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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.08.2010

Onkel Thilo erklärt die Welt

Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen", Deutsche Verlagsanstalt, 464 Seiten

Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin, stellt  in Berlin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vor. (AP)
Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin, stellt in Berlin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vor. (AP)

Haben Sie sich heute schon gelangweilt? Haben Sie sich heute schon geärgert? Wollen Sie sich mal so richtig ausgiebig langweilen und zwischendurch auch mal aufregen? Dann greifen Sie zu Thilo Sarrazin. Der ehemalige Berliner Finanzsenator und jetzige Bundesbanker ist ein Mann des offenen Wortes – und des lauten, manchmal schrillen.

Wie haben wir da auf sein Buch gewartet: Das müsste doch wirklich flott geschrieben sein, all die anstößigen Thesen vor allem zur muslimischen Ein- und Unterwanderung Deutschlands noch einmal auf den Punkt gebracht – und natürlich eine ganz persönliche Aufarbeitung der Reaktionen auf all das, was er in den letzten Jahren so von sich gegeben hat. Der Gottseibeiuns der Sozialdemokratie, der immer mal wieder für Schlagzeilen gut ist.

Die Zeilen zu seinem Buch könnten ihn nun wahrhaft erschlagen. Dabei ist es ätzend – langweilig. 464 Seiten, davon 55 Seiten Anmerkungen. Doch halt: Das ist falsch. Im Grunde besteht das Buch aus Anmerkungen fast von der ersten Seite an. Es ist ein Anmerkungsbuch, in dem uns Onkel Thilo die Welt erklärt: Sarrazins kleine Weltgeschichte – von den goldenen ägyptischen Zeiten unter den alten Pharaonen über die spätrömische Dekadenz bis zur Blüte der Bundesrepublik, die nun verfault und vor sich hin modert.

Dazwischen blitzen mal, viel zu selten und viel zu kurz, einige persönliche Erinnerungen an den jungen Thilo in Recklinghausen ("Wie ich lesen lernte") auf – und natürlich immer wieder und immer in ähnlichen Worten das Gespenst, das den in die Jahre Gekommenen umtreibt: Die Intelligenten sterben aus, weil sie nicht genügend Nachkommen zeugen; die Dummen – vor allem die Muslime – werden immer mehr, weil sie sich vermehren wie verrückt.

Doch vor allem, viel zu oft und viel zu lang, die ausschweifenden Beschreibungen, wie der Mensch so ist und sein sollte; wie soziale Gemeinschaften funktionieren müssten; wie wichtig Wohlstand und Beschäftigung für die Entwicklung einer Nation sind – das ist alles reichlich platt und banal. Das Flotte – aus dem "Spiegel" und "Bild" und "Zeit" vorabdrucken durften – hätte man in die ersten höchstens hundert Seiten nehmen können und die restlichen 350 Seiten als Anmerkungen. Das hätte den Autor wohl eher zu einer logischen Strukturierung seines Gedankenflusses gezwungen. Und dann hätte er uns vielleicht erklärt, wie es zusammenpassen soll, wenn einerseits die religiöse Unterwanderung unseres Vaterlandes durch muslimische Einwanderer mit ihren "genetischen Belastungen" zu immer mehr Dummheit führt – und gleichzeitig für Berlin-Neukölln feststellt:

"Die Mädchen mit den strengsten Kopftüchern entstammen den religiös orthodoxen Familien und sind meist recht gebildet. Die besonders streng Verschleierten sind oft die Fittesten in der deutschen Sprache."

Vererben nun die Muslime ihre Dummheit von Generation zu Generation, weil doch Dummheit und Intelligenz vererbt werden – oder sind etwa gerade die besonders Religiösen die Klügsten?

Sarrazin wäre aber nicht Sarrazin, wenn er nicht auch sein zweites Lieblingsthema aus Berliner Finanzsenatorenjahren aufgreifen würde: die ewig maulenden Hartz IV-Empänger, denen es doch im Grunde recht gut geht. Wer sein Pamphlet – wie jetzt in der aktuellen Debatte unter Beteiligung der halben Bundesregierung – auf die anti-muslimische Attitüde reduziert, der verkennt Sarrazins missionarischen Anspruch. Es reicht ja nicht, wenn die Deutschen sich fortpflanzen. Es sollen die wohlhabenden, die gebildeten, die "intelligenten" Deutschen fortzeugend sich gebären: "Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist."

Schon als Berliner Finanzsenator ging ihm das Jammern der Hartz IV-Empfänger gewaltig auf die Nerven. Denen hat er damals empfohlen, im Winter doch mal Pullover in der Wohnung anzuziehen, damit ihre Heizkosten sinken. Und für die Hartz IV-Empfänger hat er, gemeinsam mit der Gattin, "im Rahmen des Regelsatzes der Sozialhilfe", einen Speiseplan entwickelt ("sehr ausgewogen und abwechslungsreich") – und den sogar getestet. Stolz wird der jetzt im Buch nachgedruckt. Samt "Zwischenmahlzeit" mit "1 Tasse Kaffee + 1 Banane" für 30 Cent. Da lacht der Magen des Hartz IV-Empfängers. Der Selbstversuch währte immerhin "einige Tage". Dann wurde im Hause Sarrazin wieder richtig gegessen. Jetzt, die Bestsellerlisten vor Augen, kann dort wahrlich geschlemmt werden. In spätrömischer Dekadenz.

Besprochen von Klaus Pokatzky


Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen".
Deutsche Verlagsanstalt, 464 Seiten, 22,99 Euro

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