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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.02.2014

Palliativmedizin"Debatte über aktive Sterbehilfe absolut zynisch"

Viele wissen zu wenig über schmerzmildernde Versorgung, sagt Mediziner

Sven Gottschling im Gespräch mit Julius Stucke

Im Krankenhaus hält eine Krankenschwester in der einen Hand eine Spritze, die andere Hand ist an einem Tropf. (picture alliance / dpa / Foto: Sami Belloumi)
Sterbehilfe kann zum Beispiel durch die Verabreichung von Medikamenten geleistet werden. (picture alliance / dpa / Foto: Sami Belloumi)

Deutschland gehört zu den "palliativmedizinischen Entwicklungsländern", sagt Sven Gottschling, Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin am Universitätsklinikum des Saarlandes. Solange nicht bessere Versorgungsstrukturen ausgebaut seien, sei die Diskussion "verfehlt".

Julius Stucke: Wir kommen zu einem Thema, das so schon unendlich schwierig ist – Sterbehilfe. Darf man einem todkranken Menschen den Wunsch erfüllen: Ich will nicht mehr leben? Oder geht das auf keinen Fall? Ein Thema, das auch deshalb so kompliziert ist, weil es so viele Nuancen gibt zwischen der bei uns verbotenen aktiven Sterbehilfe auf der einen, und zum Beispiel der Hilfe zum Suizid auf der anderen Seite. Also so schon nicht leicht, aber es geht noch schwerer: Sterbehilfe bei Minderjährigen, bei Kindern und Jugendlichen.

Wegschauen hilft auch bei so einem schweren Thema nicht, und Belgien stößt eine Debatte an, denn dort stimmt das Parlament heute ab über die Ausweitung aktiver Sterbehilfe auf Minderjährige. Wir wollen hinschauen und drüber sprechen mit einem, der die Schwierigkeiten des Lebens mit dem Sterben aus seinem Arbeitsalltag kennt: Sven Gottschling, Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des Saarlandes. Guten Morgen!

Sven Gottschling: Einen wunderschönen guten Morgen!

Stucke: Ein Kind, das sagt, es will nicht mehr leben und Eltern, die diesem Wunsch nachkommen wollen – kennen Sie aus Ihrer Arbeit Situationen, wo das Leiden todkranker Kinder so groß ist, dass man diesen Wunsch hat?

"Es ist der Wunsch nach Hilfe"

Gottschling: Ich kenne das aus meiner Arbeitssituation, dass dieser Wunsch geäußert wird. Dieser Wunsch steht aber in der Regel nicht wirklich für einen Todeswunsch, sondern da gibt es einfach großes Leid und es ist der Wunsch nach Hilfe, und das wird teilweise einfach auch so geäußert oder so verpackt. Und aus unserem Arbeitsalltag kennen wir, wenn wir die Kinder dann eben entsprechend versorgen, das heißt, die Schmerzen unter Kontrolle bekommen, Luftnot, Übelkeit, all das, was dieses besondere Leid ausmacht, lindern, dann ist dieser Wunsch bei diesen Patienten ganz schnell auch noch mal weg.

Stucke: Nun ist es ja schon schwierig genug, Kindern so den Tod zu erklären, das ist schon kompliziert, aber wie erklärt man es Kindern, die es selber treffen wird?

Gottschling: Es ist in aller Regel so, dass diese Kinder ja oftmals langjährige Krankenhauserfahrung mit sich bringen, das heißt, die haben schon auch Alterskollegen erlebt, die gestorben sind. Das ist eine große Anzahl von Kindern, wenn man jetzt zum Beispiel an krebserkrankte Kinder denkt. Die Mehrzahl der Kinder, die aber lebenslimitierend erkrankt sind, die sind schwerst mehrfachbehindert, das heißt, mit denen kann man über so was ohnehin nicht reden, weil sie diese kognitiven Fähigkeiten, die man dazu benötigt, gar nicht haben.

Stucke: Insofern sind wir da schon bei dem Thema aktive Sterbehilfe, die in Belgien jetzt auch, wenn dieses neue Gesetz beschlossen wird, für Menschen unter 18 gelten soll. Das wäre dann theoretisch auch bei sehr kleinen Kindern möglich. Aber praktisch – wären solche Fälle überhaupt denkbar oder geht es doch eher um die 16-, 17-Jährigen, weil eben die kognitiven Fähigkeiten gar nicht da sind?

Gottschling: Also im Grunde genommen muss man sagen, dass ein realistisches Todeskonzept, was ich auch fordern würde, damit man überhaupt sagen kann, ein Kind kann die Tragweite dessen, was es da äußert oder entscheiden möchte, überhaupt verstehen, das entsteht überhaupt erst im Rahmen der Pubertät. Und ich würde sehr stark anzweifeln – dafür gibt es auch überhaupt keine Daten –, dass das bei früheren Kindern auch schon sich entwickeln kann, weil die schon so viele Erfahrungen haben und, das wird ja auch immer wieder als Argument gebracht, an ihrer Erkrankung reifen und im Grunde genommen eine Entscheidungsfähigkeit erlangen, die nicht dem biologischen Alter entspricht. Das widerspricht sich aber einfach mit der Entwicklung und Hirnforschung von Kindern, die einfach besagt, dass diese … Ja, ich sage mal, die Entwicklung hin zu einem realistischen Todeskonzept braucht mindestens mal das 10., 12., wenn nicht gar 14. Lebensjahr.

Stucke: Das heißt, Kinder können diese Entscheidung überhaupt nicht selber treffen.

Gottschling: In meinen Augen ist es völlig unmöglich.

Stucke: Nun sind wir hierzulande ja noch lange nicht so weit, dass wir über aktive Sterbehilfe für Minderjährige sprechen. Wäre denn aktive Sterbehilfe für Erwachsene Ihrer Ansicht nach etwas, das wir hier diskutieren sollten?

"Wir reden hier über ein Thema aus der Not heraus"

Gottschling: Also ich denke, wir sollten es diskutieren, aber mich stört überhaupt die Blickrichtung. Was ich an dieser ganzen Debatte unendlich zynisch finde, auch in Belgien: Wir reden hier über ein Thema aus der Not heraus, weil wir einfach un- oder unterversorgte Menschen haben, die unendliches Leid erleben im Rahmen einer lebenslimitierenden Erkrankung, und das, obwohl wir nur einen Bruchteil dieser Menschen mit einer wirksamen Palliativversorgung erreichen können, das heißt, einer auf Lebensqualität ausgerichteten Versorgung.

Das ist schon für Erwachsene schlecht, also ich kann für Deutschland reden: Wir gehören immer noch zu den palliativmedizinischen Entwicklungsländern, und das ist für Kinder katastrophal, sodass man sagen muss: In Deutschland haben – und das optimistisch geschätzt – vielleicht 10 bis 20 Prozent aller betroffenen Kinder überhaupt nur die Chance, in den Genuss einer solchen Versorgung zu kommen. Und so lange diese Versorgungsstrukturen nicht ausgebaut sind und so lange nicht jeder weiß, was Palliativmedizin ist, kann, leistet und es selbst erlebt haben darf, finde ich jede Debatte über aktive Sterbehilfe sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen absolut zynisch und verfehlt.

Stucke: Sterbehilfe für Minderjährige – das belgische Parlament stimmt darüber heute ab, dazu war das Sven Gottschling, Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des Saarlandes. Herr Gottschling, ich danke Ihnen, einen schönen Tag!

Gottschling: Danke, Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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