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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2014

OperKleine Details und große Wahrheiten

Andrea Moses inszeniert in Stuttgart Giacomo Puccinis "La Bohème"

Von Rainer Zerbst

(dpa / picture alliance / Michael Latz)
"La Bohème" in Stuttgart mit Pumeza Matshikiza als Mimi und Atalla Ayan als Rodolfo. (dpa / picture alliance / Michael Latz)

Mit allerlei Seitenhieben auf den modernen Kunstbetrieb hat Andrea Moses in Stuttgart Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" gespickt. Nicht nur die sarkastischen Randbemerkungen, auch die gesanglichen Leistungen sind überzeugend.

Die Freunde bemerken den Tod Mimis nicht, sie sorgen sich noch um Medizin für die Todkranke, die ihr doch nicht mehr geholfen hätte. Nur das Opernpublikum sieht bereits die tote Mimi in Großaufnahme auf einer Videoleinwand, denn Rodolfos Freund Marcello ist in Andrea Moses' Inszenierung nicht nur Maler, sondern auch Videokünstler, Kameras und Mikrophone gehören bei ihm ebenso zum Handwerk wie die Spraydose – schließlich stammt das Bühnenbild von dem Graffitikünstler Stefan Strumbel, der in Marcello sein zweites Ich geschaffen hat – mit unvermeidlichem Schlapphut und Sonnenbrille. Aber nicht nur die Freunde bemerken den lautlosen Tod Mimis nicht, auch die übrigen Gestalten, die in dieser Inszenierung die letzte Szene bevölkern: Es sind Kunstfreunde, die sich in einer Galerie mehr gelangweilt nach Kaufbarem umsehen. Die Käufer, so die Botschaft dieser Szene, interessieren sich nicht dafür, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht.

Arien, die bei Puccini nur Fremdkörper sind

Immer wieder lenkt Andrea Moses durch kleine Details auf große Wahrheiten. Wenn die Rodolfo und Mimi ihre Arien singen, greifen sie in dieser Inszenierung zum Mikrophon. Das ist ein Seitenhieb auf den Klassikbetrieb von heute, in dem Weltstars einzelne Arien zusammenhanglos zu Recitals verknüpfen - die Arie als Showstück. Und Andrea Moses macht damit deutlich, dass solche Arien in Puccinis Oper eigentlich Fremdkörper sind. Immer stärker hatte Puccini die traditionelle Arie aufgelöst zugunsten eines Klangkontinuums. Da gilt auch schon für diese Oper, die ja im Titel bezeichnenderweise nicht auf die tragische Liebe zwischen Mimi und Rodolfo verweist, sondern auf das muntere Treiben der Pariser Künstlerboheme. Im zweiten Bild tauchen die Figuren denn auch nur punktuell aus dem munteren Weihnachtstreiben rund um das Cafe Momus auf, um gleich im Gesamtklang wieder unterzugehen. Hier fiel Andrea Moses allerdings nicht viel mehr ein als eine Ausstattungsrevue à la Hollywood.

"Aus einem Metallcontainer in den Puff"

Gesanglich ist die Stuttgarter "Boheme" ein Genuss in jeder einzelnen Stimme. Die kleinen sarkastischen Randbemerkungen über die Gesellschaft, die Andrea Moses gern in ihre Inszenierungen einfügt, beschränken sich auch nicht auf die arroganten Kunstkäufer im letzten Bild. Wenn wir im dritten Bild ins nächtliche Halbweltmilieu eintauchen, dann lässt der Zuhälter in der Stuttgarter Inszenierung seine Prostituierten aus einem Metallcontainer in den Puff – vermutlich Frauen aus dem Osten. Auf den Container steht mit der Spraydose geschrieben: "Heimat loves you".

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