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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2012

Ohne Rituale keine Konzentration

Christoph Türcke: "Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur", C.H. Beck, 123 Seiten

Zerstreuung pur: Flachbildschirme auf der Internationalen Funk-Ausstellung in Berlin (AP)
Zerstreuung pur: Flachbildschirme auf der Internationalen Funk-Ausstellung in Berlin (AP)

Das massive Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom vieler Kinder, meint der Philosoph Christoph Türcke, lässt sich ohne einen Blick auf unsere Kultur insgesamt nicht angemessen verstehen. Er schlägt ein Schulfach namens "Ritualkunde" vor.

ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: unter diesem Stichwort werden Hyperaktivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Zappeligkeit, Unruhe, mangelnde Aufmerksamkeit und Dergleichen zusammengefasst, durch das heutzutage in Deutschland schätzungsweise jedes sechstes Kind auffällt. Die Herkunft des Phänomens ist ebenso unklar (die Forschung bezeichnet die Ursachen vage als "multifaktoriell") wie die häufige medikamentöse Behandlung durch Methylphenidat (Ritalin) umstritten ist: Ritalin beruhigt die Kinder kurzfristig, verursacht aber möglicherweise langfristige Schäden.

Der Philosoph Christoph Türcke, der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst lehrt, widmet dem Phänomen nun eine "Streitschrift". Zentrale These: das massiv auftretende Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom unserer Kinder lässt sich ohne einen umfassenden Blick auf unsere Kultur insgesamt nicht angemessen verstehen. Denn, so Türcke, nicht nur Kinder, sondern wir alle leben in einer Kultur, in der Aufmerksamkeit ein knappes Gut geworden ist. Die Macht insbesondere der filmischen Bilder, ihr hohes Tempo und ihr Mangel an festen Wiederholungsstrukturen macht unsere gesamte Gesellschaft hypernervös, eben aufmerksamkeitsgestört.

Wo frühe Filmtheoretiker wie Walter Benjamin noch fasziniert von der "Schockwirkung" der bewegten Bilder darin ein Hilfsmittel für "gesteigerte Geistesgegenwart" sahen, da bewirkt die Allgegenwart der visuellen Medien heute eher permanente Abgelenktheit. Kinder, die in diese schnelllebige, flackernde, bildgetränkte Welt hineinwachsen, und in eine Schulkultur, die Vorlesen und Auswendiglernen für altmodisch hält, entwickeln möglicherweise nicht mehr Fähigkeiten, die einem älteren Kulturstand entsprechen: stillsitzen, sich sammeln, warten, zuhören.

Türcke kritisiert zum einen die gegenwärtige psychologische Praxis sowie unser Schulsystem beim Umgang mit der vagen Diagnose ADHS. Zum anderen spannt er einen großen philosophischen Bogen bis in die Frühzeit der Menschheit, wo der Homo sapiens erst durch die Wiederholungsstrukturen des Opfers, und später des Rituals, die psychische Fähigkeit zur Aufmerksamkeit entwickelt habe. Kultur ist für Türcke, kurz gesagt, Wiederholungskultur, und wo der Alltag immer weniger Wiederholungen, das heißt Rituale, kennt, da lernen Kinder keine Konzentration mehr.

Wenn dieser erste Teil des Buches streckenweise arg spekulativ wirkt und auch aufgrund einer auf früheren Werken des Autors aufbauenden und hier darum extrem knappen Argumentation nicht immer ganz greifbar ist, so ist das zweite, kürzere Hauptkapitel ungleich konkreter: Hier schlägt der Autor ein neues Schulfach namens "Ritualkunde" vor. Damit könnte dem allgemeinen Konzentrationsverlust der digitalen Gesellschaft gegengesteuert werden. Kinder und Jugendliche müssten auf unterschiedlichen Lernstufen an Rituale und Wiederholungen, zum Beispiel durch schlichtes Auswendiglernen, herangeführt werden. So vernünftig das klingt, so zweifelhaft ist nicht nur eine zukünftige Umsetzung dieser Vorschläge, sondern auch, ob sie auch nur ansatzweise ausreichen würden, um gegen die von Türcke analysierte große Kultur der Zerstreutheit anzukämpfen, die uns aufgrund unserer medialen Fortschritte ereilt hat.

Besprochen von Catherine Newmark

Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur
C.H. Beck, München 2012
123 Seiten, 9,95 Euro

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