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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.11.2010

Ohne ihre Zellen geht nichts

Rebecca Skloot, "Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks", Irisiana Verlag, München 2010

Eine Tumorzelle (Universität Münster)
Eine Tumorzelle (Universität Münster)

"Stachelig und provokativ" nannte die "New York Times" dieses Buch, das in den USA längst ein Bestseller ist und dessen Autorin Rebecca Skloot über Nacht zum Star machte. Oprah Winfrey will den Stoff jetzt sogar verfilmen.

Und tatsächlich: "Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks", dieses mitreißend erzählte Sachbuch hat es in sich. Einer Saga gleich erzählt es nicht nur die bedrückende Lebensgeschichte der Henrietta Lacks und ihrer Familie – und damit von Rassismus, Armut und Unterdrückung –, sondern es ist zugleich ein Wissenschaftsbuch über die Entdeckung der ersten unsterblichen menschlichen Zelllinie weltweit. Damit ist man bei der Zellforschung im allgemeinen, bei Krebs und bei hochaktuellen wissenschaftsethischen Fragen. Dieses rasant erzählte Buch schlägt Funken von 1951 bis in die Gegenwart.

Die Afroamerikanerin Henrietta Lacks, 31 Jahre alt, Mutter von fünf Kindern, spürt schon seit längerem an ihrem Gebärmuttermund einen Knoten. Sie kann ihn ertasten, er ist groß wie ein Kieselstein. Wenige Monate nach der Geburt ihres letzten Kindes kommt es zu unregelmäßigen Blutungen. Sie lässt sich von ihrem Mann zur gynäkologischen Abteilung des Johns-Hopkins-Krankenhauses nach Baltimore fahren, das in den 50er-Jahren eines der wenigen Krankenhäuser ist, die auch Farbige behandeln.

Am 5. Februar 1951 erfährt Henrietta Lacks telefonisch, dass der Knoten an ihrem Muttermund "bösartig" ist. Was das bedeutet, erklärt dieser Frau, die kaum lesen und schreiben kann, niemand. Alles, was sie erfährt, ist, dass sie ins Krankenhaus kommen muss; eine Biopsie sei nötig. Und Henrietta Lacks kommt wieder. Die lebenslustige Frau stellt keine Fragen, wozu auch? Sie hat es nicht gelernt, als Schwarze und als Frau. Die 31-Jährige unterschreibt eine Einverständniserklärung für die folgende Operation, bei der ein Röhrchen mit Radium am Gebärmutterhals festgenäht wird – damals die modernste Therapie gegen Gebärmutterhalskrebs. Mehr jedoch nicht.

Was sie nicht weiß: Vor der Operation schneidet der Operateur zwei münzgroße Gewebestücke aus Henrietta Lacks’ Gebärmutterhals heraus. Krankes und gesundes Gewebe, das er an das Labor des Wissenschaftlers George Gey schickt. Schon seit Jahren versucht Gey – und mit ihm Biologen weltweit –, menschliche Zellen dauerhaft am Leben zu erhalten. Erfolglos. Anders die Krebszellen von Henrietta Lacks. Sie teilen sich weiter und weiter: Sie sind die erste unsterbliche menschliche Zelllinie weltweit.

Die HeLa-Zellen gehören seitdem überall auf der Welt zum Wissenschaftsgeschäft. Auch davon erzählt dieses kluge Buch. Kein Labor arbeitet ohne sie. Egal ob es in um Zellbiologie, Impfstoff- oder Medikamentenentwicklung geht, bei jedem wissenschaftlichen Experiment sind die HeLa-Zellen dabei. Dank ihrer wurde der Impfstoff gegen Kinderlähmung entwickelt. Sie wurden mit Masern, Herpes, Tuberkulose und schließlich HIV infiziert, bei Atombombentests starker Strahlung ausgesetzt und in die Schwerelosigkeit des Weltraums geschickt. Es war auch eine versehentlich eingefärbte HeLa-Zelle, die den Blick auf die 46 menschlichen Chromosome erlaubte und so half, die Ursache für Krankheiten wie das Downsyndrom zu erkennen. Könnte man alle jemals gezüchteten HeLa-Zellen aneinanderreihen, würden sie die Erde dreimal umspannen.

Und Henriette Lacks? An sie, die innerhalb kürzester Zeit qualvoll ihrem bösartigen Krebsleiden erlag, erinnern lediglich die Anfangsbuchstaben. Von den Millionen Dollar, die mit den Zellen verdient wurden, profitieren andere. Die Familie Lacks, die erst 1970, also 20 Jahre nach dem Tod der Mutter überhaupt von der Existenz der Zellen erfuhr, lebt bis heute in bitterer Armut.

Zehn Jahre hat Rebecca Skloot recherchiert: Krankenakten studiert, Archive durchwühlt, Familienangehörige getroffen, Interviews mit zahlreichen Experten geführt und andere Fälle aufgedeckt, in denen Patienten Ähnliches erlebten. Sie zeichnet ein so beeindruckendes wie bedrückendes Bild einer Forschungspraxis, die völlig selbstverständlich menschliches Gewebe als Material benutzt. Bis heute oft ohne das Wissen der Spender. Wie es dazu kommt, welche Rückschläge und Fortschritte dank der Gewebeforschung möglich wurden – etwa die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs –, wie sich moralische Standards in der Medizinforschung entwickelten: Nichts lässt Skloot aus. Und genau das macht diese 512 Seiten zu solch einem Leseabenteuer. Denn sie zeigen, vor welchen rechtlichen und ethischen Fragen die biomedizinische Forschung bis heute steht.

Besprochen von Kim Kindermann

Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
Irisiana Verlag, München 2010
512 Seiten, 19,99 Euro

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