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Studio 9 | Beitrag vom 17.03.2015

"Online-City Wuppertal"Schneller als Amazon

Von Moritz Küpper

 Die Wuppertaler Schwebebahn über der Sonnbornerstraße. (picture-alliance/ dpa / Horst Ossinger)
Die Wuppertaler Schwebebahn über der Sonnbornerstraße. (picture-alliance/ dpa / Horst Ossinger)

Immer mehr Menschen bestellen online, die Einzelhändler leiden, die Innenstädte veröden. In Wuppertal stellen sich Kaufleute gegen diesen Trend: mit der "Online-City-Wuppertal".

"Guten Tag, haben Sie uns gefunden?"

Das Beleuchtungsgeschäft "Lichtbogen" in Wuppertal-Nordfeld.

"Das ist ja wirklich momentan die Hölle..."

Die Verkehrssituation in der knapp 350.000-Einwohner-Stadt im Bergischen Land ist momentan schwierig: zahlreiche Baustellen, dazu eine Vollsperrung rund um den Hauptbahnhof führen dazu, dass viele Bereiche der Innenstadt nur umständlich zu erreichen sind. Für Einzelhändler eine Katastrophe – auch für Frank Marschang. Doch der Geschäftsführer von "Lichtbogen" geht zur Tür und zeigt stolz einen türkisen Aufkleber: "Offline wie online."

Marschang ist eins der ersten Mitglieder der Online-City Wuppertal. Er war die Nummer 15 von mittlerweile über 50 Händlern, die sich sozusagen zu einem lokalen Online-Marktplatz zusammengeschlossen haben. Das Ziel war eben die Verknüpfung von online und offline. Oder anders: "Online shoppen. Im Geschäft kaufen." Ihr Hauptversprechen: Die Produkte werden auf Wunsch noch am selben Abend zugestellt. Denn: Der Verkehr ist zwar das eine Problem, doch die größte Gefahr für die Einzelhändler kommt aus der virtuellen Welt. Amazon, Zalando und andere Internetriesen. Denen will man sich in Wuppertal entgegenstellen – mit Händler-Persönlichkeiten wie eben Marschang:

"Der Kontakt zu den Kunden wird dadurch enger. Sonst ist eine Internetplattform ja ziemlich anonym, ob es jetzt irgendwo im Norden oder im Süden beim Internethändler kaufen, bei Großen, da haben sie einen Support meinetwegen, aber das ist sehr unpersönlich."

Seit 1995 führt Marschang seinen Laden, feiert in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum – und wagt nun etwas Neues, meldete sich Ende des vergangenen Jahres bei Christiane ten Eicken.

Die Projektmanagerin der "Online City Wuppertal", sitzt einige Kilometer vom "Lichtbogen" entfernt, in Haus 3 des Technologiezentrums, einem Gewerbegebiet, nur mit weißen, langgezogenen Altbauten versehen, und redet über ihr Projekt. Hier, in den Räumen der Wirtschaftsförderung Wuppertal, begann der "Kampf gegen Amazon", wie es nun in einigen überregionalen Zeitungen heißt.

"Um bei den Kunden einfach ein Bewusstsein zu schaffen: Es geht hier um lokal, es geht hier um Deine Händler."

4000 Produkte − von Mode bis Süßwaren

Dabei ging es zu Beginn gar nicht um einen Online-Marktplatz, sondern vielmehr darum, die Stadt in Bezug auf die digitalen Shoppingmöglichkeiten voranzubringen und den lokalen Händlern die Möglichkeiten im Internet aufzuzeigen – oder, wie es ten Eicken formuliert:


"Sanft das rote Tuch Internet vom Gesicht zu reißen – um zu zeigen: Das ist auch eine Chance."

Aus dieser Gemengelange sowie der Zusammenarbeit mit Start-Up "Atalanda" entstand ein lokaler Marktplatz, der mittlerweile rund 4000 Produkte präsentiert, vom Modeladen bis zum Süßwarenshop. Das Konzept: Im Bestellvorgang muss der Kunden angeben, ob er das Produkt selbst abholen, tagesaktuell geliefert bekommen will oder ob es zum Wunschtermin eintreffen soll. Kosten entstehen wenig: Bei einer Online-Bestellung erhält "Atalanda" acht Prozent des Nettowarenumsatzes, die Kosten der Lieferung liegt im Ermessen der Händler:

"Die taggleiche Lieferung oder Lieferung grundsätzlich beträgt 5,95 Euro. Da kann der Händler sich aussuchen... Also, es gibt welche, die übernehmen die 5,95 Euro komplett für den Kunden, es gibt welche, die sagen: Ab Warenwert xy subventionier ich das zur Hälfte oder übernehme es zu einem Warenwert-Korb von 100 Euro komplett. Also, da gibt es ganz verschiedene Spielarten. Grundsätzlich trägt die Kosten für taggleiche Lieferung der Kunde."

Aktuell wird der Service noch von einem lokalen Kurier-Unternehmen ausgeführt, sozusagen nebenher. Doch künftig wird DHL dies übernehmen – nicht zuletzt, weil das Wuppertaler Modell ja auch auf andere Städte übertragen werden soll. "Atalanda", der Betreiber selbst, ist mit über 60 Städten im Gespräch. Während die Plattform in Wuppertal für die Händler noch kostenfrei ist, sollen dann 20 Euro pro Monat fällig werden.

Ob es funktioniert, muss sich allerdings noch zeigen, denn die Zahl der eigentlichen Online-Bestellungen in Wuppertal ist noch recht niedrig. Frank Marschang ist vor allem aus Marketing-Gründen von dem Konzept überzeugt, schätzt den Austausch mit den Kollegen. Die Schlagzeilen "Kampf gegen Amazon" oder vom "Widerstand in Wuppertal", lösen bei ihm allerdings nur ein Lächeln aus:

"Dieser Anspruch, diesen großen Internetplattformen da Paroli zu bieten, wage ich so erstmal so ein bisschen ... Ist schon ein wenig gewagt, aber überhaupt die Idee, so etwas zu tun, zu sagen: Okay, was die im Großen können, können wir im Kleinen allemal, ist das, glaube ich, sehr ansprechend für die Bürger in Wuppertal."

 

Mehr zum Thema:

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