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Interview | Beitrag vom 16.02.2016

PädagogikAutoritärer Geist durch die Hintertür

Christoph Türcke im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Schüler der vierten Klasse der Grundschule "Wilhelm Busch" Altenburg sitzen in Altenburg (Thüringen) in einem interaktiven Klassenzimmer vor ihren Laptops.  (dpa / picture alliance / Marc Tirl)
Lernbegleitung ist heute an vielen Schulen angesagt. Der Buchautor Christoph Türcke kritisiert diese neuen pädagogischen Ansätze. (dpa / picture alliance / Marc Tirl)

In seinem Buch "Lehrerdämmerung" rechnet der Philosoph Christoph Türcke mit der neuen Lernkultur in den Schulen ab. Er befürchtet das Ende eines ganzen Berufsstandes.

In der neuen Lernkultur würden Lehrer nicht mehr gebraucht, befürchtet der Philosoph und Buchautor Christoph Türcke. Sie sollten heute nur noch Lernbegleiter sein, sagte er im Deutschlandradio Kultur anlässlich der Bildungsmesse didacta in Köln. "Das mobile Coaching-Team ist das Ideal, das zur Verfügung steht für eine Gruppe von Lernenden, die selber an ihren Arbeitsblättern und Computern sitzen." Bei den jüngeren Schülern und Schülerinnen würden vor allem Arbeitsblätter abgearbeitet. Wenn man nicht weiter komme, gebe es einen "Begleiter", der einen fördere oder Rat gebe.

Türcke kritisierte,  dass alles, was man als "autoritär" oder "frontal" überwinden wollte, durch die Hintertür zurückkehre. "Den Frontalunterricht machen jetzt nicht die Lehrer, sondern den machen die Arbeitsblätter." Dort fänden sich nur Imperative: "Mache dieses, zähle jenes zusammen, sorge für das und rechne zusammen."  Der Philosoph sagte: "Die ganzen autoritären Strukturen sind nicht etwa weg, sondern bloß an einen anderen Ort verlegt." 


Das Interview im Wortlaut:  

Liane von Billerbeck: Heute beginnt in Köln die größte Bildungsmesse, die Didacta, Deutschlandradio Kultur ist da Medienpartner. Schon vor einigen Tagen, am 10. Februar, erschien ein Buch, dass quasi eine Abrechnung ist mit der Lernkultur hierzulande. Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke von der Hochschule für Grafik und Buchkunst hat es geschrieben, und er hat es drastisch "Lehrerdämmerung" genannt, "Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet". Das ist nicht sein erstes Buch. Er ist bekannt geworden mit Veröffentlichungen wie "Die erregte Gesellschaft", "Philosophie des Traums" und "Mehr! Philosophie des Geldes". Jetzt wollen wir mit ihm über diese These sprechen, die Lehrerdämmerung, das Ende eines Berufes quasi. Er ist jetzt am Telefon, schönen guten Morgen, Herr Professor Türcke!

Christoph Türcke: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

Billerbeck: Ihre These lautet ja, die gesamte Rolle der Lehrer stehe infrage in der neuen flexiblen digitalen Lernwelt. Da wird der Lehrer von der Autorität zum Lernbegleiter. Warum steckt da mehr drin als der Wechsel des Vokabulars, und Sie sagen, das Ende eines ganzen Berufsstandes?

Türcke: Das wird direkt so von der neuen Lernkultur gefordert: Wir brauchen die Lehrer nicht mehr, das sind autoritäre Säcke, die geben etwas vor, die sorgen für Frontalunterricht, die sorgen für Gleichschritt, und das entspricht doch gar nicht der wirklichen Individualität, der individuellen Bedarfslage der Schüler, und damit muss aufgeräumt werden. Das ist nicht meine Erfindung, sondern das steckt im Programm drin. Also sollen die Lehrer nur noch Lernbegleiter sein und zur Hand sein. Das "mobile Coachingteam" ist das Ideal, das zur Verfügung steht für eine Gruppe von Lernenden, die selber an ihren Arbeitsblättern und Computern sitzen. In den kleineren Jahrgängen, also bei den jüngeren Schülern, sind es dann hauptsächlich die Arbeitsblätter, die da abgearbeitet werden. Wenn man dann eine Frage hat oder nicht weiterkommt, dann kommt so ein Begleiter, und der fördert einen und der gibt einem dann Rat oder eine Antwort, und dann macht man selber weiter. Das ist so die Vorstellung, die mit alledem verbunden ist. Das klingt erst mal ganz wunderbar, flexibel, jeder nach seinem eigenen Tempo et cetera ...

Bestimmte Dinge kann so gut wie jeder

Billerbeck: Aber wenn ich Ihren Ton, der ja sehr ironisch klingt, dann klingt das für mich auch so, als seien diese Lernbegleiter Menschen, die also gar nicht mehr als Lehrer ausgebildet sind, und quasi jeder könne das sein, der da Kinder beim Lernen begleitet.

Türcke: Na sagen wir mal, nicht jeder kann das, aber bestimmte Dinge kann so gut wie jeder. Die Arbeitsblätter verteilen und wieder einsammeln, das brauchen keine Lehrer mehr zu tun. Rat geben, da kommt es drauf an, was das für ein Rat ist. Für bestimmte Formen von Rat braucht man dann schon noch Leute, die von irgendetwas was verstehen, aber für bestimmte andere Dinge – na ja, gut, wie man also addiert und subtrahiert in der Grundschule, da muss man dann nicht unbedingt ein vollausgebildeter Lehrer sein. Kurzum, das hängt natürlich dann auch zusammen mit der Vorstellung von Bachelor und Master, dass eine Bachelorausbildung natürlich völlig genügt für Lernbegleiter. Das kommt mit hinzu, aber das ist gar nicht so sehr mein Punkt, sondern mein Punkt ist derjenige, dass alles das, was man als autoritär und frontal überwinden will, durch die Hintertür wieder zurückkehrt.

Billerbeck: Wie meinen Sie das?

Türcke: Den Frontalunterricht, den sogenannten, machen nicht etwa jetzt die Lehrer, sondern den machen die Arbeitsblätter. Das heißt, die autoritären Strukturen, die gehen in die Arbeitsblätter ein, die die Schüler ausgeteilt bekommen, und auf den Arbeitsblättern sehen Sie nur Imperative: Mache dieses, zähle jenes zusammen, sorge für das, und rechne zusammen oder fülle aus. Die ganzen autoritären Strukturen sind nicht etwa weg, sondern bloß an einen anderen Ort verlegt, während die ganzen Aufgaben, die mal ein Lehrer hatte, nämlich das Eröffnen von Sachverhalten und zwar verbunden mit persönlichem Engagement, persönlichem Interesse, der Fähigkeit, Schüler in etwas einzuführen, mitzuziehen, zu begeistern et cetera, mit anderen Worten, der ganze emotionale Boden des Lernens dabei zunehmend verödet. Das ist das Problem.

Reibeflächen zwischen Lernbegleitern

Billerbeck: Das heißt, meine eben schon erwähnte einstige Klassendeutschgeschichtslehrerin Frau Berger, die natürlich mit ihrer Begeisterung für Literatur und Geschichte dafür gesorgt hat, dass viele in der Klasse auch begeistert waren, die wird es so nicht mehr geben, stattdessen Arbeitsblätter, die, weiß ich nicht, ob die Begeisterung hervorrufen können?

Türcke: Sehr wenig. Die sind ja dann nur noch darauf reduziert, einen Sachverhalt so weit, sehr knapp zu eröffnen, wie er irgendeine Aufgabe hergibt, also einen Überschuss über abzuarbeitende Aufgaben, ein Überschuss an ... dass einem ein Licht aufgeht, wo man sagt, boar, so verhält sich das, ach so, das ist ja interessant, ohne dass das sofort funktionalisiert wird für irgendwelche Aufgaben, die man abarbeitet, woran man ein bestimmtes Verhalten zeigt, was dann als Kompetenz sich dokumentieren lässt. Dieses alles, das verödet, in der Tat, dann zunehmend, und das wird verkauft als die neue individuelle Kultur, die jedem Individuum dann gerecht werden kann, und der Lehrer kann dann also auch die Quadratur des ... oder der Lernbegleiter oder das Team von Lernbegleitern – sind dann ja immer mehrere in einem Klassenraum, so stellt man sich das jedenfalls vor –, und die Frage, wie die untereinander zurechtkommen, die wird gar nicht so richtig gestellt. Dass da natürlich auch lauter neue Reibeflächen entstehen, dieses Problem wird ganz nach hinten geschoben.

Diese Lernbegleiter, die sind dann diejenigen, die das alles nur noch organisieren, aber selber nichts mehr eröffnen. Diese ganze Eröffnung und Zeigefunktion des Lehrers: Der Mensch ist eigentlich das zeigende Tier, das anderen etwas eröffnet und dadurch überhaupt gemeinsame Sachverhalte stiftet. Dieses alles tritt ganz stark in den Hintergrund, und keines der Probleme ist gelöst und wirklich bewältigt. Die Autorität wird versachlicht. Das Übergehen in Sachzwänge, in Sachbearbeitung, Ausbildung als Ausbildung von Sachbearbeitern, dieses alles tritt dabei in den Vordergrund, und dagegen habe ich in der Tat etwas, und das habe ich versucht, zusammenhängend einmal darzustellen. Für mich war das als Philosoph wichtig, da mal eine Gesamtschau vorzulegen.

Billerbeck: Herr Türcke, das ist jetzt, wird es ganz weit. Ich habe immer versucht, am Lehrer dranzubleiben, aber man merkt schon, wenn jemand wie Sie sich mit dem Thema befasst, dann wird das ein sehr weites Feld. Erst mal danke, und ich empfehle allen das Buch, wo sie das in aller Ausführlichkeit nachlesen können, nämlich "Lehrerdämmerung" von Professor Christoph Türcke von der Hochschule für Grafik und Buchkunst aus Leipzig, "Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet". Herr Türcke, herzlichen Dank!

Türcke: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen. 

Christoph Türcke: Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet
Verlag C. H. Beck, 14,95 Euro

 

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