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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 07.01.2013

Ohne den "kleinen Umschlag" geht es nicht

Schmiergeld öffnet Türen in Griechenland

Von Thomas Bormann

Besonders Ärzte halten in Griechenland gern mal extra die Hand auf. (picture alliance / dpa / Jürgen Effner)
Besonders Ärzte halten in Griechenland gern mal extra die Hand auf. (picture alliance / dpa / Jürgen Effner)

Griechenland ist mit Abstand das korrupteste Land der EU, belegt die jüngste Studie von Transparency International. Das pleitebedrohte Land hat die Korruption seiner öffentlichen Verwaltung nicht eindämmen können.

Wer in Griechenland lebt, muss früher oder später irgendwann mal Schmiergeld zahlen. Das hat auch Frau H. aus Athen erlebt. Ihren vollständigen Namen möchte sie lieber nicht nennen. Sie stammt aus Norddeutschland, ist mit einem Griechen verheiratet und lebt seit mehr als 30 Jahren in Athen. Vor drei Jahren musste ihr Mann ins Krankenhaus – für eine Bypass-Operation am Herzen. Alles war mit dem Arzt besprochen, dachte zumindes Frau H.: der Termin, was alles ins Krankenhaus mitzubringen ist, wie lange die OP dauern wird. Aber da war noch was:

"Ich konnte immer nicht verstehen, wieso der Arzt immer hinter mir hergelaufen ist. Zwei Tage später sagte er mir, ich solle doch mal ins Büro kommen. Dort sah ich einen Zettel, auf den geschrieben stand: 4.000 Euro."

4.000 Euro. Schmiergeld, damit der Patient schnell drankommt. Zuvor hatte der Arzt dem herzkranken Ehemann gesagt: "Wir müssen bei Ihnen einen Bypass legen. Aber die Liste der Patienten ist sehr lang. Das kann noch Monate dauern. Ich könnte da aber etwas regeln ..." Mehr musste der Arzt nicht sagen. Der Patient hatte verstanden und nickte dem Arzt zu. Mit diesem Nicken war der Deal zwischen Arzt und Patient besiegelt: Dieses Nicken bedeutet: Ja, ich habe verstanden. Du willst Schmiergeld, dann komm ich schneller dran. Ich schick Dir meine Frau, die regelt das und bringt einen "Fakelaki". "Fakelaki" heißt wörtlich übersetzt "kleiner Umschlag", bedeutet aber nichts anderes als Schmiergeld.

"Ich habe es nach der Operation bezahlt. Ich hatte mich noch erkundigt bei anderen deutschen Freunden. Die haben gesagt: Das wäre sehr preiswert, 4.000 Euro, allgemein kostet es 7.000 Euro."

Der Chefarzt behält diese 4.000 Euro nicht für sich, nein, jeder aus dem OP-Team bekommt davon seinen Anteil. Aber: Angeblich wehren sich in letzter Zeit immer mehr Griechen gegen dieses Fakelaki-Unwesen und zahlen einfach kein Schmiergeld. Oder sie gehen zur Polizei, wenn ein Beamter Bestechungsgeld fordert, bevor er eine Baugenehmigung ausstellt. Trotzdem, der 23-jährige Pavlos meint, der Fakelaki gehört leider immer noch zum griechischen Alltag:

"Die meisten haben sich daran gewöhnt, so funktioniert diese Gesellschaft eben. Wenn Du einen Job willst, wenn du beim Arzt schnell drankommen willst – irgendwie findet sich immer ein Türchen."

Der Schlüssel für diese Türchen ist immer der kleine Umschlag, der Fakelaki. Eine junge Frau erzählt, dass sie sich bei ihrer Führerscheinprüfung geweigert hatte, Schmiergeld zu zahlen und prompt durchfiel. Vor dem zweiten Anlauf sagte ihr Fahrlehrer: Bring das nächste Mal 400 Euro mit, dann klappt es. Die Prüfung war dann auf einmal ganz einfach, sagt die Frau. Dieser Fall liegt zwar schon ein paar Jahre zurück, aber noch immer soll es bestechliche Fahrprüfer geben, die sich mit den Fahrlehrern die Schmiergelder aufteilen.