Montag, 1. September 2014MESZ15:48 Uhr

Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

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Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2013

Ozean des Wissens

David Weinberger: "Too Big to Know", Verlag Hans Huber, Bern 2013, 256 Seiten

Das Wissen lebt im Netz und nicht in Büchern oder Köpfen, meint der Philosoph David Weinberger.
Das Wissen lebt im Netz und nicht in Büchern oder Köpfen, meint der Philosoph David Weinberger. (AP)

Das Wissen neu denken will der US-amerikanische Internetguru David Weinberger mit seinem neuesten Werk "Too Big to Know". Darin setzt er sich vehement für das Prinzip des Open Access ein und erläutert, wie das Wissen im Netzwerk zum Leben erwacht und immer wertvoller wird.

Seit knapp einem halben Jahrhundert kennzeichnen Soziologen die gegenwärtige Epoche als Wissensgesellschaft. Mit dem Aufkommen des Internets und seinen Möglichkeiten der nahezu unbegrenzten Speicherung, Verbreitung und Vernetzung von Wissen hat sich dessen Bedeutung noch einmal potenziert. Gleichzeitig geraten die traditionellen Formen und Institutionen des Wissens angesichts dieser Informationsexplosion in die Krise. Was gilt heute in einer immer komplexeren Welt noch als sicheres Wissen? Wie lässt sich die Glaubwürdigkeit von Informationen überprüfen, wenn jeder ungefiltert alles im Netz publizieren kann? Brauchen wir einen neuen Umgang mit Wissen?

Diesen Fragen geht der am Harvard Library Innovation Lab als Kodirektor tätige Philosoph, Netzdenker und Managementberater David Weinberger in seinem neuesten Buch "Too Big to Know" nach. Sein Anspruch ist kein geringerer, als "das Wissen neu zu denken”. Die Aufmerksamkeit gilt dabei dem Medium des Wissens, denn, so seine Grundthese: Das Wissen verändert sich durch das Trägermedium. In Zeiten des Papiers wurde Wissen in abgeschlossenen Monographien generiert, eine Kaste etablierter Experten tauschte sich in Fachzeitschriften aus. Stabilität und Legitimität kanonisierten Wissens beruhten auf den Beschränkungen des Mediums Papier. Der Platz zwischen zwei Buchdeckeln und im Bibliotheksregal war begrenzt, vieles wurde schon im Vorhinein ausgesiebt und gar nicht erst publiziert.

Das Internet dagegen verändert die Produktion, Zirkulation und Bewahrung von Wissen massiv. Die Ära der Wissensverknappung ist einer schrankenlosen Informationsfülle gewichen. Das macht neue Filter erforderlich, die alten Strategien der Informationsreduzierung greifen angesichts des Ozeans vernetzten Wissens nicht mehr.

Für Weinberger, seit dem "Cluetrain Manifesto" von 1999 einer der wichtigsten Internetgurus, hat dieser Paradigmenwechsel weitgehend positive Konsequenzen. Sein Leitgedanke: "In einer vernetzten Welt lebt das Wissen nicht in Büchern und nicht in den Köpfen der Menschen, sondern im Netzwerk selbst.” Die intelligenten Verknüpfungen der Daten und Informationen zu einem dichten Wissensgewebe machen das Wissen wertvoller und eröffnen völlig neue Möglichkeiten.

Mit vielen Beispielen untermauert Weinberger seine These. Er begrüßt die Partizipation von Laien und Amateuren an der Wissensproduktion ebenso wie die Unabgeschlossenheit der wild im Netz wuchernden Informationen. Und er spricht sich vehement für die Publikation wissenschaftlicher Forschung nach dem Modell des Open Access aus, statt der traditionellen teuren Fachzeitschriften, die den Wissenszugang beschränken.

Doch Weinberger verhehlt auch nicht die Gefahren, die die Erosion der hergebrachten Qualitätsfilter und Begrenzungen der Wissensproduktion mit sich bringt. Zu jeder Tatsache finden sich im Netz widersprechende Gegentatsachen, und wenn man nicht aufpasst, selektiert man nur noch die Informationen, die zum eigenen Weltbild passen. So kann das Netz zur gefährlichen Echokammer der eigenen Meinungen werden, zum Spiegelsaal, der anderes Wissen ausblendet.

Besprochen von Philipp Albers

David Weinberger: Too Big to Know. Das Wissen neu denken, denn Fakten sind keine Fakten mehr, die Experten sitzen überall und die schlaueste Person im Raum ist der Raum
Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Neubauer
Verlag Hans Huber, Bern 2013
Hardcover, 256 Seiten, 24,95 Euro