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Pamphlete, Pamphlete

Ein Essay von Matthias Greffrath

Stéphane Hessel beklagte die Machtvergessenheit der P
Stéphane Hessel beklagte die Machtvergessenheit der P (picture alliance / dpa)

Vernetzt Euch! Engagiert Euch! Wehrt Euch! Seit der 93-jährige Widerstandskämpfer Stéphane Hessel mit seinem pathetischen Pamphlet "Empört Euch!" gegen die Machenschaften der Geldmächtigen und die Machtvergessenheit der Politiker eine Millionenauflage erzielte, wuchern die Stapel der Streitschriften neben den Buchhandlungskassen. Historisch gesehen ist das Gros der verbalen Attacken links.

Im Umfang - meist 40 bis 60 Seiten - orientieren sie sich an klassischen Vorbildern, etwa dem Hessischen Landboten von Georg Büchner, und auch in der appellativen Zuspitzung: "Friede den Hütten, Krieg den Palästen!", das heißt heute: "Zerschlagt die Banken!" oder kürzer und allumfassend: "Occupy!", oder volkstümlich: "Keine Macht den Doofen!"

Im Zentrum der wütenden Druckwerke steht die Kritik an der Hochfinanz - im "Manifest der empörten Ökonomen", Heiner Flassbecks "Zehn Mythen der Krise", oder in Max Ottes Aufruf "Stoppt das Euro-Desaster!", in denen die herrschenden Begriffe zurechtgerückt werden, erklärt wird , warum der Rettungsschirm ein "Sozialismus für Banken und Superreiche" ist.
Streitschriften, auch Flugschriften genannt haben Konjunktur in Zeiten des Umbruchs, das war schon immer so.

Luther wurde reich durch seine Kurz-Attacken gegen die pfründengierigen Päpste, aber auch gegen die rebellischen Bauern und Thomas Müntzer schlug mit einer "Hoch verursachten Schutzrede und antwwort/ wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg" zurück. Die Streitschrift des Abbé des Sieyes mit dem berühmten Slogan: "Was ist der Dritte Stand? Alles? Was gilt er in der bisherige Ordnung? Nichts. Was will er? Etwas in ihr zu sagen haben", sie war ein Fanal kurz vor dem Sturm auf die Bastille; und die dreißig Seiten, die den Proletariern aller Länder versprachen, sie hätten eine Welt zu gewinnen, befeuerten ein Jahrhundert lang die Klassenkämpfe. Streitschriften sind "papierne Gegenwartsbeschleuniger"; in der Regel spitzen sie Meinungen zu, die schon diffus vorhanden sind, heute etwa die, dass "der Kapitalismus die Demokratie sprengt".

Historisch wie aktuell gesehen, ist das Gros der verbalen Attacken, kurz gesagt, links. Es wäre wohl auch schwer, auf 16 Seiten zu begründen, warum die Leibeigenschaft ein Segen ist, die Fettlebe von Versailles die Nation schmückt, oder heutzutage, warum es dem Gemeinwohl dient, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Oft allerdings klingen die Heftchen ein wenig wie papiernes Pfeifen im dunklen Wald. So, wenn da auf schwarzem Grund steht: "Wir sind viele." Die Frage ist nur: Und nun? Was machen die Vielen? Was kommt nach der Empörung über bonusgeile Bänker, profitgierige Kapitalisten, milliardenschwere Profiteure sozialer Netzwerke oder opportunistische Politiker. "Zerschlagt die Banken!" Gut, aber wie? "Die Bürger einer Demokratie brauchen Ausbildung und Auskommen, sie brauchen eine gesicherte ökonomische Existenz und sie müssen frei sein von Angst". Klar, aber wie kommen wir von A nach B? Anklagen gegen den Finanzkapitalismus hört man heutzutage ja selbst aus Davos, und über den real existierenden Parlamentarismus ist des Spottes und der Verachtung kein Ende.
"Gott liebt die Zornigen" – auch das ein schöner Satz, aber Manifeste sind am Ende vielleicht doch nur "nützlich, butter einzuwickeln und enzykliken zum feueranzünden, salz für die wehrlosen". So schrieb es Hans Magnus Enzensberger in den Sechzigern ins "lesebuch für die oberstufe", und weiter:"lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne, sie sind genauer. wut und geduld sind nötig, in die lungen der macht zu blasen den feinen tödlichen staub, gemahlen von denen, die viel gelernt haben."

Böse Zungen könnten mit einigem Recht behaupten, die knappradikale Sloganprosa hätte auch mit, Konzentrationsschwäche , Reizüberflutung und Kurzzeit-Entlastung zu tun. Auf jeden Fall aber sollte uns das Auftauchen alter radikaler Publikationsformen nicht verleiten, schon den kommenden Aufstand zu erwarten. Aber andererseits: jede neue soziale Bewegung, so fand schon Marx, bedient sich zunächst der Formen der vergangenen, und die Empörungsheftel an den Kultursupermarktkassen sind ja nur die schriftkulturelle Spitze der gebloggten Unmut, die sehr viel stärker ins Einzelne und ins Operative geht.

Immerhin: "Schaffen Sie Ihr Geld zu einer genossenschaftlichen Bank", wie Max Otte schreibt, das ist schon ein kleiner Schritt ins Konkrete. Statt nur "Empört Euch!" lesen vielleicht schon bald den präziseren Imperativ: "Erobert die Parteien, oder belagert zumindest die Sprechstunden Eurer Abgeordneten!"; und vielleicht stehen wir ja nur kurz vor einer Reihe sehr präziser Ausführungsbestimmungen zur billigsten und kleinsten radikalen Flugschrift, die zur Zeit im Handel ist. Sie kostet zwei Euro, hat nur Streichholzschachtelformat , und auf Seite 25 steht: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll der Allgemeinheit dienen." Es ist das Grundgesetz.

Und vielleicht irrt sich ja Präsident Gauck, wenn er – in seiner knappen, überdies mit viel Zwischenraum gedruckten Flugschrift mit dem Titel "Freiheit", postuliert, die "Tradition unserer antikapitalistischen Selbstgeißelung" könne dazu führen, dass die Demokratie auf der Strecke bleibt. Flugschriften sind Gegenwartsbeschleuniger.



Literatur, soweit hier zitiert oder paraphrasiert:
Philippe Askenazy u.A., Empörte Ökonomen, pad-Verlag, 2011
Heiner Flassbeck, Zehn Mythen der Krise, edition suhrkamp digital, 2012
Joachim Gauck, Freiheit, Kösel-Verlag, 2012
Stéphane Hessel, Empört Euch! Ullstein, 2011
ders., Engagiert Euch! Ullstein 2011
Max Otte, Stoppt das Euro-Desaster! Ullstein 2011
Heribert Prantl, Wir sind viele, Süddeutsche Zeitung Edition Streitschrift, 2011
Hans Magnus Enzensberger, ins lesebuch für die oberstufe, in: verteidigung der wölfe, Suhrkamp 1963

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