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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.10.2008

Orpheus im Zonenrandgebiet

Jochen Rausch: "Restlicht", Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten

Der Roman führt ins Harz (AP)
Der Roman führt ins Harz (AP)

Jochen Rausch ist der Chef des WDR-Jugendsenders "Eins Live", ist zu Hause in der Popkultur und in der Musikgeschichte und hat in seinem Debütroman alles richtig gemacht. Der führt in ein kleines Kaff im Harz, ehemals Zonenrandgebiet. Dort verschwindet 1975 ein junges Mädchen. Ihr damaliger Freund macht sich 30 Jahre später noch einmal auf die verblassende Spur, denn er kann seine erste Liebe nicht vergessen. Ein Krimi mit besonderem Siebzigerjahre-Sound, der in die bundesrepublikanische Jugendkultur führt und darüber hinaus erzählt: Wer ohne Abschied geht, verschwindet nie ganz.

Sie sind jung und machen das, was man mit 18, 19 so macht: Musik hören, Musik machen, Mofa fahren, verliebt sein, die Körper aufeinander fallen lassen – im Zweifel auch ab und an ein paar bewusstseinserweiternde Substanzen konsumieren. Peter, der Protagonist des Buches, macht, was alle anderen in dieser Clique in dieser Kleinstadt im Harzer Zonenrandgebiet tun, in einem öden Grenzkaff im Westen 1975. Doch Peter hat noch eine weitere Leidenschaft: das Fotografieren. Eines Tages macht er auf einer Feier einen Schnappschuss von Astrid. Erst in der Dunkelkammer entdeckt er die Schönheit dieses Mädchens, das ihn von da an nicht mehr loslassen wird.

In Rückblenden erzählt Peter, wie aus dem unscharfen Schnappschuss seine erste Liebe wird, wie er mit Astrid das Gelände an der Grenze durchstreift, sich einen Sommer lang in Blickweite des gesicherten Terrains um ihre Küsse bemüht. Astrid, die Tochter aus gutem Hause, die The Moody Blues und Mike Oldfield hört, wird seine Freundin, der er "Special-Love-Mixkassetten" aufnimmt, mit der er sein erstes Mal erlebt. Peter archiviert sein Leben in dieser Zeit mit Hilfe seiner Kamera, und es ist vor allem Astrid, die er Bild für Bild versucht zu begreifen.

Als habe er gewusst, dass sie ihm wieder entgleiten wird: eines Tages ist Astrid plötzlich verschwunden, spurlos. Im Sommer 1975. Peter zieht in die USA, wird erfolgreicher Fotograf. 30 Jahre später wird ein Skelett einer jungen Frau gefunden, und Peter macht sich auf den Weg zurück in seine Heimatstadt. Auch, um die Suche nach Astrid wieder aufzunehmen.

Er kehrt zurück in ein Gebiet der eigenen genauso wie der kollektiven Grenz-Erfahrung, in einen luftleeren Raum, in dem das Verschwinden der Grenze einen ebensolchen Phantomschmerz hinterlassen hat wie das Verschwinden von Astrid. Das Skelett, so steht schnell fest, gehört zu einer jungen Skandinavierin, die im Sommer `75 ermordet wurde, als auch Astrid verschwand. Was haben die beiden Mädchen miteinander zu tun gehabt? Peter Blooms verzweifelte Recherchen, 30 Jahre später, machen ihn verdächtig. Er erkundet seine eigene Jugendwelt und deren Abgründe: die von damals, das muss er feststellen, gibt es immer noch. Stück für Stück kommt er der Wahrheit über Astrids Verschwinden näher, stößt dabei auf schmerzhafte Geheimnisse und sogar auf einen Nebenbuhler.

Das klassische Konzept eines Krimis besteht darin, ein Verbrechen geschehen zu lassen, das dann sukzessive aufgeklärt wird. Man recherchiert zusammen mit dem Detektiv und die Handlung schmiegt sich an die Ermittlungen. In "Restlicht" ist das anders: Sukzessive gewinnt man einen Informationsvorsprung vor dem Protagonisten, und erkennt auch, dass Peters Verhalten pathologische Züge annimmt. Ihr Verschwinden lässt Astrid für Peter nicht verblassen. Sie wird farbiger, konturierter von Tag zu Tag, Jahr zu Jahr. In der Psychologie würde man von einem Trauma sprechen: ein Moment, der seine eigenen Wiederholungen ausbildet, eine angehaltene Zeit, die nie vergeht. Somit erzählt Rausch hier durchaus eine Krankengeschichte – mit einem sympathischen aber heillos naiven Protagonisten.

Der Autor Jochen Rausch ist Chef des WDR-Jugendsenders "Eins Live". Neben seiner Radiokarriere macht er Musik, hat Texte des verstorbenen Underground-Schriftstellers und Krimiautors Jörg Fauser vertont und arbeitet aktuell zusammen mit Udo Lindenberg. Mit Fauser ist bereits eine Referenzgröße genannt – ähnlich wie dieser versteht es Rausch, bundesrepublikanische Geschichte und vor allem die Jugendkultur zu jener Zeit auf den Punkt zu bringen.

Rausch ist zu Hause in der Popkultur und der Musikgeschichte, und das merkt man auch seinem Buch an. Seine direkte und unprätentiöser Erzählweise ist wie ein guter Song von The Who, The Moody Blues oder Mike Oldfield, die er gerne zitiert. Diesem Sound kann man sich genauso schwer entziehen wie der Krimihandlung – auch, weil sie ein uraltes Thema der Literatur in einem neuen Gewand zeigt: die verschwundene Frau, den trauernden Mann.

Wie ein Orpheus nach seiner Eurydike taucht der Protagonist in die Vergangenheit. Mit seinen alten Fotos und Erinnerungen, mit ausführlichen Geländebegehungen und mit den Rocksongs dieser für ihn glücklichsten Zeit seines Lebens versucht er, Astrid wieder auferstehen zu lassen. Was einfach so verschwindet, verschwindet nie ganz, heißt es im Buch, wer ohne Abschied geht, wird nicht vergessen. Kunst wiederum beginnt immer mit einer Erinnerung – und manchmal entstehen daraus ganz leichte und weise Krimis wie dieser hier.

Rezensiert von Katrin Schumacher

Jochen Rausch: Restlicht
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten, 8,95 Euro

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