Montag, 1. September 2014MESZ09:29 Uhr

Politisches Feuilleton

KrisenherdeProjekt Weltvernunft vorerst gescheitert
Ein Foto durch ein Loch in einer Mauer zeigt am 24.06.2014 Gebäude in der Stadt Ramadi, die bei Kämpfen zwischen sunnitischen Milizen und Regierungsgegnern, inklusive der Gruppe ISIS, beschädigt wurden.

Die Welt steht in Flammen, plötzlich regiert allerorten die Barbarei, so scheint es. Im Namen des Heiligen wird gemordet und geraubt. Das gefährdet auch das Erbe Europas, ein Projekt der Vernunft, analysiert der Autor Christian Schüle. Mehr

SlowakeiWas vom Aufstand übrig blieb
Flagge der Slowakei

Am 29. August 1944 fand in der Slowakei der große Nationalaufstand statt: gegen die "Schutzmacht" Nazideutschland. Der Schriftsteller Michal Hvorecky beklagt, dass in der Debatte um das Gedenken heute die Populisten dominieren.Mehr

KunstBilderflut ist Bildersturm
"Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich

Behämmertes Glotzen statt schauendes Staunen - so fasst der Künstler und Autor Sebastian Hennig unsere heutige Sehkultur zusammen. Für ihn ist klar: Wir müssen das vorurteilsfreie Schauen wieder üben und schätzen lernen.Mehr

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.09.2010

Ostdeutschland holt auf, solange es sich um die Menschen kümmert

Zu ökonomischen Unterschieden in West und Ost

Von Oliver Holtemöller

Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der ökonomische Abstand von West und Ost groß.
Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der ökonomische Abstand von West und Ost groß. (AP)

Seit nunmehr 20 Jahren wächst die deutsche Wirtschaft zusammen. Vieles wurde in dieser Zeit erreicht – aber nach wie vor bestehen zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland deutliche Unterschiede bei Wirtschaftsleistung, Produktivität und Einkommen. So ist das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in den Neuen Bundesländern im Vergleich zu Westdeutschland seit 1991 von einem Drittel auf etwa 70 Prozent gestiegen.

Ein Anstieg der Wirtschaftsleistung von einem Drittel auf 70 Prozent bedeutet, dass die Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland um durchschnittlich gut vier Prozent pro Jahr geschlossen worden ist. Dahingegen holen andere Länder durchschnittlich nur gut zwei Prozent pro Jahr gegenüber reicheren Vergleichsländern auf. Aber auch diese vergleichsweise hohe Aufholgeschwindigkeit von vier Prozent würde rein rechnerisch erst nach weiteren 75 Jahren dazu führen, dass der Unterschied zwischen Ost und West kleiner als ein Prozent wird. Allerdings ist die Aufholgeschwindigkeit in den vergangenen Jahren kleiner geworden.

Was ist zu tun, um den Aufholprozess in Gang zu halten oder gar wieder zu beschleunigen? Langfristig wird das Pro-Kopf-Einkommen vor allem von der Produktivität bestimmt. Um auf das westdeutsche Produktions- und Einkommensniveau zu kommen, müsste Ostdeutschland also vor allem seine Produktivität erhöhen – und zwar schneller als Westdeutschland. Die Wirtschaftstheorie hat drei wichtige wirtschaftspolitische Maßnahmenbereiche zur Steigerung der Produktivität identifiziert, nämlich die Verbesserung der Infrastruktur durch öffentliche Investitionen, die Förderung von Forschung und Innovation und die Förderung der Humankapitalbildung.

Zur Verbesserung der Infrastruktur gehört zum Beispiel der Ausbau von Verkehrswegen und Kommunikationstechnologie. Hier wurde bereits mithilfe der Transferleistungen aus dem Westen viel getan. Und da solche öffentlichen Investitionen stets die Gefahr mit sich bringen, nach Regionalproporz oder politischer Durchsetzungskraft statt nach Effizienzgesichtspunkten durchgeführt zu werden, sind die weiteren Möglichkeiten hier begrenzt.

Die Förderung von Forschung und Innovation sowie von Humankapitalbildung erscheinen deutlich vielversprechender. Forschung und Innovation profitieren von sogenannten Spill-over-Effekten: Das heißt, je mehr forschende und innovative Unternehmen es in einer Region gibt, desto mehr lohnen sich Investitionen zugunsten Forschung und Innovation für die einzelnen Unternehmer. Da aber Unternehmer die positiven Auswirkungen firmenspezifischer Investitionen auf die Unternehmen der Region in ihr betriebswirtschaftliches Kalkül nicht mit einbeziehen, bleibt die Investitionsquote unter dem volkswirtschaftlichen Optimum. Staatliche Investitionsförderung ist somit sinnvoll – insbesondere wenn sie auf Forschungs- und Innovationsnetzwerke gerichtet ist, denn diese sind in Ostdeutschland noch nicht so leistungsfähig wie in Westdeutschland.

Der Bildungs- und Ausbildungsstand, also das Humankapital einer Region, hat unmittelbar Einfluss auf die Produktivität. Und ähnlich wie bei Forschung und Innovation gibt es auch hier Spill-over-Effekte. Ein Unternehmen profitiert zum Beispiel davon, wenn ein anderes Unternehmen seine Beschäftigten stetig weiterqualifiziert und sich damit der Pool an gut qualifizierten Arbeitnehmern in der Region vergrößert.

Ostdeutsche Politik ist somit gut beraten, wenn sie neben der Förderung von Forschung und Innovation ein deutliches Augenmerk auf die Schul- und Hochschulbildung sowie die betriebliche Weiterbildung legt. Dabei darf allerdings ein wichtiger Aspekt nicht außer Acht gelassen werden: Auch in Westdeutschland und in anderen Ländern haben gut ausgebildete Arbeitskräfte vielversprechende Perspektiven. Es kommt also nicht nur darauf an, Bildung zu fördern, sondern auch darauf, die gut Ausgebildeten in der Region zu halten. Daraus leiten sich eine ganze Reihe von weiteren Handlungsnotwendigkeiten für die ostdeutsche Politik ab. Diese reichen von der Familienfreundlichkeit, bei der bereits Vorteile im Vergleich zu Westdeutschland bestehen, über das kulturelle Angebot bis hin zum Image einer Region.


Oliver Holtemöller, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-WittenbergOliver Holtemöller (privat) Oliver Holtemöller, Jahrgang 1971, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Leiter der Abteilung Makroökonomik am Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Er studierte Volkswirtschaftslehre, Angewandte Mathematik und Praktische Informatik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die Promotion erfolgte 2001 an der Freien Universität zu Berlin. Von 2001 bis 2003 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin und von 2003 bis 2009 Juniorprofessor an der RWTH Aachen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Traditionen von Eisen und Stahl
Chance zur Modernisierung