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Sein und Streit | Beitrag vom 01.03.2015

ÖkonomieNeue Theorien dringend gesucht

Von Katharina Döbler

Auf einem Flipchart stürzt eine Kurskurve ab. (imago/Westend61)
Was tun beim Wirtschafts-Crash? Die alten Rezepte müssen nicht die besten sein, meint Katharina Döbler. (imago/Westend61)

Über Ökonomie wird gerne gesprochen als handele es sich um eine Naturwissenschaft mit klaren Regeln. Das ist falsch, meint Katharina Döbler. Die Wirtschaftswissenschaft ist ein Fach der Philosophie - und könnte dringend neue Theorien gebrauchen.

Die neue linke Regierung Griechenlands will die rigide Austeritätspolitik, die zu einer Schrumpfung der Wirtschaft um 25 Prozent geführt hat, nicht mehr fortsetzen. Das ist nur vernünftig. Und ethisch ist es auch: Wenn Menschen sterben, weil an Gesundheitskosten gespart wird, muss sich etwas ändern.

Man könnte nun den Schuldendienst der Griechen an deren Wirtschaftswachstum koppeln, wie es Deutschland 1953 für sich selbst mit Erfolg erbeten hat. Man könnte vieles. Aber zunächst einmal muss man: neu denken.

Was derzeit aber geschieht, erinnert eher an das alte Narrativ von der Grille und der Ameise. In der Biertisch- und Talkshow-Version geht das so: Wir fleißigen Deutschen werden von den faulen Griechen angebettelt, nachdem die alles verjuxt haben. Die CSU-Fraktion gibt sich da besonders ameisenhaft empört. Das Finanzministerium und die Wirtschaftsressorts der großen Zeitungen sind ziemlich einhellig der Meinung, die Griechen müssten die Sparpolitik fortsetzen und sich, um der Stabilität des Euro willen, "an die Regeln halten".

Welche Regeln aber sind das? Woher kommen sie und auf welcher Grundlage wurden sie aufgestellt? Und von wem?

Große Ökonomen waren auch Philosophen

Ökonomie ist ja nicht dasselbe wie Physik. Ökonomie ist keine Naturwissenschaft, sondern ein Fach der Philosophie. Ihre frühen großen Theoretiker waren Philosophen: David Hume, Adam Smith, Karl Marx. Ihre Vorstellung von Markt, Handel und Gesellschaft beruhen nicht auf Zahlen, sondern auf bestimmten Vorstellungen vom Wesen des Menschen und vom Gemeinwesen – und auf bestimmten Idealen.

Hume war im 18. Jahrhundert der Ansicht, Handel bedeute in erster Linie Austausch und Kommunikation; weil er Verlässlichkeit brauche, um zu funktionieren, verbessere er das Verhältnis zwischen Menschen und Staaten. Wer handelt, führt keine Kriege. Auch wenn die Gewinnorientierung den Eigennutz fördere, sei der Nutzen für das Gemeinwohl durch freien Austausch von Waren höher als der Schaden. In dieselbe Kerbe schlug auch Adam Smith, der Theoretiker des klassischen Liberalismus, dem das schöne Schlagwort von der "unsichtbaren Hand des Marktes" einfiel.

Heute sind es die Rezepturen der sogenannten "Neoklassiker", die – ähnlich wie der Marxismus im realen Sozialismus als "Wissenschaft" gelehrt wurde – als die Naturgesetze des Marktes gelten. Doch ihnen zugrunde liegt die alte, schon bei Hume aufscheinende Vorstellung vom absolut rational handelnden, stets den Nutzen maximierenden Individuum. Obwohl es inzwischen zahlreiche philosophische, psychologische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die dieses Menschenbild in Zweifel ziehen, gilt diese politische Ökonomie weiterhin als wertfreie Wissenschaft, die objektive Gesetzmäßigkeiten erforscht und danach handelt.

Überkommene Denkmuster statt neuer Theorien

Anstatt also innerhalb der gesellschaftliche Dynamik neue Theorien und Rezepte zu entwickeln, wird nach überkommenen Denkmustern verfahren: Bei Arbeitslosigkeit sind die Löhne zu senken, bei Staatsschulden ist zu privatisieren und Ausgaben sind zu streichen. Das, was früher funktioniert hat, muss auch morgen so funktionieren, da es nun einmal Wahrheit, Gesetz und Wissenschaft ist – egal ob sich die globalen Bedingungen grundstürzend verändert haben.

Dabei hätte man sich schon von David Hume eines Besseren belehren lassen können: Welchen Grund haben wir, so fragte er, von der Vergangenheit - also von unserer Erfahrung - auf die Zukunft schließen zu dürfen? Wird denn die Zukunft immer analog der Vergangenheit sein? Hume war Skeptiker. Im Hinblick auf alte Narrative und finanzpolitische Rezepte sollten wir es auch sein.

Mehr zum Thema:

Ökonomie - Die gefühlte Wissenschaft
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 28.01.2015)

Ökonomie - Politik des Sparens
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 15.12.2014)

Wirtschaft - Wenn Ökonomie die Politik beherrscht
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 15.09.2014)

Religionen

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