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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.08.2014

Pädagogik"Es findet kein wirklicher Leseunterricht statt"

Erziehungswissenschaftlerin warnt vor "Lesen durch Schreiben"

Agi Schründer-Lenzen im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Ein Schüler einer Grundschule in Heiligenhaus nahe Düsseldorf schreibt einige Zeilen aus einem Buch ab. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Grundschüler beim Schreiben (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

In mehreren Bundesländern beginnt heute wieder die Schule. Pädagogen diskutieren schon seit Längerem darüber, wie Kinder sich am besten in der Welt der Buchstaben zurechtfinden. Besonders umstritten ist eine Methode, bei der der Nachwuchs nach Gehör Schreiben lernt.

Liane von Billerbeck: Wie viel Mühe das macht, so einen einzigen Satz zu lesen! Und wie man das lernt, das Lesen und das Schreiben, darüber streiten die Gelehrten. Nun könnte man ja sagen: Irgendwie und irgendwann lernt jedes Kind im Idealfall schreiben und lesen. Wir wissen: Ganz so ist es nicht.

"Schreibe, wie du sprichst", lautet nämlich vielerorts die Devise für die Erstklässler. Die Potsdamer Erziehungswissenschaftlerin Agi Schründer-Lenzen sieht genau in dieser Methode Defizite. Sie ist jetzt im Studio zur Eröffnung einer Reihe über Lesen und Schreiben. Herzlich Willkommen, Frau Schründer-Lenzen!

Agi Schründer-Lenzen: Ja, guten Morgen!

von Billerbeck: Kinder lernen nicht lesen, sondern beginnen gleich mit dem Schreiben. Das Lesen soll sich dann durch das Schreiben lernen vermitteln. Also gleich rein ins Erfolgserlebnis? Das erste selbst geschriebene Wort, zum Beispiel Auto, das kann man, wenn man es geschrieben hat, natürlich auch lesen. Was ist schlecht an dieser Methode?

Schründer-Lenzen: Na ja, wenn man das Auto so schreiben würde, wie es denn richtig ist, dann würde das Lesen ja auch unter Umständen leicht sein. Aber das ist nicht für alle Kinder so, denn sie schreiben natürlich nicht sofort das Wort Auto richtig, sondern sie schreiben es, wenn sie es mit einer Anlauttabelle lernen sollen, anders. Sie schreiben unter Umständen nur zwei Buchstaben, ein großes A und vielleicht das T, aber der Rest wird erst noch mal gar nicht verschriftet.

von Billerbeck: Können Sie uns diese Methode mal kurz erklären für alle, die nicht Kinder im schulpflichtigen Anfängeralter haben? Was ist das, diese Anlauttabelle?

Anlauttabelle: A wie Affe ist einfach, doch beim Fahrrad wird es schwierig

Schründer-Lenzen: Die Anlauttabelle selbst ist eigentlich gar nichts Schlimmes, sondern sie ist ein wunderschönes buntes Medium, in dem ganz viele Bilder zu sehen sind, und neben diesen Bildern stehen dann jeweils die ersten Buchstaben, die man ausspricht, wenn man dieses Bild sieht. Also beispielsweise ein Affe ist abgebildet und A wie Affe soll das Kind dann lernen, weil es genau diese Bild-Buchstaben-Doppelung auf der Anlauttabelle gesehen hat.

von Billerbeck: Das klingt einigermaßen überzeugend. Was ist daran problematisch?

Schründer-Lenzen: Es ist sehr schwierig. Versuchen Sie mal, so ein Wort wie Fahrrad mit einer solchen Tabelle mühsam Laut für Laut, Buchstabe für Buchstabe zu verschriften, vor allen Dingen dann, wenn Sie so ein Wort wie Fahrrad ja eigentlich gar nicht richtig aussprechen können. Es wird zumindest ganz anders geschrieben als es gesprochen wird. Das heißt, das, was Sie zu Papier bringen, ist selbst dann, wenn Sie diese Methode, nämlich ein Wort langsam vorsprechen, richtig anwenden, führt es nicht zu einem rechtschriftlich korrekten Ergebnis.

von Billerbeck: Das heißt, Sie wollen nicht, dass die Kinder so schreiben, wie sie sprechen oder hören, sondern Sie wollen, dass man sofort eingreift und korrigiert?

Schründer-Lenzen: Das ist nicht die Alternative, sondern es ist so, dass die Kinder von Anfang an eigentlich mit einer Methode lernen sollten, die am besten ist. Und die beste Methode ist die, sowohl Worte zu lesen, als auch zu schreiben, also beides gleichzeitig zu lernen, und zwar einfach auch deswegen, weil beides sich dann gleich besser einprägt. Es prägt sich besser ein, wie ein Wort geschrieben wird, und ich lerne leichter lesen, weil ich ja ein korrekt geschriebenes Wort vor mir sehe und damit auch leichter das Wort erlesen kann.

von Billerbeck: Heißt das, die Kinder schreiben nur und lesen gar nicht? Also ich dachte mir, das gehört beides zusammen.

Schründer-Lenzen: Das sollte man denken. Aber genau das ist das Problem. Wenn man diese Methode "Lesen durch Schreiben" ernst nimmt, dann bedeutet das, dass die Kinder am Anfang vor allen Dingen schreiben, schreiben nach Gehör, und diese Schriftprodukte dann auch so stehen bleiben und man eigentlich darauf wartet, dass dann mit der Zeit sich das Lesen mehr oder weniger von alleine ergibt.

Schreiben nach Gehör heißt auch, Zeit zu verschenken

Es findet also kein wirklicher Leseunterricht statt. Und damit verschenkt man Zeit, in der die Kinder lesen lernen könnten und eben auch relativ schnell zu guten Lesern werden würden.

von Billerbeck: Wie ist das nun bei Kindern, die aus den sogenannten bildungsfernen Haushalten, bildungsfernen Familien kommen? Ist das für die nicht besonders schwer, wenn die ihren Namen noch gar nicht schreiben können und dann müssen sie das alles sofort nach Gehör tun und lesen auch?

Schründer-Lenzen: Ja, ich denke, für diese Kinder doppelt schwer, mit dieser Methode lesen und schreiben zu lernen, weil Kinder, die beispielsweise Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben, ja mit den ersten deutschen Worten unter Umständen eine korrekte Aussprache, und natürlich nicht nur die einzelnen Worte, sondern korrekte Sätze lernen sollen.

Für Kinder aus bildungsfernen Haushalten ist es doppelt schwer

Wenn man ihnen sagt, schreibe eine Geschichte auf, beispielsweise, was hast du jetzt in den Sommerferien erlebt, dann haben diese Kinder ja schon Schwierigkeiten, Ihnen überhaupt mündlich zu erzählen, was sie erlebt haben. Wenn man diesen Kindern jetzt auch noch sagt, schreibt das mal so auf, was ihr denn erlebt habt, dann kann daraus eigentlich nur ein Flickwerk werden, das eben für Lesen üben absolut nicht geeignet ist.

von Billerbeck: Was passiert denn nun, wenn die Kinder nicht sofort richtig Schreiben und Lesen lernen, wie Sie das sich vorstellen?

Schründer-Lenzen: Das Problem ist eigentlich, dass auf die Dauer gesehen natürlich auch ein Motivationsverlust entsteht, dass die Rechtschreibung sich nicht so entwickeln kann, wie sie sollte, und dass sie auf einer Stufe stehen bleiben im Lesen, die ihren alltagssprachlichen Möglichkeiten entspricht.

Die Folge der Lernmethode: Gameboy statt Kinderbuch

Das heißt, wenn ich nicht schnell genug lesen lerne, dann fange ich auch nicht an, Kinderbücher alleine lesen zu wollen, dann wende ich mich nach der zweiten Klasse oder nach der dritten Klasse spätestens den Dingen zu, die viel spannender sind und viel weniger anstrengend sind – Computerspiele, irgendwelche Gameboy-Sachen. Das ist schnell mit Erfolgserlebnissen zu verbinden. Aber ein Buch zu lesen, ist anstrengend und mühselig, wenn ich es nicht dann wenigstens mit einer gewissen Schnelligkeit und automatisierten Leseprozessen machen kann.

von Billerbeck: Also mehr lesen und nicht nur schreiben, sagt Agi Schründer-Lenzen, Professorin für allgemeine Grundschulpädagogik und Didaktik in Potsdam. Danke für den Besuch im Studio!

Schründer-Lenzen: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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