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Ohne Zukunft

Judith Zander: "Dinge, die wie heute sagten", 6 CDs, Der Audio Verlag

In manchen ostdeutschen Gebieten sehen junge Menschen keine Zukunft.
In manchen ostdeutschen Gebieten sehen junge Menschen keine Zukunft. (AP)

In "Dinge, die wir heute sagten", entstanden als Hörbuch aus einem Roman, wird die Geschichte eines Dorfes mitten in Mecklenburg-Vorpommern erzählt. Die Gegend ist wie ausgestorben, und die Jugend zieht weg. Zurück bleiben die, die keine Zukunft mehr haben.

"”Na wat seggst dootau nu isse doot
Joo nu isse doot ich heww dat
De Olsch
Ick hab dat erst gestern inne Zeitung
Gehste hin""

Der Tod der Anna Hanske sorgt in Bresekow für Aufregung.
Dabei scheint das Dorf keine Aufregung zu kennen. Es regt sich nur gern auf.

"Ach der is verheirat ick dacht
Dat hemm’w em joo goor nich
Un de Dochter?"

Denn in Bresekow - dem kleinen Kaff in Vorpommern - passiert nichts. Noch nicht mal eine Kneipe gibt es dort.

"Es gibt überhaupt nichts. Es ist das Zentrum des Nichts, das sich kurz hinter Berlin auftut und bis Rostock nicht aufhört."

Judith Zanders viel beachtetes Romandebüt fordert eine akustische Umsetzung geradezu heraus. Sie verzichtet auf einen Erzähler und setzt auf die Authentizität personalen Erzählens. So überzeugt das Hörbuch durch die Wucht dialektaler Klangvielfalt, die an naturalistische Dramen erinnert. Ein wahres Kopf-Theater! Die Figuren nehmen in einem rotierenden Karussell Platz, wo sie unentwegt monologisieren, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

"Tja, und unsereins muss nu noch immer noch weitermachen mit dem Leben. Aber wenigstens is mir so was wie deine Ingrid erspart geblieben, hätt ich auch nich ausgehalten, ich hab mich immer gefragt, wie du das aushältst, na, du bist da ganz anders als ich, na, gewesen, immer, wenn ich wegen was die Hände überm Kopf zusammenschlagen wollt, hast du nur gelacht und gesagt, ‚is doch nich so schlimm’."

Nun ist Ingrid gekommen, um die Mutter zu beerdigen und um das Haus ihrer Kindheit zu verkaufen. Schnell weg will sie wieder, zurück nach Irland, wo sie lebt, seit sie Bresekow fluchtartig verlassen hat. Begleitet wird sie von ihrem Mann Michael und Sohn Paul.

"Die Heimat, na wenn schon. ’Da fahren wir also in deine Heimat’, sagt Michael, auf Deutsch, und grinst. Du sagst: ‚Das ist nicht meine Heimat’, und da lacht er dich aus. Du hast die neuen Strumpfhosen zum Schulbeginn im Kopf und den Zuckerrübengeruch in der Nase, im Nacken ein Brennen wie von Hagebutten, die lästigen Bengels."

Nina Petri spürt die melancholischen und burschikosen Gefühlslagen in Ingrid ganz sacht auf - Ingrids Angst ist unüberhörbar. Denn durch ihren Besuch werden Bresekows Bewohner mit der Vergangenheit konfrontiert. Einem antiken Chor gleich ist die dadurch ausgelöste Verwirrung in einem verschreckten Tuscheln der Gemeinde eingefangen.

"Hest ehr all seihn
Die seiht doch noch so ut as wie doomols
As wenn sei goor nich öller
Die is joo nu goor nich öller worden dat blonde Hoor
Ick kann mich ja nur n bisschen erinnern als sie mit ihrm
Aber die hat dat doch nich
Nie het sei dat seggt wer denn nu
Die het ehr Mudder quäält un denn noch dat mit dän Henry"

Ob flüsternd und nahezu ohne Volumen oder mit viel Resonanz - die menschliche Stimme wird zum Platzhalter des Geschehens. Stück für Stück wird so die an Ingrid verübte sexuelle Gewalt zur Sprache gebracht. Und endlich ausgesprochen, dass die Scham ungewollter Schwangerschaft ihr keine andere Wahl ließ, als Bresekow zu verlassen.

In den Stimmen von Ingrid Kaehler und Bjarne Mädel tritt diese Offenbarung als Schrecken vor dem eigenen Wort hervor.
Stefan Kaminski indes versteht die desillusionierte Dorfjugend, die auf dem ehemaligen Gelände der LPG herum gammelt, in der stimmlichen Präsenz von Ecki genial einzufangen.

"Na guck ma einer an, nu kommt der doch noch hier angeschissen. Ick dacht ja schon, der haut einfach so wieder ab. Bloß ma kurz bei seine Alten ringeguckt, noch n Scheinchen von Omma abgeholt, und denn nix wie weg wieder, vonne Dorftölpels, da kann er sich ja nu nich mehr mit abgeben. Na, ick bin uch bald weg."

Bis ins Mark aber treffen jene Passagen, die Henry - Ingrids unehelichem Sohn - gehören. Sie ließ ihn bei Anna Hanske zurück, die für ihn sorgte, ohne auf das Geschwätz der Leute zu achten.

"Wenn er gefragt hat, wo seine Mutter ist und wann sie denn mal kommt und wie sie denn aussieht und warum sie denn nicht da ist und wo sie überhaupt ist. Dann hat sie gesagt, dass er aufhören soll, zu fragen."

Henrys Einsamkeitshölle wird von Adam Nümm nicht nur dargestellt. Er rehabilitiert die leidende Kreatur und holt den Aussortierten ins Zentrum des Geschehens zurück. Gerade in diesen Momenten entfernt sich die Hörbuchfassung von der Romanvorlage: wird etwas ganz Eigenständiges.

Und während die sieben Sprecher das Vergangene beredt machen, verwandelt sich die scheinbare Einöde Vorpommerns in eine spannende Kulisse. Ihr offenes Gespräch über die jüngste Geschichte lässt hoffen, dass dieses Bresekow vielleicht doch noch eine Chance hat.

Besprochen von Carola Wiemers

Judith Zander: Dinge, die wie heute sagten
6 CDs, Laufzeit ca. 479 min, Lesung mit Nina Petri, Lotte Ohm, Bjarne Mädel, Anne Helm, Stefan Kaminski, Ingrid Kaehler, Adam Nümm, Nadja Schulz-Berlinghoff, Beate Prahl, Ulrike Stern, Sönke Fahl, Rolf Petersen, Regie Ralf Schäfer, Redaktion: Klaus Ulrich Bielefeld
Produktion: Rundfunk Berlin/Brandenburg, Der Audio Verlag 2011, 24,99 Euro

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