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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.06.2012

Opfer der Militärdiktatur

Rodolfo Walsh: "Wer erschoss Rosendo García?", Rotpunkt Verlag, 182 Seiten

Seit 1976 war in Argentinien eine Militärjunta an der Macht. (AP)
Seit 1976 war in Argentinien eine Militärjunta an der Macht. (AP)

Der Name Rodolfo Walsh lässt die Herzen von Argentiniern höher schlagen: 1977 ermordeten Militärs den Autor. Einen Tag zuvor hatte er den Zeitungen einen "Offenen Brief" geschickt. Eines seiner bedeutendsten Werke wurde nun neu übersetzt.

Am 16. Mai 1966 gegen Mitternacht werden in einer Pizzeria in Avellaneda, einem Arbeitervorort von Buenos Aires, drei Gewerkschaftler von tödlichen Schüsse getroffen. Einer ist Rosendo García, ein "sympathischer Maulheld und Glücksritter", Avellaneda-Chef der Unión Obrera Metalúrgica. Die UOM ist die mächtigste und reichste, in ihr und dem Dachverband Confederación General del Trabajo zieht Augusto Timoteo Vandor die Fäden.

Die CGT ist seit Perón das Instrument, mit dem Argentinien seine Arbeiter "befriedet" - durch Korrumpierung. In den post-peronistischen Regimen mutiert die CGT endgültig zum Apparat des "Vandorismus", der Korruption und Kollaboration auch bei Morden an Arbeitern. Rosendo García hat 1966 als Einziger "das Format, Vandor abzulösen". Dessen Macht hängt am seidenen Faden.

Die beiden anderen Toten gehören zur Opposition gegen den "Vandorismus". Sie wären vermutlich sogar namenlos geblieben, wäre da nicht Rodolfo Walsh. Für den Schriftsteller-Journalisten mit irischen Vorfahren aus dem armen Patagonien sind sie die Bedeutenderen: Domingo "der Grieche" Blajaquis, "integer, aufrichtig, ein echter Held seiner Klasse", und Juan Zalazar "mit seiner tief sitzenden Schwermut ein Spiegelbild der trostlosen Lage der Arbeiterschaft seines Landes".

Walsh hatte zehn Jahre zuvor "Das Massaker von San Martin" aufgedeckt - erst in einer Artikelserie, dann in einem Buch. Er hatte damit auch ein neues Erzählverfahren erfunden, die literarische Reportage, auch new journalism genannt. Walsh, Autor auch von Kriminalgeschichten, hatte bewusst, manchmal spöttisch ein Gegenmodell etwa zu Borges’ früh-dekonstruktivistischer Idee der Ficciones entwickelt, das man rekonstruktivistisch nennen könnte. Dieses Verfahren wendet er im Fall der drei Toten aus der Pizzeria erneut an.

"Wenn jemand dieses Buch als einen simplen Kriminalroman lesen will, dann ist das seine Sache. Ich glaube nicht, dass ein so komplexer Vorfall sich zufällig ereignet hat", warnt er in der Vorbemerkung. Um dann alles Nicht-Zufällige minutiös und hartnäckig zu ermitteln. Das liest sich entschieden spannender als die meisten Kriminalromane, gerade weil Walsh auf Fiktionalisierung verzichtet. Er ersetzt sie durch sorgfältige Recherche und Sich-Hineinversetzen.

So wird sinnlich erfahrbar, was an jenem Abend passiert ist, wer alles dabei war und dann verschwunden, wer geschossen hat und wer nicht, wer mit welchen Tricks vertuscht, verdreht, Beweise fälscht, wie willkürlich Polizei und Justiz operieren und wie willfährig die Presse bei allem hilft, rechts wie links. So werden die Beteiligten lebendig, denn Walsh erzählt ihre Lebensgeschichte in einer keineswegs kunstlosen, faszinierenden Mischung aus Nüchternheit und Empathie und gibt ihnen ihren Platz zurück.

"Wer erschoss Rosendo Garcia?" ist ein aufwühlendes J’accuse, das Vandor und seine Leute nicht nur als Mörder ihrer beiden Gegner wie ihres eigenen Genossen enttarnt, sondern auch als Steigbügelhalter des putschenden Generals Onganía, mit dem die argentinische Katastrophe beginnt, die fast 20 Jahre dauert.

Besprochen von Pieke Biermann

Rodolfo Walsh: Wer erschoss Rosendo García?
Ein Bericht
Aus dem Spanischen von Manfred Heckhorn
Rotpunkt Verlag Zürich
182 Seiten, 16 Euro

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