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Fazit | Beitrag vom 21.03.2016

Palestinian Museum im WestjordanlandTriste Aussichten für die Eröffnung

Von Jochen Stöckmann

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Das undatierte Handout des Palestinian Museum Ramallah zeigt die Baustelle des künftigen Museums für Kunst und Geschichte. Das bisher größte Museum seiner Art soll im Mai 2016 im Westjordanland eröffnet werden. (picture-alliance / dpa / The Palestinian Museum)
Die Baustelle des Palestinian Museums bei Ramallah (picture-alliance / dpa / The Palestinian Museum)

Ein festes Haus für Kunst und Kultur: Im Mai soll in Bir Zeit bei Ramallah das Palestinian Museum eröffnen. Allerdings ist die ursprünglich beauftragte Kuratorin Lara Khaldi mit ihren vielversprechenden Ansätzen gescheitert - und hat aufgegeben.

Das Gebäude am Rande des Uni-Campus von Bir-Zeit hat Gestalt angenommen: Terrassenförmig gestaffelt wie die traditionellen Olivenhaine krönt die keilförmige Beton- und Glasarchitektur des irischen Büros Heneghan Peng einen weithin sichtbaren Hügel. Als Leuchtfeuer einer weltweit verstreuten, meist im Exil entstandenen Kunst und Kultur. Im Palestinian Museum bei Ramallah sollen Gemälde und Skulpturen, aber auch historische Zeugnisse erstmals ihre dauerhafte Heimstatt finden. Allerdings: immer noch im Schatten Israels – und da ist ein klassisches Museum fehl am Platz.

"Sammeln bedeutet: Zeugnisse einer Kultur kommen an einen einzigen Ort. Damit werden sie angreifbar. Das muss ein palästinensisches Museum berücksichtigen. Also nicht eine Art souveräne Institution, die Artefakte sammelt und schützt. Nein, im Gegenteil: kein zentraler Ort für Originale, sondern eine Plattform, um Kopien zu verbreiten, auszustreuen."

Lara Khaldi kritisiert konventionelle Museumskonzepte – und hat Alternativen entwickelt. Die sollte sie als Kuratorin der Eröffnungsausstellung präsentieren. So heißt es bis heute auf der offiziellen Homepage. Aber die ebenso scharfzüngige wie weitsichtige Kunstwissenschaftlerin hat aufgegeben, ist ebenso wie der designierte Direktor Jack Persekian von ihrem Posten zurückgetreten:

"Der frühere Direktor Jack Persekian hat Video-Interviews gesammelt über Objekte, von denen Menschen sich nicht trennen wollen. Stattdessen erzählen sie ihre Geschichte. Als ich übernahm, diese Ausstellung zu kuratieren, wurde diskutiert, die Objekte auszustellen. Richtig ist natürlich, sie nicht zu zeigen: Ihr Fortleben ist interessanter als der Tod im Museum!"

Wenig Anklang bei palästinensischen Autoritäten

Interviews mit Palästinensern in aller Welt – eine Art immaterieller Leihgabe, das war Lara Khaldis Grund-Idee für das Projekt "Never-Part". Ein vielversprechender, partizipativer Ansatz. Oral history und kollektive Performance zugleich. Und ein treffendes Schlaglicht auf die gegenwärtige Situation: kein Historiengemälde, sondern ein vielfach zersplittertes Kaleidoskop. Aber das fand vermutlich wenig Anklang bei den Autoritäten. Bei jenen Politikern und Geschäftsleuten, die in Ramallah das Sagen haben. Auch – oder gerade weil die meisten der erstaunlich zahlreichen Museumsgründungen nicht durch den Staat, sondern von privaten Stiftungen betrieben werden:

"Diese Museen arbeiten an einem strikten Kanon. Das Arafat-Museum zeigt DIE Geschichte von hundert Jahren, als Timeline, eng verknüpft mit dem Ziel des Nationalstaats. Der wird wiederum gestützt vom Museum, das historisiert. Das zielt auf ein Ende jeder Politik der Emanzipation."

Der sehr rigide, geradlinig ausgerichtete Zeitstrahl wird nun auch im Palestinian Museum das zentrale Element bilden. Dabei wäre die Auseinandersetzung, der erhellende Streit über die jüngste Geschichte nötiger denn je. Das hat Lara Khaldi bei der Vorbereitung von "Never-Part" in der eigenen Familie erfahren: Unter den Objekten, von denen sich ihre Eltern niemals trennen würden, rangieren Kommuniqués und Flugblätter der ersten Intifada an erster Stelle. Als kollektives Gedächtnis – buchstäblich im Untergrund: Drohte Entdeckung, wäre ein Verbrennen der Papiere zu auffällig gewesen. Deshalb wurden die Aufstandspläne vergraben oder gar eingemauert. Solange sie nicht ans Licht kommen, hält sich der Mythos, die imaginative Wirkung:

"Diese Geschichten widersetzen sich dem Museum. Das sind Erinnerungen eines Widerstands, denen widerstrebt, ausgestellt zu werden. Denn: Als ganz normale Museums-Stücke wären sie das Dementi der Tatsache, dass wir unter dem Ausnahme-Regime israelischer Besatzung leben."

Kommt Altbekanntes an die Museumswände?

Gegen die Glorifizierung durch die Älteren, aber auch ohne vordergründige Musealisierung versucht die jüngere Generation der 33-jährigen Lara Khaldi, einen Diskurs anzustiften über Themen wie die Intifada. Nach Atelierbesuchen und mit Blick auf die Absolventen der Art School in Ramallah ist sie guter Dinge, sieht diese Debatte zumindest auf jüngere Künstler ausstrahlen:

"Da dominiert die Leere, die Leerstelle als Reaktion auf die Vielzahl von Museen. Und als Auseinandersetzung mit dem Geschichtsbild der Nakba, der Katastrophe von 1948, das zum Klischee geronnen ist. Parallel zu den Museen werden kommerzielle Galerien eröffnet – aber die tragen auch nur Historisierung der Kunst bei."

Und sie könnten, so steht zu befürchten, die Wände des neuen Palestinian Museum mit altbekannten Gemälden füllen: der schweißüberströmte Bauer in seinem Hain etwa oder die aufrechten Kämpfer mit der Waffe in der Hand. Sehr farbig, scheinbar realistisch – aber ohne Gespür für die längst überfälligen Zwischentöne.

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