erschreckende Szenen von solch mitreißender Eindringlichkeit, dass es einem nicht gelingt, sie zu überfliegen. Wie etwa dann, wenn ein kleines, schwachsinniges, ungeliebtes Mädchen in einem herzzerreißenden Kampf seine Katze umbringt, weil es endlich auch einmal irgendwo siegen will.

Es werden ganz realistisch fassbare Geschichten erzählt und zugleich Wirklichkeit und Magie ineinander verwoben. Unerklärliche Erscheinungen werden so nüchtern beschrieben wie der Schlamm, die Kneipe, die bröckelnden Behausungen, während die Realität im strömenden Regen verschwimmt, so dass vieles vage bleibt, geheimnisvoll. Am Ende des Buches, wenn der Kreis sich schließt, wird gar suggeriert, dass der alkoholisierte Doktor schrieb, was wir gerade lasen - so dass nun Realität und Phantasmagorie ununterscheidbar ineinandergreifen.

"Satanstango" ist kein neues Buch, sondern Krasznahorkais erster Roman, der 1985 in Ungarn erschien und fünf Jahre später auf deutsch. Zwar wurde das Buch auch damals schon von der Kritik begeistert aufgenommen - doch den Weg zum Leser findet es hoffentlich jetzt.

Denn dieser Roman ist nicht nur als Schlüsselroman für eine kommunistische Diktatur zu lesen. Er geht weit über jede politische Deutung hinaus. Verhandelt er doch nicht weniger als die menschliche Existenz im Sumpf der Welt.

Rezensiert von Gabriele von Arnim

László Krasznahorkai: Satanstango
Roman, übersetzt von Hans Skirecki
Amman Verlag 2007
320 S., EUR 19.90

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