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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.11.2012

"Nur optimistische Signale" bei US-Wahl

Schriftsteller erwartet "mehr Fortschritt" in Obamas zweiter Amtszeit

Jeffrey Eugenides im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Jeffrey Eugenides
Jeffrey Eugenides (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Die USA hätten sich unter Barack Obama in eine bessere Richtung entwickelt, meint der Romanautor Jeffrey Eugenides. Sein "ziemlich überzeugender Sieg" sei ein Indiz dafür, dass die progressiven Kräfte allmählich die Oberhand gewinnen.

Jörg Degenhardt: Nach letzten Informationen hat Barack Obama die Präsidentenwahl gewonnen, NBC meldet das. Andere große Sender wollen dieses Ergebnis noch nicht bestätigen, wir kommen gleich darauf zurück. Jedenfalls, so viel Amerika war nie in den letzten Tagen, ja Wochen. Die Zeitungen waren voll mit Berichten und Kommentaren, mit Analysen und Prognosen über ein Land, das vielen in Europa und vielen in Deutschland vielleicht noch immer Rätsel aufgibt: eine Weltmacht, die kränkelt, ein Land vor einer sozialen Zerreißprobe – Reiche leben hinter Mauern, Arme füttern Katzen, so hat es die Wochenzeitung "Die Zeit" formuliert.



In diesem Land lebt der Schriftsteller Jeffrey Eugenides, genauer gesagt lebt er in Detroit, und hierzulande ist er auch sehr populär geworden mit seinem Roman "Middlesex", damit gewann er im Jahr 2003 den Pulitzerpreis. Er hat griechische Wurzeln, wie der Name verrät, und irische – das verrät der Name freilich nicht –, und er lebte von 1999 bis 2004 mit seiner Familie in Berlin. Wir führen unser Gespräch gleichwohl auf Englisch. Wie hat sich denn Ihr Land in den letzten vier Jahren verändert, was fällt Ihnen zuerst auf?



Jeffrey Eugenides: Nun, es ist etwas seltsam, dass einige hier hinter Mauern leben, andere Katzen füttern. Es ist so anders als Deutschland – aber wie hat sich mein Land verändert in den letzten vier Jahren? Ich glaube, es hat sich in eine bessere Richtung entwickelt. Präsident Obama hat uns aus dem Irak-Krieg herausgeholt, er ist dabei, den Afghanistan-Krieg zu beenden, er hat die Gesundheitsreform, die Krankenversicherung eingeführt, er hat viele andere wichtige Gesetze eingeführt, und er erfährt viel Antagonismus von den Republikanern. Vieles, was er begonnen hat unter viel Druck, ist ihm gelungen, und jetzt, wo er seine zweite Amtszeit gewonnen hat, sehen wir schon darauf, dass es noch zu mehr Fortschritt in Amerika kommen wird.



Degenhardt: Obama wollte das Land voranbringen, er wollte das Land versöhnen. Das ist ihm anscheinend bisher in seiner ersten Amtszeit nicht gelungen. Warum nicht?



Eugenides: Ich glaube, Sie sind etwas pessimistisch. Ich habe mit vielen deutschen Freunden gesprochen, die nicht sicher waren, dass Obama gewinnen würde, und die meinten, er würde auch zum zweiten Mal nicht gewinnen, aber er hat gewonnen. Und unsere Wahlen sind immer davon gezeichnet, dass es so einen großen Unterschied gibt, man gewinnt halt nicht mit so einem großen Unterschied. Aber Obama hat jetzt doch einen ziemlich überzeugenden Sieg, und das wird einen Einfluss auf das Land haben. Das ist ein riesengroßes Land, und viel größer als andere Länder und mit verschiedensten Menschen, also man wird es niemals schaffen, immer perfekte Lösungen zu finden. Dennoch ist es ein klarer Sieg, und ich sehe nur optimistische Signale darin.



Degenhardt: Die Deutschen waren laut Umfragen immer für eine Wiederwahl von Amtsinhaber Barack Obama und standen Mitt Romney doch eher skeptisch gegenüber, vielleicht auch, weil sie wenig von Amerika verstehen?



Eugenides: Obama, der natürlich für den Mainstream-Europäer sehr positiv wirkt – er ist vielleicht der CDU näher in Deutschland als der SPD, wenn man das so vergleichen könnte. Wir haben große Unterschiede, beispielsweise eine sehr religiöse Seite hier im Land, und in den letzten 20 Jahren hat das Gott sei Dank ein bisschen nachgelassen, und das muss so weitergehen, wenn wir uns die demografische Struktur des Landes anschauen und die progressiven Kräfte, die so langsam die Oberhand gewinnen. Und das verstehen viele Deutsche einfach besser, und deswegen haben sie sich so entschieden.



Degenhardt: Im Wahlkampf ging es im Kern um die Frage: Verantwortung für die Allgemeinheit oder Verantwortung des Einzelnen. Wo liegt für Sie die Zukunft Amerikas?



Eugenides: Als ich Deutschland wohnte, in Europa lebte, habe ich mich mehr damit angefreundet, mit der Idee eines Sozialstaates. Und Präsident Obama ist sehr attackiert worden von der Rechten, weil er gewisse europäische Werte versucht einzuführen, aber viele Amerikaner sind für die gleichen Werte mittlerweile, für mehr Gleichheit, auch was das Einkommen angeht, und dass es eine Gesundheitsreform gibt, Krankenversicherung für alle – in der amerikanischen Geschichte und der amerikanischen Kultur gibt es diesen Hang zum Individualismus, und dass der Staat nicht zu viel kontrollieren sollte.



Aber wenn wir jetzt diesen Hurrikan "Sandy" anschauen, ist uns klar geworden, dass da der Staat gebraucht wird, und Obama hat das ganz stark auch erklärt, dass er da auch stark regieren muss, auch im öffentlichen Leben, und dass die Rolle des Staates nicht zu stark sein soll, weil es gibt etwas sehr Amerikanisches, dass man seine Unabhängigkeit möchte, aber das ist etwas, was die amerikanische Geschichte immer beschäftigt hat. Das hat mit Roosevelt angefangen, und das ist ein Pendel, was immer wieder ausschlägt, und jetzt schlägt dieses Pendel ein bisschen mehr in die Richtung aus, wie ich persönlich denke, und ich stehe den Demokraten nahe und Präsident Obama, und das zeigt auch sein Sieg.



Degenhardt: Der große amerikanische Gegenwartsautor Jeffrey Eugenides live im Deutschlandradio Kultur. Vielen Dank für das Gespräch. Sie haben es gehört, ich wiederhole es noch einmal: Nach ersten Hochrechnungen und ersten Meldungen von amerikanischen Fernsehsendern, NBC und CNN, hat Präsident Barack Obama die Chance für eine zweite Amtszeit erhalten, beziehungsweise er hat sie bekommen, er hat die Wahl gewonnen.



Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.