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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.08.2014

ÖkonomieMutig, innovativ, tollkühn

Mariana Mazzucato: "Das Kapital des Staates"

Von Philipp Schnee

US-Präsident Barack Obama bei einer Diskusiion mit Faceboo-Chef Mark Zuckerberg
US-Präsident Barack Obama bei einer Diskusiion mit Faceboo-Chef Mark Zuckerberg

In ihrem Buch "Das Kapital des Staates" beleuchtet die Ökonomin Mariana Mazzucato den Staat als Unternehmer. "Revolutionäre Innovationen" wie Eisenbahn, Internet oder Nanotechnologie würde es ohne ihn nicht geben, meint sie.

Apple, der Technik-Gigant aus dem Silicon-Valley, ist nur ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen? Ja, das jedenfalls behauptet die Ökonomin Mariana Mazzucato in ihrem Buch "Das Kapital des Staates".

Ipod, Ipad und Iphone, die erfolgreichen Produkte Apples seien nur möglich geworden durch GPS, Multi-Touch-Screen, die Sprachsoftware SIRI und natürlich das Internet. Alles Erfindungen, deren Entwicklungen der US-amerikanische Staat angestoßen und auch maßgeblich finanziert hat.

Und damit sind wir schon bei der Kernbotschaft von Mazzucato: Mit "Unternehmergeist" werden in der Öffentlichkeit in der Regel Start-ups, Risikofinanciers und "Garagenbastler" wie Steve Jobs verbunden, vielleicht noch die freie Wirtschaft ganz allgemein, nie jedoch der Staat. Dabei würden die Unternehmen meist nur auf den schon fahrenden Zug aufspringen:

"Bei den meisten radikalen, revolutionären Innovationen, die den Kapitalismus vorangetrieben haben – von Eisenbahnen über das Internet bis aktuell zur Nanotechnologie und Pharmaforschung – kamen die frühesten, mutigsten, und kapitalintensivsten 'unternehmerischen' Investitionen vom Staat."

Steuerpolitik sei relativ unwichtig

Risikofinanciers seien "ungeduldige Kapitalisten", ihre so hoch gepriesenen Risiko-Investitionen in junge Unternehmen erfolgten in der Regel erst kurz vor der Marktreife von Produkten. Der Blick sei auf die kurzfristige Gewinnmaximierung gerichtet. Anders der Staat: Ein risikobereiter Visionär, der investiert, wo kein anderer investiert – lange bevor Technologien als das neue große Ding in Investorenkreisen zu wissenden Blicken führen.

Beispiele? Die hat Mazzucato zuhauf zur Hand: das Internet, die Pharma-Industrie, Bio- und Nanotechnologie, erneuerbare Energien. Auch der Algorithmus, auf dem die Marktmacht Googles beruht, wurde vom US-amerikanischen Staat gefördert.

Mazzucato tritt gegen die Unkenntnis der Öffentlichkeit über das unternehmerische Handeln von Staaten an, sie stellt die gängigen Königswege der Innovationsförderung in Frage. Vor allem sagt sie: Steuerpolitik ist recht unwichtig. Der Staat soll nicht nur Rahmenbedingungen für Märkte schaffen, er soll auch nicht nur Marktversagen korrigieren und auch ein plump in jeden Straßenbau investierender keynesianischer Nachfragestaat schwebt ihr nicht vor. Der Staat soll vielmehr "tollkühn" und visionär Neues selbst in Angriff nehmen.

Enormes Vetrauen in die Institution Staat

Was Mazzucato auszeichnet: Der Glaube an Technik und Fortschritt und eine enormes Vertrauen in die Institution Staat. Was sie vergisst: Auch die Politik kann sehr kurzfristig Geld ausgeben, für den Wahlerfolg etwa. Und viele Technologien, die Mazzucato zur Stützung ihrer These anführt, sind "Abfallprodukte" militärischer Forschung. Ob ein Staat, wenn es von Anfang an nur um zivile und kommerzielle Nutzung, nicht um das hohe Ziel der nationalen Landesverteidigung geht, die selbe Konzentriertheit an den Tag legt, ist zumindest zu hinterfragen.

"Risiken", "Chancen", "Wagnis", "Innovation": Das Vokabular und der Stil Mazzucatos erinnern bisweilen an neoliberale Management-Prosa mit ausgetauschtem Held, der Staat statt des Marktes.

Mazzucato schreibt zu Beginn ihres Buches, der Kampf um die Rolle des Staates sei ein Kampf um Worte. Genau so muss man auch ihr Buch verstehen. Die Fakten sind eher weitläufig über den Text gestreut, an manchen Stellen merkt man auch, dass man die erweiterte (oder aufgeblähte?) Version einer Studie für einen britischen Think Tank in der Hand hält. Dennoch gelingt ihr, was sie für so wichtig hält: dem Bild des bürokratisch verkrusteten lahmen Staates, der als Nachtwächter nur die Rahmenbedingungen schafft, ein anderes Bild des Staates entgegenzustellen: Der aktive, unternehmerisch erfolgreiche Staat. Mit ihrem Buch liefert sie einen Anstoß, keine Lösungen, eine neue Diskussions-Arena ist eröffnet, mehr aber auch nicht.

 

Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates
Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum
Verlag Antje Kunstmann, München 2014
320 Seiten, 22,95 Euro

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