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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.02.2015

Oldenburger InteressenLobbyarbeit mit Grünkohl und Pinkel

Von Änne Seidel

Pinkel heißt die Wurst, die Oldenburger traditionell mit Grünkohl verzehren.  (Bernd Settnik dpa )
Pinkel heißt die Wurst, die Oldenburger traditionell mit Grünkohl verzehren. (Bernd Settnik dpa )

Alljährlich seit 1956 laden die Oldenburger zum Grünkohlessen: zuerst in der ehemaligen Hauptstadt Bonn, mittlerweile in Berlin. Mehrere hundert Gäste aus Politik und Wirtschaft speisen hier Jahr für Jahr gemeinsam. Und die Gastgeber verfolgen klare Ziele damit - es geht um weit mehr als nur Grünkohl und Pinkel.

Türkischer Botschafter: "Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger..."
Erwin Abel: "Das ist für den Oldenburger so wie die Muttermilch."
Türkischer Botschafter: "...hochverehrtes kurfürstliches Kollegium..."
Angela Merkel: "Kohl war eigentlich eine geordnete Sache, ich fürchte, dass ich mit der Abgabe der Kette in einen Zustand übergehe, wo es sich nur noch um Kraut und Rüben handelt."
Türkischer Botschafter: "...geschätztes Grünkohlvolk!"
Harald Tölle: "Berlin wird ein Highlight erleben!"

"So, jetzt kommst du zu mir, nimmst dir hier zweimal Grünkohl weg. Ganz wichtig: Vorlegebesteck in die Schüssel rein, normalerweise an die Schüssel angelegt, aber das würde dir so schnell runterfallen, immer in die Schüsseln rein. So, Tischnummer? – Eins. – Richtig, zweimal Grünkohl, jetzt fehlen mir noch Röstkartoffeln und Salzkartoffeln. So, Tischnummer? – Eins. – Beilagen? – Eins. – Und raus!"

Die jungen Azubis balancieren die Schüsseln vorsichtig durch das Ausbildungsrestaurant der Oldenburger Berufsschule. Leere Schüsseln allerdings. Es ist die Generalprobe für das "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten" in Berlin.

"So, nehmt euch die Beilagen. Tischnummer? – Zwei. – Und raus! Hehe, das war ein Test! Hast du gemerkt? Deine Beilagen fehlen. Und wo kommt das Besteck hin? – An die Seite. – Nein, da hast du nicht zugehört!"

Noch etwas zaghaft hantieren die Auszubildenden mit dem weißen Porzellan. Manche von ihnen haben ihre Ausbildung erst vor ein paar Monaten begonnen und dementsprechend wenig Erfahrung. Doch die Lehrer kennen kein Pardon: Jeder muss ran.

Lehrer Gunter Bode: "Wir trainieren jetzt hier die Ausgabe des Grünkohl-Essens. Wir haben hier den Pass ungefähr so nachgebaut, das heißt die Essensausgabe, die Trennung zwischen Küche und Service-Bereich, wo dann die Schüler sehen sollen, wie sie am schnellsten die Fleischplatten vorlegen und die Beilagen-Schüsseln einsetzen können. So, dass sie die Abläufe kennenlernen und sehen, wie sie das am schnellsten und effektivsten umsetzen können."

Sogar die Ausbilder sind aufgeregt

Genau wie in den vergangenen Jahren werden die Azubis für den reibungslosen Ablauf des Berliner Grünkohl-Essens verantwortlich sein: eindecken, auftischen, nachschenken – und das für mehrere hundert Gäste, darunter Minister, Botschafter und Vorstandsvorsitzende. Nervosität ist vorprogrammiert.

Auszubildende Katharina: "Man ist halt aufgeregt, dass was runterfällt, davor hat man halt Angst."
Auszubildende Christin: "Das soll ja auch recht eng alles sein, dass man sich da nicht so in die Quere kommt, ich glaube das wird schwer."

Sogar den Ausbildern schlottern ein wenig die Knie beim Gedanken an den großen Auftritt.

Lehrer Jörg Radszuweit: "Ich fahre jetzt das elfte Mal mit und bin genauso aufgeregt wie beim ersten Mal und fiebere genauso mit den Schülern mit. Man ist aufgeregt, aber wir freuen uns auf den Tag, das ist immer eine große Ehre, dabei zu sein."

Immerhin handelt es sich um eine Veranstaltung mit langer Tradition. 1956 richtete die Stadt Oldenburg das Essen zum ersten Mal aus, damals noch in der alten Hauptstadt Bonn.

Horst Milde: "1956 wollten die Oldenburger den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss einladen, die Stadt zu besuchen. Sein Terminkalender war voll und er sagte dann wörtlich zu ihnen: 'Wenn ihr Oldenburger etwas wollt, dann lasst euch etwas einfallen und kommt zu mir nach Bonn.'"

...erinnert sich der Oldenburger SPD-Politiker Horst Milde.

"Dann haben die Oldenburger hier Kohl gekocht, mit allem was dazu gehört, dazu auch ein Pferd mitgenommen und haben den Bundespräsidenten eingeladen, an dem ersten Bonner Kohlessen teilzunehmen."

In den 80er Jahren war Milde Bürgermeister der Stadt, später Präsident des Niedersächsischen Landtags. Beim "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten" war er jahrzehntelang Stammgast. Anfangs, erinnert er sich, ging's vor allem um Eines:

"Eine Stadt, die ganz im Nordwesten liegt und abseits der Entscheidungszentren, in der jungen Bundesrepublik bekannt zu machen, ihren Namen zu verbreiten, und dabei natürlich auch zu werben für die Stadt."

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Freistaat Oldenburg im neu gegründeten Bundesland Niedersachsen aufgegangen. Die Stadt – einst das Zentrum eines unabhängigen Herzogtums – sah sich plötzlich an die Peripherie gedrängt. Umso wichtiger war es, für eine gute Verkehrsanbindung zu sorgen. Sei es im Autobahnbau der damaligen Zeit, sei es bei der Hochlegung der Bahnstrecke von Leer nach Bremen...

Feste Tradition im Berliner Politikbetrieb

Wo lassen sich solche Wünsche besser äußern als bei einem dampfenden Teller Kohl und einem herben Bier? Die Strategie der Oldenburger ging auf. Das Grünkohl-Essen wurde zu einer festen Tradition im Bonner Politikbetrieb.

Horst Milde blättert in einem Fotoalbum.

"Ich erinnere mich gerne an das Essen 1977, an dem Bundespräsident Walter Scheel teilgenommen hat, wir haben auch ein wunderschönes Foto mit Helmut Schmidt, der es sich nicht hat nehmen lassen, Kohlkönig zu werden, und es geht dann über zu Hans-Dietrich Genscher, der auch Kohlkönig wurde, das alles war aber noch in der Bonner Landesvertretung."

Als die Hauptstadt nach Berlin umzog, zog auch das Kohlessen mit. An Popularität verlor es dadurch nicht. Im Laufe der Jahre wurde die Zahl der Einladungen aufgestockt. Weit über 500 hat die Stadt Oldenburg in diesem Jahr verschickt. Knapp 300 Gäste haben zugesagt, darunter der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Aus Oldenburg sind vor allem Politiker und Vertreter der regionalen Wirtschaft geladen.

Das heißt auch: 300 – teils sehr prominente – Grünkohl-Esser, die Oldenburg nachher etwas wohlgesonnener sein sollen. In der Küche des "Bümmersteder Krugs" löst diese Zahl schon lange keine Panik mehr aus. Seit über 25 Jahren liefert die Gaststätte den Kohl für das Berliner Gelage.

"So, jetzt gebe ich halt einfach die Kohlbrühe dazu..."

Der Bümmersteder Krug ist ein echtes Familienunternehmen. Ein altes Bauernhaus am Rand von Oldenburg, mit mächtigem Reetdach, das sich wie eine Perücke an den roten Klinker schmiegt. Der Grünkohl wird seit mehreren Generationen auf dieselbe Art zubereitet, erklärt Wirtin Hildburg Abel.

"Eigentlich wird er nach den alten Hausfrauen-Rezepten gekocht. Das kommt immer noch gut an. Man kann inzwischen auch modernen Kohl zubereiten, der zum Teil auch roh gegessen wird. Inzwischen ist ja auch in Amerika so ein richtiger Boom entstanden. Aber hier in dieser Gegend ist es immer noch so, dass der traditionelle Grünkohl alles toppt."

Dass dem Bümmersteder Krug die Ehre zuteil wurde, den Grünkohl für Berlin zu kochen, verdanken Hildburg Abel und ihr Mann Erwin einem glücklichen Zufall.

Erwin Abel: "Es gab vorher einen anderen Oldenburger Betrieb, der den Kohl jahrelang gekocht hat. Und es ist meines Wissens irgendwann mal etwas schief gelaufen. Und im nächsten Jahr war zufällig eine Kohlfahrt des Rates der Stadt Oldenburg hier, und offensichtlich scheint ihnen der Kohl geschmeckt zu haben. Denn am nächsten Tag sprachen sie uns an, ob wir willens und in der Lage wären, für diese Kohlfahrt in Bonn den Kohl zu kochen. Und die Frage haben wir natürlich gerne mit 'Ja' beantwortet."

Bis zu 150 Kilo Grünkohl werden jedes Jahr verspeist

Im ersten Jahr war die Aufregung groß, schließlich war es die Bewährungsprobe.

Erwin Abel: "Uns war zu Ohren gekommen, weshalb damals die Sache mit dem Grünkohl schief gegangen war, durch die Zwiebeln ist er glaube ich etwas sauer geworden, und dann haben wir uns natürlich fürchterlich Gedanken gemacht: Um Gottes Willen, hoffentlich passiert uns das nicht!"

Aber der Kohl hat gemundet. Familie Abel avancierte zum offiziellen Kohl-Lieferanten der Stadt Oldenburg.

Erwin Abel: "Mittlerweile ist es natürlich auch so, dass halb Oldenburg weiß, dass wir den Grünkohl für Berlin kochen und viele Gäste uns natürlich darauf ansprechen. Und da ist man dann doch schon ein bisschen stolz drauf."

Den Kochlöffel hat das Ehepaar Abel inzwischen an Küchenchef Nico Winkelmann übergeben. Seit ein paar Jahren wacht nun der 30-jährige Mann über dem großen Grünkohl-Kessel.

Nico Winkelmann: "Das ist jetzt die Hafergrütze, Zwiebeln... und natürlich der Senf."

Mit einem riesigen Plastikspatel rührt Winkelmann den blubbernden Kohl um, und verschwindet dabei in einer dichten Dampfwolke.

"Ich finde es persönlich wichtig, den Grünkohl so lange kochen zu lassen, bis er nicht mehr fest im Mund ist, sondern bis alles schön weich ist und dass er eine vernünftige sämige Masse ergibt."

100 Liter passen in Winkelmanns silbernen Kessel. Für das Berliner Essen muss er zwei bis drei Ladungen kochen. Bis zu 150 Kilo Grünkohl werden jedes Jahr in der Hauptstadt verspeist. Der Fahrdienst der Stadt karrt das Gemüse nach Berlin. Dort wird es wieder aufgewärmt. Mit im Gepäck sind 100 Kilo Kassler und 1100 Pinkel – geräucherte Grützwürste, die im traditionellen Oldenburger Kohlgericht nicht fehlen dürfen.

Sprecher: "Eine Welt ohne Grünkohl? Ein solches Szenario ist eigentlich undenkbar, vor allem für die Oldenburger!"

Sprecherin: "Willkommen in der schmackhaften Kohlmetropole!"

Der Grünkohl ist für Oldenburg längst mehr als nur ein deftiges Wintergericht. Seit sich das Stadtmarketing seiner angenommen hat, dient er auch als Werbe-Instrument. In Flyern und im Internet präsentiert sich Oldenburg als "Kohltourhauptstadt".

Sprecher: "Eine Kohlfahrt die ist lustig, eine Kohlfahrt..."
Sprecherin: "...aber auch gesund, denn..."
Sprecher: "...Bewegung an der frischen Luft hilft beim Abnehmen..."
Sprecherin: "...sie festigt soziale Bindungen..."
Sprecher: "...und: Das Ziehen eines gefüllten Bollerwagens stärkt die Muskulatur!"

Männer ziehen einen Bollerwagen über einen Feldweg. (dpa - Andreas Heimann)Mit vollgepacktem Bollerwagen durch die norddeutschen Felder. (dpa - Andreas Heimann)

 

Die Tradition der Kohltouren geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Sie wird bis heute leidenschaftlich gepflegt. Im Winter, zur Erntezeit des Kohls, treffen sich die Oldenburger in kleinen Trupps und ziehen mit einem Bollerwagen über die Felder. Um den Hals baumeln Schnaps-Gläschen, die regelmäßig befüllt – und geleert werden. Nach diversen sportlichen Übungen im Freien kehrt das Kohlvolk in einer Gaststätte ein und darf sich den wohlverdienten Grünkohl einverleiben.

Nach Oldenburg zu kommen, zählt zu den Pflichten des Kohlmonarchen

Türkischer Botschafter: "Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger, hochverehrtes kurfürstliches Kollegium, liebes Kohlvolk!"

Viele Elemente der traditionellen Kohlfahrt finden sich in Berlin, beim "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten", wieder. Etwa die Wahl eines Grünkohlkönigs.

Sprecher: "Und der Kohlkönig ist..."
Sprecherin: "1978:"
Sprecher: "Helmut Schmidt!"
Sprecherin: "1984:"
Sprecher: "Helmut Kohl!"
Sprecherin: "1985:"
Sprecher: "Hans-Dietrich Genscher!"
Sprecherin: "1992:"
Sprecher: "Gerhard Schröder!"
Sprecherin: "1996:"
Sprecher: "Joschka Fischer!"
Sprecherin: "2001:"
Sprecher: "Angela Merkel!"

Die Liste der Kohlkönige und Kohlköniginnen liest sich wie eine kleine politische Geschichte der Bundesrepublik. Fast jeder, der in den letzten Jahrzehnten etwas zu sagen hatte, steht drauf. Und kam zu Besuch nach Oldenburg, denn das gehört zu den Pflichten eines jeden Kohlmonarchen.

Michaela Fenske: "Das ist eine ganz bemerkenswerte Gabe, die die politisch Verantwortlichen in Oldenburg da im Laufe der Zeit bewiesen haben, weil sie sehr, sehr oft Personen als Könige oder Königinnen ausgewählt haben, die in der Tat kurz davor waren, politisch ausgesprochen erfolgreich zu werden."

...stellte die Kulturanthropologin Michaela Fenske fest. Sie forscht seit vielen Jahren zu "politischen Mahlzeiten", also zu Anlässen, bei denen mit Essen Politik gemacht wird, wie etwa bei Staatsbanketten. Auch die Tradition des Oldenburger Grünkohl-Essens hat Fenske wissenschaftlich untersucht. Als Beispiel für eine kluge Entscheidung der Oldenburger nennt Fenske die Wahl von Annette Schavan. 2009 wurde die damalige Bundesbildungsministerin Oldenburger Kohlkönigin.

Sicherlich hat das in Oldenburg eine Bedeutung gehabt mit Blick auf die Universitätsentwicklung, weil sich die Universitäten ja doch mit Blick auf die Exzellenzinitiative und die anderen politischen Maßnahmen massiv verändert und gewandelt haben und jede Universität gefordert ist, ihre Standortstärken stärker herauszuarbeiten und zu betonen und sich zu spezialisieren.

Die Universität Oldenburg tat das unter anderem mit dem Aufbau einer medizinischen Fakultät, der "European Medical School". Zu Schavans Amtszeiten als Kohlkönigin waren die Planungen bereits in vollem Gange. Am Ende ihrer Regentschaft entließ sie der damalige Oldenburger Bürgermeister mit der Bitte, sich weiterhin für Oldenburg einzusetzen. Zur Not würde man sich auch mit drei einfachen Begriffen begnügen: "Exzellenz", "Elite" und "European Medical School". Die öffnete 2012 tatsächlich ihre Türen.

Ein politisch sehr erfolgreiches Instrument

Und auch eine der begehrten Förderungen im Rahmen der Exzellenzinitiative konnte die Uni Oldenburg im selben Jahr ergattern. Ob das tatsächlich dem Grünkohl-Essen zu verdanken war, bleibt offen. Fakt aber ist, dass Schavan nach ihrer Kür zur Grünkohlkönigin mehrmals nach Oldenburg reiste, und dabei auch der Universität einen Besuch abstattete.

Kulturanthropologin Michaela Fenske bezeichnet das Oldenburger Grünkohl-Essen als außerordentlich erfolgreiches politisches Instrument – auch im Vergleich zu anderen "politischen Mahlzeiten", wie etwa dem "Bremer Schaffermahl".

Das Besondere am Oldenburger Grünkohl-Essen ist, dass es so ein Alleinstellungsmerkmal bekommen hat. Weil alle anderen Mahle weniger Bekanntheit haben und auch über eine nicht ganz so lange Tradition verfügen, bzw. wo sie das tun, an den jeweiligen Orten eingebettet in den Kontexten sind, auf die sie auch zielen. Aber das Oldenburger Mahl findet eben in der jeweiligen Bundeshauptstadt statt.

"Was darf ich Ihnen denn bringen? - Ich hätte gerne einmal Grünkohl und Pinkel, und eine Kochwurst. - Etwas dichter ran, mit der Platte. - Und noch einmal Pinkel. - Jawoll, das sieht gut aus."

Die Kellner-Azubis üben immer noch. An einem niedrigen Tisch sitzt Holger Kruse vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Der untersetzte Herr im dunklen Anzug mimt den Gast. Der Kellner-Nachwuchs muss ihm Kohl und Fleisch servieren.

"Oh, das wäre jetzt die Pinkel auf dem Tisch gewesen!"

Gut, dass nicht mit echtem Essen geübt wird. Statt Kassler und Pinkel liegen auf den silbernen Platten der Azubis gehäkelte Jonglierbälle und Bierdeckel. Die Azubis klemmen den Fleisch-Ersatz zwischen Löffel und Gabel und bugsieren ihn behutsam auf den Teller von Gast Kruse. Der ist guter Dinge, auch wenn noch nicht alles wie am Schnürchen läuft.

Holger Kruse: "Wo Menschen sind, können auch mal Fehler passieren. Ich weiß, es gab da auch mal so eine Sequenz, die auch in den Medien war, wo Frau Merkel etwas übergeschüttet wurde, aber bisher hatten wir eigentlich wenig Pannen, das läuft schon ganz gut."

Die Ausbilder schlagen striktere Töne an.

Lehrer Jörg Radszuweit: "So, das müssen wir nochmal ein bisschen üben, nicht? Bitte den Namen hier aufschreiben, auf die Liste. Und dann darf der Nächste!"

Strenger Kleidercheck bei den Bedienungen 

Wer noch zu ungelenk ist oder gar etwas fallen lässt, den merken die Lehrer vor – für eine Extra-Lektion. Insgesamt sind sie mit ihren Schützlingen aber zufrieden.

"Also ich bin ganz zuversichtlich, 95 Prozent der Schüler sind fit, die das nicht so gut können, die habe ich mir notiert, dass ich die Schüler dann woanders einteile, beim Thekendienst oder an der Garderobe, damit sie ein Teil vom Ganzen sind und stolz auf sich sein können, auch wenn sie noch nicht so gut sind."

...sagt Ingrid Tapken. Die resolute Frau hat die Azubis ausgewählt. Die Teilnahme am Berliner Grünkohl-Essen ist begehrt. Über 70 Schüler haben sich in diesem Jahr beworben, nur gut 40 sind dabei.

Ingrid Tapken: "In erster Linie geht es um das Arbeits- und Sozialverhalten. Denn das ist letztendlich das Ausschlaggebende, weil wir natürlich Leute haben wollen, auf die wir uns blind verlassen können."

Lehrerin Ilona Fuchs: "Allgemein erstmal für alle: Achten Sie bitte darauf, was sie unter Ihrer weißen Bluse anhaben, keine schwarze Unterwäsche bitte, denn das scheint durch!"

Letzte Station: der Kleidercheck. Artig stehen die Azubis in einer Reihe – in schwarzen Hosen und weißen Hemden, die Jungs mit Fliege. Einer nach dem anderen tritt vor die Ausbilderin. Die schaut kritisch über den Rand ihrer Brille und scannt mit geübtem Blick die Outfits.

"Vanessa, wir machen den Schmuck ein bisschen ab, das ist klar, nicht? Aber ansonsten passt das. Haare dann zusammenbinden, Piercing raus... - Aber Frau Tapken hat gesagt, ich kann das Piercing drin lassen... - Seit wann machen wir das denn? Nein..."

Nur bei wem alles sitzt, bekommt ein Häkchen auf der Liste. Ganz schön streng.

Lehrerin Ilona Fuchs: "Ja, das müssen wir auch sein. Wir präsentieren da ja nicht nur unsere Schule, sondern auch die Stadt Oldenburg."

Und die erwartet sich auch in diesem Jahr einiges vom "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten". Genau wie der Oldenburger Oberbürgermeister: Jürgen Krogmann.

Jürgen Krogmann: "Vordergründig geht's natürlich um das gute Essen und um eine launige und unterhaltsame Veranstaltung. Aber am Rande kommt es natürlich zu vielen Gesprächen, da werden viele Kontakte geknüpft und Themen vertieft. Und wir haben ja aktuell noch einige Themen, die die Bundesebene betreffen. Unsere Universität würde zum Beispiel gerne stärker an den Forschungsmitteln des Bundes partizipieren, hätte gerne Forschungsinstitute hier. Also, es gibt immer viel Gesprächsstoff mit der Berliner Bühne, aber auch mit der Landesbühne, denn auch die Landespolitik aus Hannover ist ja sehr zahlreich vertreten."

Der SPD-Politiker Krogmann ist erst seit ein paar Monaten im Amt und in diesem Jahr zum ersten Mal Gastgeber des Essens. Er freut sich über die Zusage von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka – eine gute Gelegenheit, um weiter für die Oldenburger Universität zu werben.

Die Sparkasse ist eine der großen Sponsoren

Aber nicht nur die Politik verspricht sich viel von den informellen Gesprächen am Rande der Veranstaltung. Die Landessparkasse zu Oldenburg hofft auf Investitionen in der Region. Stellvertretender Vorstandsvorsitzender Harald Tölle:

"Also Investitionen, das wissen wir ja, sind in Deutschland momentan nicht so ganz prall. Und wir hoffen natürlich, dass wir mit den Gesprächen auch wieder neue Verbindungen bekommen und Geschäfte angestoßen werden. Manchmal ist es ja nur das letzte Gespräch, das vor dem Vertrag – den man ja im Grunde gar nicht braucht, weil wir uns auch mit einem Handschlag verstehen – dass man das letzte Gespräch führt, um ins Geschäft zu kommen."

Die Oldenburger Landessparkasse ist einer der großen Sponsoren des Essens. Denn seit den 90er Jahren finanziert nicht mehr die Stadt das Event, sondern Oldenburger Unternehmen und Banken. Für Bürgermeister Krogmann eine gelungene Symbiose.

Jürgen Krogmann: "Die verstehen natürlich etwas vom Marketing, die wissen ganz genau, warum wir das machen und die freuen sich auch darüber, durch diese Veranstaltung gute Kontakte auf die Berliner Bühne zu bekommen."

Ein Stockwerk tiefer, im Erdgeschoss des Oldenburger Rathauses, klingen andere Töne an. Im Fraktionsraum der Oldenburger Grünen empfängt Susanne Menge. Sie war viele Jahre im Oldenburger Stadtrat. Inzwischen sitzt sie für die Grünen im niedersächsischen Landtag in Hannover. Das Berliner Grünkohl-Essen? Für Menge eine exklusive Lobbyveranstaltung, auf der finanzkräftige Oldenburger Unternehmen ihre Interessen vertreten.

Susanne Menge: "Es sind wirtschaftliche Interessen und es sind nur wirtschaftliche Interessen, die Zusammensetzung aller macht deutlich, dass es um wirtschaftliche Interessen geht. Und in sofern sind es nicht die richtigen Interessen und nicht die ausreichenden Interessen, daneben stehen andere, wichtige Interessen, die hier aber nicht zu Wort kommen, denn diejenigen, die aus der Wirtschaft die Interessen bekunden, haben einfach mehr Möglichkeiten und damit auch eine Form der Macht, die sie ausüben können."

Nicht zu Wort kämen in Berlin Interessen, für die die Grünen stehen, wie etwa eine ökologische und nachhaltige Landwirtschaft. Auch dass die Oldenburger Universität von einer solchen Veranstaltung profitiert, bezweifelt Menge.

Susanne Menge: "Die European Medical School ist nicht beim Kohlessen in Berlin entstanden, sondern die European Medical School ist entstanden, weil sich verantwortliche Kräfte hier in Oldenburg engagiert haben, um dieses Modell durchzusetzen. Insofern streite ich ab, dass eine Kohlfahrt in Berlin wegweisende politische Entscheidungen bereitet. Wenn sie das täte, wäre das ein Grund mehr, sie abzulehnen. Wir haben ein Parlament, das über diese Dinge entscheidet, und wir haben Ministerien, die sich mit solchen Ideen auseinandersetzen."

"Das ist nicht gleich kungeln"

Politik hinter verschlossenen Türen, die sich der Kontrolle der Bürger entzieht? Mit derartiger Kritik kann Bürgermeister Krogmann – ein Stockwerk höher – nichts anfangen.

Jürgen Krogmann: "Das ist Quatsch. Jeder der Politik macht, weiß, dass es immer auch Politik im nichtöffentlichen Bereich gibt, dass es Themen gibt, über die man auch mal unter vier, unter sechs Augen reden muss, das ist ja nicht gleich kungeln. Das ist so eine alberne Fundamentalkritik. Ich glaube, wir alle sollten die Chance nutzen, Entscheidungsträger der Bundesregierung und der Landesregierung auf Oldenburger Themen hinzuweisen, auch im Interesse der Bürgerinnen und Bürger, die hier wohnen."

Und der Einfluss der Wirtschaft? Zumindest bei der Wahl des Kohlkönigs scheint dieser gegeben. Das sogenannte "Kurfürstenkollegium", das den Kohlkönig ernennt, setzt sich fast ausschließlich aus Vertretern der sponsernden Unternehmen und Banken zusammen. Das Rathaus hat da nicht mitzureden. Bürgermeister Krogmann widerspricht.

Jürgen Krogmann: "Die Entscheidung, wer Kohlkönig wird, die fällt letztlich aus rein politischen Überlegungen, das ist jetzt keine wirtschaftliche Lobby-Geschichte, aber natürlich ist es auch für die Wirtschaft interessant, wer Kohlkönig wird, denn das ist natürlich auch ein Ansprechpartner."

"Hier müssen sich jetzt noch zwei eintragen. - Aber wir sind ja fünf. - Nein, das passt nicht, das geht nicht, tut mir Leid. - So, wer hat sich jetzt noch nicht eingetragen? Handzeichen bitte, die drei Damen! Wollt ihr nicht schlafen?"

In der Oldenburger Berufsschule sind Lehrer und Azubis beim wichtigsten Teil der Vorbereitungen angelangt: die Zimmeraufteilung in der Unterkunft in Berlin. Die Mädchen drängeln sich aufgeregt vor einem Flipchart. Jede möchte mit den besten Freundinnen das Zimmer teilen.

"Ihr seid alle ein großes Team – mal eben zuhören! Wenn jemand nicht in seinem Lieblingszimmer ist, ist das egal, wir sind da eh nur zum Schlafen drin."

Der Ausflug nach Berlin ist für die Azubis ein Highlight – nicht zuletzt, weil sich berufliche Perspektiven eröffnen könnten. Für den 19-jährigen Joshua hat das im letzten Jahr geklappt. Bei der Besichtigung einer großen Hotelkette hat er Nägel mit Köpfen gemacht.

Joshua: "Ich habe die Chance gleich genutzt und mit dem Personalchef geredet. Ich habe dann im Sommer zwei Wochen Urlaub genommen, dort ein Praktikum gemacht und jetzt habe ich ein Jobangebot von denen bekommen. Und ja, mal sehen, wann es nach Berlin geht."

Die Lehrer hoffen, dass sich solche Erfolge wiederholen. Jetzt müssen sie aber erstmal dafür sorgen, dass 43 Azubis rechtzeitig an Ort und Stelle sind, wenn am Abend das 58. Ollnborger Gröönkohl-Äten über die Bühne geht.

Ingrid Tapken: "Also, wir fahren pünktlich los, um sechs Uhr rollt der Bus! Pünktliche Abfahrt sechs Uhr, bis dahin übt, was ihr noch zu üben habt! Tschüss!"

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 23.03.2014)

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