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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 26.07.2014

Ortwin RennFürchten wir uns vor dem Falschen?

Ein Risikosoziologe von der Universität Stuttgart über den Umgang mit Gefahren

Moderation: Klaus Pokatzky

Einsatz von Pestiziden in Russland (picture alliance / dpa / Foto: Rogulin Dmitry)
Der Einsatz von Pestiziden ist bei weitem nicht so gefährlich wie gedacht, sagt Ortwin Renn. (picture alliance / dpa / Foto: Rogulin Dmitry)

Elektrosmog, Pestizide im Essen oder Flugzeugabstürze – beinahe täglich berichten die Medien von Gefahren, die auf uns lauern. Aber wovor fürchten wir uns zu Unrecht? Und was sind die wirklichen Gefahren, die uns bedrohen?

Versicherungen werben mit "Rundum-sorglos-Paketen" gegen alle möglichen Risiken.

Aber welches sind die wirklichen Gefahren, die uns bedrohen?
Fürchten wir uns vor dem Falschen?
Wer profitiert von solchen Ängsten - und wie sollten wir mit den Risiken des Lebens umgehen?

"Wir leben risikoärmer denn je, und Gefahren erscheinen uns oft bedrohlicher, als sie tatsächlich sind", sagt Prof. Dr. Ortwin Renn, Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart. Er gehört zu den bekanntesten Risikosoziologen Deutschlands und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit unserem Umgang mit Gefahren. Ihn interessiert besonders die Frage, warum Menschen Risiken oft über-, aber auch unterbewerten - und welche Folgen dies für jeden Einzelnen und auch die Gesellschaft hat.

Die Gefahr durch Pestizide wird überschätzt

Beispiel: "Mehr als 70 Prozent der Deutschen fürchten sich vor Pestizidrückständen, Antibiotika oder Hormonen in Fleischwaren, gentechnisch veränderten Lebensmitteln und chemischen Konservierungsmitteln. Auf all diese Dinge sind aber nur etwa 15 tödliche Krebserkrankungen im Jahr zurückzuführen. Mehr als 70.000 Menschen hingegen sterben an tödlichen Krebserkrankungen, die durch ungesunde Ernährungsgewohnheiten veranlasst sind; das heißt durch zu viel Essen, zu viel Fleisch, zu viel Fett, zu viel Zucker. Doch diese mehr als tausendfach höheren Risiken werden als gering und wenig besorgniserregend eingestuft."

Ortwin Renn (dpa / picture alliance / Marc Müller)Ortwin Renn (dpa / picture alliance / Marc Müller)
Seine Beobachtung: "Die Risikowahrnehmungsgesellschaft unterliegt der Gefahr, das Augenmaß für die Verhältnismäßigkeit von Bedrohung, Angst und erforderlichen Gegenmaßnahmen zu verlieren. Das führt zum einen dazu, dass wir allzu leichtfertig Errungenschaften wie Bürger- und Freiheitsrechte einschränken, um minimale Verbesserungen im Schutz gegen Terroristen zu erzielen. Zum anderen führt es dazu, dass wir die Prioritäten falsch setzen."

Mit Ängsten wird Politik gemacht

Je unsicherer die Bürger, umso mehr könnten ihre Ängste instrumentalisiert, mit ihren Ängsten auch Politik gemacht werden. Sein Ziel ist daher die Risikomündigkeit: "Erst wenn wir lernen, wie wir selber Risiken verarbeiten und Rückschlüsse aus den Informationen über Risiken ziehen, haben wir das Rüstzeug dafür, auch in Zukunft angemessener mit Risiken umzugehen." Seine Überzeugung: "Das Risiko gehört zu unserem Leben dazu."

Risiko Leben – Fürchten wir uns vor dem Falschen?

Darüber diskutiert Klaus Pokatzky heute von 9:07 Uhr bis 11 Uhr mit Ortwin Renn. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen und Fragen stellen unter der Telefonnummer: 0800 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de.

Literaturhinweis:
Ortwin Renn: Das Risikoparadox. S. Fischer, Frankfurt/Main 2014, 608 Seiten, 14,99 Euro

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