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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 05.12.2014

Otto LilienthalMissionar des Menschenflugs

Vor 125 Jahren erschien Lilienthals Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst"

Von Irene Meichsner

Otto Lilienthal bei einem seiner zahlreichen Gleitflugversuche. Er steht mit einem Gleitschirm auf vor einem Abhang (Picture Alliance / dpa)
Otto Lilienthal bei einem seiner zahlreichen Gleitflugversuche. (Picture Alliance / dpa)

Otto Lilienthal hat den uralten Traum vom Fliegen in die Tat umgesetzt. Sein Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" enthielt eine umfassende Theorie des Fliegens. Heute vor 125 Jahren ist es veröffentlicht worden.

"Alljährlich, wenn der Frühling kommt, [...] wenn die Störche [...] durch ein Freudengeklapper ihre Ankunft anzeigen, wenn die Schwalben ihren Einzug gehalten, [...] wenn die Lerche [...] mit lautem Jubelgesang ihre Freude am Dasein verkündet, dann ergreift auch den Menschen eine gewisse Sehnsucht, sich hinaufzuschwingen und frei wie der Vogel über lachende Gefilde, schattige Wälder und spiegelnde Seen dahinzugleiten, und die Landschaft so voll und ganz zu genießen, wie es sonst nur der Vogel vermag."

Fliegen wie ein Vogel: Selten hat jemand diesen uralten Traum mit größerer Inbrunst geträumt als Otto Lilienthal in seinem berühmten Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", das am 5. Dezember 1889 in Berlin veröffentlicht wurde. Die Druckkosten für die Erstauflage mit 1000 Exemplaren zahlte Lilienthal aus eigener Tasche. Dass Menschen einmal würden fliegen können, erschien den Zeitgenossen damals noch unvorstellbar. Aber Lilienthal, am 23. Mai 1848 im pommerschen Anklam geboren, träumte schon seit seiner Kindheit davon. Zusammen mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Gustav studierte er akribisch die Anatomie von Vögeln. Während seines Maschinenbaustudiums nutzte er dann jede freie Minute, um Berechnungen über die ideale Form von Flügeln anzustellen.

"Er hat sich selbst Messgeräte konstruiert, so etwas gab's nicht zu kaufen auf dem Markt", erklärte Lilienthals Biograf Werner Schwipps. "So, und das Ergebnis dieser jahrelangen Experimente war, dass von allen denkbaren Flügelformen die leicht gewölbte Fläche die günstigsten Eigenschaften hat. Den geringsten Widerstand und den höchsten Auftrieb."

Geburtsstunde der Fliegerei

1874 bauten die Gebrüder Lilienthal einen ersten vogelähnlichen Drachen. Dass bis zu einer expliziten Theorie des Fliegens trotzdem noch 15 Jahre vergingen, habe, so Otto Lilienthal, auch daran gelegen, "dass wir als junge, vollkommen unbemittelte Leute uns sozusagen am Frühstück pfennigweise die Mittel absparen mussten, um unsere Experimente durchführen zu können".

Lilienthals Buch über den Vogelflug enthielt – neben Erläuterungen zum Luftwiderstand, zum gewölbten Flügel und Kraftaufwand beim Fliegen – auch schon Entwürfe für geeignete Fluggeräte. Nun hieß es: Üben, üben, üben – erst im Stehen und Laufen, mit Flügeln von elf Metern Spannweite. Im Juni 1891 war es so weit: Mit einem aus Weidenruten und Baumwollstoff gefertigten fledermausartigen Flügelpaar sprang Otto Lilienthal vom Mühlenberg bei Krielow westlich von Potsdam aus fünf bis sechs Metern Höhe – und segelte 15 Meter weit. Dieser Moment gilt als Geburtsstunde der Fliegerei.

"Wenn wir unsere Versuche machten, da schrieb der Berliner Lokalanzeiger: Wenn jemand zwei Verrückte sehen will, der muss nach Lichterfelde fahren. Der Lilienthal mit seinem Monteur, die wollen fliegen. Da kamen die Berliner sonntags raus in Scharen. Und dann haben sie uns zugesehen. Und wir sind immer drüber weg gesegelt", erinnerte sich Paul Beylich, der für Lilienthal die unterschiedlichsten Flugapparate anfertigte, im hohen Alter.

Nach 2000 Flugversuchen ein schwerer Sturz

Die weiteste Distanz, die Lilienthal schaffte, betrug 250 Meter. Was ihm vor allem zugutekam: Er war sportlich gut durchtrainiert. "Er war ein sehr lebensfroher Mensch. Kerngesund", erzählte sein Sohn Fritz Lilienthal. "Er hätte ja auch seine Flugversuche gar nicht mit 48 Jahren noch machen können, wenn er nicht gesund und gewandt und ein guter Turner gewesen wäre."

Rund 2000 Flugversuche hatte Lilienthal schon hinter sich, als ihn am 9. August 1896 am Gollenberg bei Stölln eine heftige Windböe erfasste. Lilienthal stürzte mit seinem Gleiter aus 15 Metern Höhe ab und erlag am nächsten Tag seinen schweren Verletzungen. Dass die Zukunft nicht dem Gleit-, sondern dem Motorflug gehören würde, hatte er selber schon kommen sehen. Aber auch für die Gebrüder Wright, die 1908 ihre ersten kontrollierten Motorflüge vorführten, blieb Lilienthal das große Vorbild. Wilbur Wright schrieb:

"Der Prozess des menschlichen Fluges wurde von ihm so ernsthaft, so attraktiv und so überzeugend dargeboten, dass es für jedermann schwer war, der Versuchung zu widerstehen, es selbst zu versuchen."

 

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