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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 16.12.2007

Orthorexie - neue Krankheit oder nur ein neuer Name?

Gesundheit ist als Thema allgegenwärtig. Von Kindesbeinen an sollen wir auf unsere Gesundheit achten. Wenn wir das tun, bleiben wir nicht nur von gefürchteten Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt verschont, sondern auch zeitlebens jung und schön. Doch überall lauern im Essen Gefahren: chemische Schadstoffe, versteckte Fette und wertlose Nahrungsmittel. Deshalb beschäftigen sich immer mehr Menschen mit der richtigen Ernährung. Und manchmal nimmt die Beschäftigung mit dem gesunden Essen krankhafte Formen an. Dann spricht man von Orthorexie.

Ist das eine neue Erscheinung? Das gab es früher auch – aber es war die Ausnahme. Das Verhalten wurde einfach unter den Zwangsstörungen subsumiert. Inzwischen nimmt aber die Zahl der Betroffenen rasant zu, so dass eine eigenständige Bezeichnung gerechtfertigt erscheint. Natürlich leidet nicht jeder, der sich ums Essen sorgt, unter Orthorexie.

Der typische Orthorektiker beschäftigt sich viele Stunden am Tag mit dem "richtigen" Essen, plant jede Mahlzeit minutiös. Er wälzt Nährwert- und Vitamintabellen, informiert sich detailliert über Schadstoffgehalte. Orthorektiker gehen nicht mehr ins Restaurant, sondern bereiten aus Angst vor Ernährungsfehlern alles selber zu. Bei Einladungen bringen sie ihr eigenes Essen mit. Der Orthorektiker bemüht sich dabei um das "richtige" Essen. Ob es ihm schmeckt oder Bauchschmerzen verursacht, interessiert ihn nicht mehr.

Fühlen sich die Betroffenen als etwas besseres? Diese Vorstellung hält den Orthorektiker trotz häufiger Unterernährung bei Kräften: Ein betroffener Biobauer und Koch, der übrigens den Begriff Orthorexie prägte, beschrieb sich so: "All die bemitleidenswerten, verkommenen Seelen ... die Schokoladenkekse und Pommes frites in sich hineinstopften, waren für mich nichts weiter als Tiere, denen es nur darum ging, ihre sinnlichen Begierden zu befriedigen. In meiner Tugendhaftigkeit sah ich mich verpflichtet, meine schwächeren Brüder aufzuklären, hielt ... Vorträge über das Übel industriell verarbeiteter Nahrung und die Gefährdung durch Pestizide und Kunstdünger."

Was sind die wichtigsten Merkmale der Orthorexie? Betroffene outen sich meistenteils als Vegetarier. Das entbindet sie an der Teilnahme üblicher Mahlzeiten. Gibt es Gemüse muss es dann aber mindestens Bio sein, bevor sie es essen. Sie sind oft untergewichtig, aber nicht magersüchtig. Wichtigstes Merkmal: ein ausgeprägter Missionierungsdrang. Die meisten Orthorektiker haben als Berufswunsch "Ernährungsberater/in". Noch toller finden sie nach meinen Erfahrungen einen Job in den Gesundheitsredaktionen – am liebsten beim Fernsehen oder in Frauenzeitschriften. Da zieht es sie mit magischer Macht hinein. Meistens auch mit Erfolg.

Was lässt dagegen tun? Hier ist Prävention angezeigt. Zurückfahren der "Gesunden-Ernährung". Seit vielen Jahren weiß man, dass durch diese Kampagnen nicht etwa der Gesundheitszustand besser wird, sondern die Angst zunimmt. Wenn an unseren Gymnasien bereits ein Drittel der pubertierenden Mädchen klare Anzeichen von Essstörungen zeigt, ist das ein Alarmsignal ersten Ranges.

Aber die gesunde Ernährung ist doch ein sinnvolles Ziel? Diesem Ziel sieht sich der Orthorektiker verpflichtet. Er ist der einzige, dem es gelingt allen diesbezüglichen Anforderungen zu genügen – und ist davon krank. Die eigentliche Triebkraft dieser Kampagnen ist nicht "Gesundheit", sondern der unbedingte Wille nicht nur sich, sondern auch andere zu kontrollieren. Wir haben dabei jedes Maß verloren.

Literatur:
Bratman S: Health Food Junkies, Orthorexia nervosa. Broadway, New York 2000
Anon: Ungesunder Gesundheitswahn. Senses 2006; H.IV: 36-38
Degen R: Besessen vom gesunden Essen. Tabula 2003; H.2: 4-9
Kinzl JF et al: Orthorexia Nervosa in Dieticians 2006; 75: 395-396
Zamora C et al: Ortorexia nerviosa. Un nuevo trastorno de la conducta alimentaria? Actas Espanoles Psiquiatria 2005; 33: 66-68
Aloufy A, Latzer Y: Diet or health – the linkage between vegetarianism and anorexia nervosa. Harefuah 2006; 145: 526-549

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