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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 01.06.2008

Ölspur in der Küche

Mittelmeerkost soll besonders gesund sein

Von Udo Pollmer

Frisch gespresstes Olivenöl in einem Probierglas in Round Pond, Rutherford, Kalifornien. (AP Archiv)
Frisch gespresstes Olivenöl in einem Probierglas in Round Pond, Rutherford, Kalifornien. (AP Archiv)

Anlass: Die Berichte, dass Olivenöl Herzinfarkt auslöst, haben viele Menschen irritiert. Zwei Professoren der Universität Münster hatten den Verdacht geäußert, die im Olivenöl enthaltene Ölsäure könne Arteriosklerose fördern. Ist nun wieder einmal das Gegenteil dessen wahr, was wir in Sachen Ernährung zu wissen glaubten?

Gibt es für diese Aussagen handfeste Belege? Eine Theorie und einen Tierversuch. Füttert man Meerschweinchen in hoher Dosierung reine Ölsäure, dann schadet ihnen das. Da das aus Südamerika stammende Meerschweinchen sich gewöhnlich nicht von reiner Ölsäure ernährt, sind die Schlussfolgerungen natürlich fragwürdig. Reine Ölsäure gibt es in der Natur sowieso nicht. Insofern sagt dieser Versuch herzlich wenig über das Olivenöl aus.

Meerschweinchen? Wie sehen denn die Ergebnisse am Menschen aus? Dazu gibt’s meines Wissens noch gar nix. Viel aufschlussreicher ist das Patent, dass die beiden Forscher zu diesem Thema angemeldet haben. Daraus geht unter anderem hervor, dass das wirksamste Gegenmittel die bisher so arg attackierten gesättigten Fettsäuren sein sollen. Damit wären Schweineschmalz und Butter das Beste für Herz und Gefäße, gefolgt von Olivenöl, das ja ebenfalls gesättigte Fette enthält.

Nun beinhaltet die Mittelmeerkost mehr als nur Oliven. Warum stürzt sich alle Welt auf das Öl? Die Mittelmeerkost ist doch überall etwas anderes. Das Olivenöl ist so ziemlich das einzige, das auf den ersten Blick alle kulinarischen Traditionen – egal ob Italien, Türkei, den Libanon, Ägypten, Marokko oder Frankreich verbindet. Zudem hat man ja in Olivenöl, das nach den Traditionen des Mittelmeerraums hergestellt wurde, eine Reihe von Wirkstoffen gefunden, die pharmakologisch günstig auf das Herz-Kreislauf-System wirken: zum Beispiel Oleuropein und dessen Abbauprodukte, Maslinsäure oder Oleocanthal.

Was unterscheidet denn die Mittelmeer-Ernährung von unserer Kost?
Naja, typische Merkmale sind beispielsweise
- Weitgehende Vermeidung von Rohkost. Bei deutscher Kundschaft kann der Koch zum Tennisspielen gehen. Denn die Deutschen essen das Zeugs wie das liebe Vieh lieber roh.

- vielerorts gibt’s in Fett schwimmendes, mausetot-gekochtes Gemüse

- überdurchschnittlicher Konsum tierischer Lebensmittel: Das ist kein Wunder: Denn die klimatischen Gegebenheiten erlauben vielfach nur Weidewirtschaft. Wer Ziegen und Schafe halten muss, weil der Boden für den Ackerbau zu trocken und zu karg ist, muss eben Spieße und Schafskäse essen.

- Weißmehl statt Vollkorn: Kein Kulturvolk dieser Erde isst freiwillig Vollkornweizen. Dies war früher das Privileg von adaptierten Nagetieren.

- Pizza & Pasta: die Grundnahrungsmittel der Bambini. Bei uns allerdings ebenso ungesund wie das Baguette der Franzosen.

- kein Frühstück: Tasse Kaffee oder gar ein Gläschen Schnaps – Marke Ouzo oder Anisette. Wir sagen pfui!

- Hauptmahlmahlzeit am Abend: Kurz vor dem Zubettgehen.

Die Mittelmeerkost spricht all dem Hohn, was viele Ernährungsschlaumeier so propagieren. Die Menschen machen sich weniger Sorgen um "gesundes Essen", sondern essen das, was ihnen bekommt. Stellen Sie sich mal einen einfachen kretischen Olivenbauern oder Schafhirten vor, der Nährwerttabellen studiert und Magerquark isst! Dafür ist der doch viel zu intelligent...

Und wegen dieser Ernährungsgewohnheiten leben die Menschen auf Kreta länger? Nein, auf Kreta wird der Herzinfarkt nur seltener auf dem Totenschein angegeben. Allerdings ist bis heute unbekannt geblieben, woran die Kreter stattdessen sterben. Die Tatsache, dass irgendwo auf der Welt die Menschen ziemlich alt aussehen heißt ja noch nicht, dass sie auch älter werden. Griechen oder Spanier leben nicht länger als Deutsche oder Iren. Selbst dort, wo in offiziellen Tabellen Unterschiede entnommen werden können, ist Vorsicht angebracht. Die Lebenserwartung ist eine "politische" Zahl, die ähnliche Funktionen hat, wie die Arbeitslosenrate. Die reale Lebenserwartung dürfte bei uns etwa zwei Jahre niedriger liegen als angegeben. Während die Arbeitslosenquote vor Wahlen sinkt, steigt dafür erfahrungsgemäß die Lebenserwartung.

Fazit: Es gibt für die Bewohner von Niedersachsen keinen Grund, statt Rollmöpsen, Labskaus oder Grünkohl mit Pinkel sich fürderhin nur noch von Couscous, Moussaka oder Köfte zu nähren, um ihre Herzen zu entlasten oder um ewig zu leben. Und das gleiche gilt auch umgekehrt. Auch wenn die Niedersachsen länger leben als die Menschen in Tunesien, liegt deren Heil nicht im Rollmops!

Literatur:
Schwarz S et al: Protein phosphatase type 2Calpha and 2Cbeta are involved in fatty acid-induced apoptosis of neuronal and endothelial cells. Apoptosis 2006; 11: 1111-9
Greb W, Klumpp S, Krieglstein J: Use of inhibitors of PP2C for treating or preventing arteriosclerosis. Weltpatent WO 2007/137864
Reinbold M: Induktion von Apoptose durch ungesättigte Fettsäuren in den Zellen des kardiovasculären Systems. Disseration, Marburg 2007

Mahlzeit

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