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Lesart | Beitrag vom 08.03.2016

Orna Donath: "#regretting motherhood"Wenn Mutterschaft zur Last wird

Von Kim Kindermann

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Ein Frau trägt bei Sonnenuntergang einen Säugling in einem Tragegurt vor der Brust (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Ein Frau trägt bei Sonnenuntergang einen Säugling in einem Tragegurt vor der Brust (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Mit "#regretting motherhood. Wenn Frauen bereuen" reagiert Orna Donath auf eine heftige Debatte, die sie selber ausgelöst hatte. Die israelische Soziologin hatte vor rund einem Jahr eine Studie über Mütter veröffentlicht, die bedauern, Kinder bekommen zu haben. Das neue Buch lässt nun die Frauen und die Autorin ausführlich zu Wort kommen.

"Stillst du noch? Bereust Du schon?", titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am Wochenende und brachte es damit genial auf den Punkt: Denn über Mutterschaft wird derzeit so heftig diskutiert wie nie. Angefangen vom Geburtsort, über die Ernährung, die Betreuung bis hin zur Rückkehr in die Berufstätigkeit - nichts wird mehr den Frauen selbst überlassen, ohne sie einer öffentlich Vendetta unterzogen zu haben. Denn jede / jeder weiß es besser - ungeachtet, ob sie oder er Kinder hat.

Mutterschaft ist längst keine Privatsache mehr, schreibt Orna Donath. Sie ist gesellschaftlich relevant. Und fällt gerade hierzulande auf eine merkwürdige Gemengelage: Einerseits gilt noch immer der Mythos der heiligen Mutter, andererseits wird kaum etwas so sehr belächeltet wie die "Mutti", die sich ausschließlich um ihr Kind kümmert. Zumal - so die öffentliche Wahrnehmung - allein der Mutter das Seelenheil des Kindes obliegt.

Dass macht auch die Diskussion über die Studie zum Thema "regretting motherhood" deutlich, die Orna Donath im April 2015 veröffentlichte. Darin sprachen 23 Frauen darüber, dass sie ihre Mutterschaft dauerhaft bereuten und sie gerne rückgängig machen würden, wenn es denn ginge.

Das war harter Tobak in den Augen vieler, denn die zitierten Frauen leiden nicht unter ambivalenten Gefühlen, die jede Mutterschaft mit sich bringt, sondern sie hatten schlicht für sich selbst festgestellt, dass sie besser gar keine Mutter geworden wären. Dass ihnen das vielzitierte Muttergen fehle und sie sie sich täglich abkämpfen müssen mit ihrer ungeliebten Lebenswirklichkeit.

Wären sie berufstätig, würden sie den Job wechseln. Das würde ihnen jeder raten. Nur hier geht es nicht so einfach, der Kinder wegen – genau das aber macht die Situation so prekär und für viele auch so provozierend.

Ein Buch, das selten unberührt lässt

Dabei hat die israelische Soziologin offenbar einen wahren Kern getroffen: Denn allein seit Dezember sind in Deutschland vier Bücher zum Thema erschienen. Darunter eben auch das von Orna Donath selbst. Es ist das Buch zur Studie, wenn man so will. Darin lässt sie die interviewten Frauen nochmals ausführlich zu Wort kommen, kommentiert ihre Studienergebnisse ausgiebig und reagiert auch auf die Kritik, die ihr im letzten Jahr entgegenschlug.

In sechs Kapiteln und auf über 270 Seiten wird so jeder Aspekt der Mutterschaft beleuchtet: Was die Gesellschaft will, wie Mütter handeln, aussehen und sich fühlen sollen und wie Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, damit leben, ob sie schweigen oder sich outen sollen und worin der Unterschied zwischen Reue und Ambivalenz besteht.

Ein interessantes und spannendes Buch ist dabei herausgekommen. Eines, das einen selten unberührt lässt. "Ich könnte vollkommen auf sie verzichten. Wirklich. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken", sagt eine Mutter von drei kleinen Kindern und eine andere stimmt ihr zu: "Schade, dass ich überhaupt ein Kind habe. Ich hätte lieber keins gehabt." Oder: "Wenn ein kleiner Kobold käme und mich fragen würde, soll ich sie wegnehmen, als ob nichts geschehen wäre, würde ich ohne zu zögern Ja sagen."

Viele der Mütter waren schlecht informiert

Sie erzählen davon, wie sehr sie sich gesellschaftlich genötigt gefühlt haben, überhaupt Kinder zu bekommen. "Darüber habe ich überhaupt nicht nachgedacht", "Es lag am sozialen Druck. Weil alle es so machen". Oder dass ihre Kinder ihrem Leben einen Sinn geben sollten: "Mich für das Leben zu entscheiden, hieß für mich eigene Kinder zu bekommen." Bis hin zu: Kinderbekommen sei "eine Form von Therapie" gewesen.

Jede hat ihre eigene Geschichte und einige wenige dieser Frauen haben auch die Konsequenzen gezogen und ihre Kinder dem Vater übergeben. Entgegen all der Furcht, die auch sie davor hatten, als "Rabenmütter" zu gelten.

Schnell wird so klar, diese Frauen spielen eine Rolle, sie fühlen sich einem normativen Muttergefühl verpflichtet und leisten diesem aus reinem Pflichtgefühl Folge. Und so wird bei all den unterschiedlichen Lebensschilderungen deutlich: Viele der bereuenden Mütter waren schlecht informiert. Sie haben sich gesellschaftlichen Normen gebeugt, keine Alternativen gesehen oder sich schlicht nicht getraut, Nein zu sagen.

Und vielleicht besteht darin der größte Verdienst dieses Buches, Frauen deutlich zu machen, dass sie auch ohne Kinder in dieser Gesellschaft willkommen sind. Ganz wertfrei. Ohne Verurteilung und Kommentar. Und dass es künftig unterlassen wird, Frauen überhaupt danach zu fragen, ob und wann sie gedenken, ein Kind zu bekommen. Junge Männer fragt man das ja auch nicht.

Orna Donath: "#regretting motherhood. Wenn Mütter bereuen"
Übersetzt von Karlheinz Dürr und Elsbeth Ranke
Albrecht Knaus Verlag, München 2016
272 Seiten, 16,99 Euro

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