Reportage / Archiv /

Ohne Abi an die Uni

Studenten ohne Hochschulreife

Von Johannes Nichelmann

Das Abitur ist nicht der einzige Weg zum Studium.
Das Abitur ist nicht der einzige Weg zum Studium. (picture alliance / dpa)

In diesen Tagen beginnt an vielen Universitäten Deutschlands die heiße Phase vor dem Ende des Semesters. Klausuren müssen geschrieben werden. In den Hörsälen sitzen auch nach G8 und doppelten Abitur-Jahrgängen nicht mehr nur junge Menschen, die gerade erst von der Schule kommen.

"Heute halte ich mit drei weiteren Kommilitonen ein Referat über Sinter, Keramik, Kunststoff - also Polymeere und Verbundwerkstoffe."

Christine Gartner-Hamade ist aufgeregt. Mit einem Becher heißem Kaffee zwischen den Händen steht sie vor der Mensa der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Sie trägt einen hellen Mantel, eine adrett, schief sitzende Mütze und schwere Stiefel. Unter ihren rechten Arm hat sie einen zusammengerollten Schnellhefter geklemmt. Auf dem Boden steht ihre große Tasche mit dem Laptop drin. Zum dritten Mal in diesem Semester muss sie gleich ein Referat halten. Die letzten Versuche liefen nicht nach Plan. Zur Vorbereitung hat sie sogar die erste Vorlesung heute sausen lassen. Die 41-Jährige geht nach einem Leben als Schneiderin neue Wege. Als vor kurzem ihr jüngstes Kind erwachsen wird und zu Hause auszieht, fasst sie den Entschluss, zu studieren. Sie schreibt sich für Bekleidungstechnik ein. Und das ohne Abitur:

"Bin sowieso ziemlich neugierig und weil ich ja nicht an der Maschine versauern wollte, habe ich mich dann halt für dieses Fach entschieden und hab gesagt, so, ich lerne jetzt. Ich sammle jetzt Wissen! Und möchte vielleicht, wenn ich die Möglichkeit dazu bekomme, nach dem Studium... also lehren."

Es ist über zwanzig Jahre her, dass Christine die Schulbank gedrückt hat. Sie geht in der zehnten Klasse ab, beginnt eine Koch-, dann eine Schlosserlehre. Die Kinder kommen und sie wird Schneiderin. Chemische Formeln, mathematische Herleitungen - das fand bei uns dann allenfalls nur noch im Kinderzimmer statt, erzählt sie und lacht:

"Der Stoff ist wahnsinnig viel. Dann sind da Fächer, wie Mathe und Chemie, wo ich ganz lange noch gesessen habe und ganz viel nachholen musste und mich da neu einlesen musste, weil ich gar nicht mehr wusste, ob ich das überhaupt jemals gelernt hatte."

2009 hat die Kultusministerkonferenz den Zugang für Meister oder beruflich Qualifizierte wesentlich erleichtert. Jetzt sind es über zwei Prozent der Studierenden in ganz Deutschland, die auf diesen Weg in den Hörsaal kommen. Hier in Berlin sind es sogar fast vier Prozent. Christine meint, dass die ersten beiden Semester für Leute wie sie am Härtesten sind, denn für Studierende ohne Abitur ist es die Probezeit. Keine Note darf für sie schlechter als vier sein:

"Natürlich muss ich lernen, andere Worte zu benutzen und nicht den normalen Hausjargon so aus mir heraus zu lassen, und zu lernen, die richtigen Worte an der richtigen Stelle zu benutzen. Aber ich denke, das kommt mit der Zeit. Also jetzt in den letzten Monaten merke ich schon selber, dass es besser geworden ist."

Christine zieht ihren Wintermantel aus, legt ihn über einen Stuhl. Stopft ihre Mütze in einen der Ärmel. Der leere Pappbecher landet im Mülleimer des hellen, großen Klassenzimmers. Eine Tafel, ein Overheadprojektor, Stühle und Tische in vier Reihen. Christine blickt sich um, kann noch keinen ihrer Mitstreiterinnen für ihr Referat heute entdecken. Sie will von ihrem Professor, Herrn Bauer, wissen, wann sie mit ihren Leuten in den nächsten 90 Minuten nach vorne muss. Der blickt sie verdutzt an:

Gartner-Hamade: "Ach dann hab ich heute gar nicht?"
Bauer: "Nein!"
Gartner-Hamade: "Ach, das finde ich ja super. Dann kann ich zuhören!"
Bauer: "Tut mir leid, das hatte ich jetzt nicht auf dem Schirm. Nee, ist wirklich mein Ernst."

Ulrich Bauer ist Professor für Bekleidungsmaschinen. Seit vier Jahren lehrt er an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Vorher war er in Nordrhein-Westfalen. Hier hat er schon länger Erfahrungen mit Studierenden ohne Abitur sammeln können.

"Wo man den Unterschied merkt, ist in den naturwissenschaftlichen Fächern. Dort tun die sich erfahrungsgemäß ein bisschen schwerer. Einfach, weil ihnen da bestimmte Kenntnisse von der Schule her fehlen. Dann müssen sie also ein bisschen mehr tun. Meistens tun sie sich dafür leichter in den praktischen Fächern. Wo die, die direkt vom Abitur kommen unter Umständen ihre Schwierigkeiten haben."

Christine nickt, lächelt und stimmt mit ein. Gott sei Dank, sagt sie, gibt es hier ja nicht nur die spröde Theorie. Im Praktischen Teil kann sie mit ihrer Berufserfahrung glänzen und den jungen Leuten viel zeigen. So gleicht sich alles aus. Ohnehin ist der Altersunterschied zu den Kommilitonen kein Problem. Probleme gibt es aber manchmal zu Hause. Ihr Partner ist hin und wieder ein bisschen geknickt, wenn Christine auch am Abend viel lernt:

"Also, manchmal echt ein bisschen viel. Im Moment ist gerade sehr günstig, weil mein Partner gerade Nachtschicht hat, manchmal bin ich bis um halb zwei wach."

Professor Bauer sitzt in der ersten Reihe, nimmt seinen Zeigefinger vor den Mund und sorgt für Ruhe. Christine stoppt ihre Unterhaltung mit einer Freundin, blickt konzentriert zu den Referierenden, macht sich ab und an Notizen auf einem Arbeitsbogen. Bald stehen Klausuren an, flüstert sie, da darf ich mir keinen Patzer erlauben. 90 Minuten höchste Konzentration.

16 Uhr - die Vorlesungen und Seminare sind für heute vorbei. Zu Hause muss sie noch eine Menge vorbereiten für die nächsten Tage. Das Referat, erzählt sie, werde ich noch mal überarbeiten. Um es noch besser zu machen. Christine Gartner-Hamade ist ehrgeizig, will in zweieinhalb Jahren ihren Bachelor in der Tasche haben und dann mit Mitte vierzig eine neue Karriere starten:

"Man muss das ja zur Relation zu meiner Familie sehen. Meine Kinder sind jetzt erwachsen. Die Zeit war ja nicht ungenutzt. In dieser Zeit habe ich ja auch was gelernt, Erfahrungen gemacht. Nur halt auf einem ganz anderen Gebiet. Man hätte das natürlich auch umdrehen können. So wie es die Meisten machen. Aber ich hab es eben nicht so gemacht."

Mehr auf dradio.de:

Von der Werkbank in den Hörsaal - Hans-Böckler-Stiftung will durch ein Stipendium Berufstätige an die Unis bringen
Vor dem Studium an die Werkbank - Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung rät auch Studienwilligen zur Ausbildung

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Reportage

Online-ShoppingSweatshirts im Riechtest

Pakete auf einem Fließband

Bestellen, anprobieren, kostenfrei zurückschicken: Bis zu 60 Prozent der im Internet gekauften Kleidung landet heute wieder bei den Online-Händlern. Die Bearbeitung der Retouren wird zum Wirtschaftsfaktor.

KunstaktionSchuhbox auf dem Altar

Dawit Shanko sitzt zwischen jungen Schuhputzern in Addis Abeba beim Listros Day.

Seit dem Wochenende ist der Altar der Berliner St. Matthäus-Kirche mit rund 3500 Schuhputzboxen bedeckt. Sie stammen aus Äthiopien und sind Teil einer Kunstidee des Galeristen Dawit Shanko, der selbst mal Schuhputzer war.

SchwedenMit iPad zur Oma

Eine Rentnerin berührt die Oberfläche ihres iPad.

Vorbild für Deutschland? In Schweden haben drei Jugendliche ein Konzept entwickelt, das den Austausch zwischen jungen und alten Menschen fördern soll. Sie vermitteln Jugendliche an Altenheime. Nicht immer läuft alles rund.