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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.05.2008

Osterweiterung im historischen Bewusstsein

Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch soll Schülern europäische Perspektive aufzeigen

Moderation: Birgit Kolkmann

Beginn gemeinsamer Geschichte: Der erste Bus aus dem polnischen Swinemünde passiert am 21.12.2007 in Ahlbeck die Grenze zu Deutschland.
Beginn gemeinsamer Geschichte: Der erste Bus aus dem polnischen Swinemünde passiert am 21.12.2007 in Ahlbeck die Grenze zu Deutschland. (AP)

Ein neues Schulbuchprojekt soll polnischen und deutschen Schülern helfen, die Erinnerungen und Wahrnehmung von Geschichte der jeweils anderen Seite zu verstehen. Das sagte die Leiterin des Projekts, Professor Simone Lässig. Es gehe darum, aus jeweils polnischer oder deutscher Perspektive transnationale oder europäische Geschichte zu schreiben.

Birgit Kolkmann: Aus der Erzfeindschaft wurde Freundschaft - über die Grenze hinweg. Deutschland und Frankreich sind längst das starke Tandem mitten in der Europäischen Union. Die Jugend beider Länder ist sich längst verbunden durch zahllose Veranstaltungen des Deutsch-Französischen Jugendwerks - viele Partnerschaften und Kooperationen über Jahrzehnte hinweg.

Für die deutsch-polnischen Beziehungen ist das ein Vorbild. Sie sollen genauso entwickelt und genauso intensiv werden. Ganz zentral ist hier das Projekt eines deutsch-polnischen Geschichtslehrbuchs. Mit der neuen polnischen Regierung sind auch die Beziehungen spürbar besser geworden zwischen Warschau und Berlin und so fiel am Wochenende der Startschuss für dieses Schulbuchprojekt. Es wird auch betreut vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Direktorin ist Professor Simone Lässig. Willkommen in der "Ortszeit"!

Simone Lässig: Guten Morgen!

Kolkmann: Frau Lässig, der Zweite Weltkrieg, die Westverschiebung Polens, die Vertreibung der Deutschen, das ist ja vermintes Gelände im jeweiligen nationalen Bewusstsein. Kann man das mit einem Geschichtsbuch entschärfen?

Lässig: Man kann es entschärfen und man kann es vor allem dadurch entschärfen, dass man die Wahrnehmungen und die Erinnerungen der jeweils anderen Seite bewusst macht. Wir sind eigentlich sehr optimistisch, dass wir hier zu einem Lehrwerk kommen können, das für beide Seiten interessant und weiterführend ist.

Kolkmann: Wie muss man sich so ein gemeinsames Geschichtsbuch vorstellen? Es gibt ja schon das deutsch-französische Geschichtsbuch. Was und wie sollen polnische und deutsche Kinder über die gemeinsame Geschichte lernen?

Lässig: Zunächst geht es uns darum, ein Geschichtsbuch zu schreiben, was wirklich im Geschichtsunterricht eingesetzt wird. Das heißt, es geht nicht um ein Ergänzungsmaterial. Uns geht es wirklich darum, ähnlich wie im deutsch-französischen Falle ein Lehrwerk zu schaffen, was im normalen Geschichtsunterricht eingesetzt werden kann. Dafür haben wir vom Georg-Eckert-Institut eine Machbarkeitsstudie erstellt. Auf polnischer Seite ist das relativ einfach; auf deutscher Seite haben wir 16 Bundesländer und 16 Lehrpläne.

Kolkmann: Das klingt höchst kompliziert. Können wir es vielleicht konkret machen, auch thematisch und zeitlich ein bisschen eingrenzen? Welche Themen würden dann im Mittelpunkt stehen? Flucht, Vertreibung, Westverschiebung Polens?

Lässig: Ich habe deshalb so weit ausgeholt, weil ich erläutern möchte, warum wir den ersten Band beginnen möchten mit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Worum es uns geht, ist nicht eine deutsch-polnische Beziehungsgeschichte, weil wir glauben, dass das weder zeitgemäß ist, noch dass dies das besondere Interesse der Schüler und Lehrer finden würde.

Worum es uns geht, ist zum einen natürlich die wechselseitige Verflechtung beider Nationalgeschichten, aber auch darum, beide Länder als Prismen für allgemeine und grundlegende Fragen der europäischen Geschichte zu nutzen.

Wissen Sie, die Osterweiterung hat zwar in der Europäischen Union stattgefunden, aber was nicht stattgefunden hat ist die Erweiterung des historischen Bewusstseins der Europäer. Das ist etwas, was wir mit diesem Lehrwerk leisten wollen. Wir können das am besten, wenn wir mit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit beginnen und dann eben aus deutscher und polnischer Perspektive europäische beziehungsweise transnationale Geschichte schreiben und damit auch eine Erweiterung des Blickes nach Osteuropa hinbekommen.

Kolkmann: Und jeweils die andere Sichtweise mit in den Blick nehmen. Die Kinder sollen das tun, sollen das lernen, weil der Jugend die Zukunft gehört und man die Alten eh nicht mehr überzeugen kann?

Lässig: Ich denke, dass auch bei den Alten eine ganze Menge passiert ist in den letzten Jahren. Ich sagte das schon. Diese deutsch-polnische Schulbuchkommission zum Beispiel ist ja ein Kind der Zivilgesellschaft. Sie selbst haben auch erwähnt Jugendaustausch, Städtepartnerschaften und ich denke auch, dass wir da ein ganz großes Stück vorangekommen sind.

Gleichwohl gibt es diese Disparität in der Wahrnehmung. Polen wissen sehr viel mehr über Deutsche als Deutsche über Polen und diese Disparität - so hoffen wir - kann man eben auch und vielleicht bevorzugt sogar im Kinder- und Jugendalter über historisches Lernen und über das Kennenlernen der Wahrnehmungen der jeweils anderen erreichen.

Kolkmann: Eine Arbeit für Generationen und das hat ja beim deutsch-französischen Austausch auch immer lange gedauert - Jahrzehnte. Lassen Sie uns zum Schluss vielleicht einen kleinen Zeitrahmen für das Schulbuchprojekt abstecken. Wann kann der erste Band erscheinen und wie viele Bände sollen es werden?

Lässig: Im Moment planen wir für den ersten Band etwa drei Jahre. Das wirkt auf den ersten Blick relativ lang. Es ist aber eine sehr große Herausforderung, der sich die Schulbuchkommission damit stellt. Im Unterschied zu dem deutsch-französischen Schulbuch ist es sehr viel schwieriger, zum Beispiel mit den verschiedenartigen Anteilen an Nationalgeschichte in den Lehrplänen angemessen umzugehen. Viele Ereignisse der französischen Geschichte (zum Beispiel die französische Revolution 1789) sind von Vornherein unstrittig Teil der europäischen Geschichte. Bei nationalen Ereignissen, die sich auf die polnische Geschichte beziehen, ist das ein Stück weit anders.

Außerdem müssen wir mit sehr unterschiedlichen Kulturen des historischen Lernens arbeiten, mit verschiedenartigem Umgang, mit Kontroversität und Multiperspektivität im Geschichtsunterricht. Dazu kommt noch, dass gegenwärtig auf beiden Seiten auch Lehrplanreformen stattfinden. Insofern denke ich, dass drei Jahre ein sehr ehrgeiziges, aber realisierbares Ziel sind. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, nach der Fertigstellung dieses ersten Bandes, der dezidiert - auch da unterscheiden wir uns vom deutsch-französischen Geschichtsbuch - für die Sekundarstufe I ausgerichtet ist und wirklich breit ansetzen soll, zu entscheiden, wie es weitergeht.