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Nur für Alte

Die exklusive Rentnersiedlung Sun City hat viele Nachahmer gefunden

Von Tom Noga

Die Cheerleader der "Sun City Poms" bei einer Parade am Veteranentag
Die Cheerleader der "Sun City Poms" bei einer Parade am Veteranentag (dpa / picture alliance / Keystone USA k94)

Sun City in Arizona ist die Mutter aller Rentnerstädte. Wer dort leben will, muss über 55 sein und darf keine Kinder haben. 20 Sun Cities gibt es in den USA, dazu ein paar hundert andere Rentnerstädte.

Schön ist es, wo die Lovegroves wohnen. Die Straße vor dem Haus eine Sackgasse, hinten heraus der Blick auf den Quail Run Golfplatz, eine immergrüne Oase in der Wüste Arizonas. Karen Lovegrove, eine gemütliche Dame mit blondierten Haaren, räkelt sich im Schaukelstuhl auf der Terrasse und lächelt ihrem Mann Pete zu. Ihr Leben, sagt sie, verläuft in angenehmer Gleichförmigkeit:

"Montags ist Wäsche, dienstags arbeiten wir ehrenamtlich im Besucherzentrum, mittwochs machen wir nichts, außer Karten spielen mit Freunden, donnerstags auch nichts. Freitags putzen wir das Haus, waschen vielleicht noch einmal."

Sun City ... sie holt tief Luft: 20.000 Einwohner. Und sie, die Lovegroves, sind bald zwei Jahrzehnte Teil dieser, wie Karen es ausdrückt: Erfolgsgeschichte.

"Wir sind 1995 her gekommen. Damals haben wir noch Vollzeit gearbeitet, Gott sei Dank, denn wir haben viel Geld in das Haus gesteckt, um es so zu machen, wie es uns gefällt. Das Geld war uns egal, wir wussten ja, dass wir nie mehr umziehen würden, wir haben das nicht gemacht, um später zu verkaufen."

Auch Paul Herman hat es so gemacht. Doch während die Lovegroves sich dem süßen Nichtstun hingeben, arbeitet er Vollzeit. Auf seinem Schreibtisch türmen sich Papiere, auf den Schränken in seinem Büro Broschüren. An den Wänden Urkunden. Eine weist ihn als "Citizen of the Year 2010" aus:

"Die Auszeichnung wurde mir von unserer Handelskammer verliehen, weil ich als Bürgermeister von Sun City gelte. Fälschlicherweise, denn wir haben keinen Bürgermeister, auch keinen Stadtrat, genau genommen sind wir nicht einmal eine Stadt. Aber ich mach den Job seit zwölf Jahren, und die Leute sehen mich als ihren Bürgermeister."

Paul Herman ist groß und schlaksig, Haar und Bart sind millimeterkurz. Seine Worte untermalt er mit ausladenden Handbewegungen. Sun City kennt er seit den Gründungsjahren – schon seine Eltern haben ihre letzten Lebensjahre hier verbracht. Offiziell leitet er das Visitors Center, die erste Anlaufstelle für Leute, die hierher ziehen möchten. Wie alle Rentnerstädte ist Sun City eine private Wohnsiedlung, vom Investor entwickelt und in die Selbstständigkeit entlassen, sobald alle Häuser verkauft sind. Als höchstes Organ fungiert die Vereinigung der Hauseigentümer. Paul Herman ist ihr unterstellt. Er schlägt eine Broschüre auf: elf Golfplätze, sieben Freizeitzentren, alle mit Pool und Fitnesshalle, einige mit eigenem Konzertsaal.

"In unserer Bauphase, in den 60-ern und 70-ern, bis 1978, war Brachland billig. Allein fürs Land müssen die Bauträger heute enorme Summen aufwenden. Außerdem gibt es kaum noch freies Land. Deshalb liegen die meisten neuen Rentnersiedlungen auf Stadtgebiet, man zahlt lokale Steuern, Abgaben für die Stadtverwaltung und ähnliche Dinge."

Jane Forrestier hat sich die blonden Haare zum Pferdeschwanz hoch gebunden, sie trägt halblange, rote Leggins und ein gelbes Top, beides hauteng. An ihrem gebräunten Körper gibt es kein geplatztes Äderchen und kein Gramm Fett - eine durchtrainierte Frau von Anfang 40, sollte man meinen. Der Mann an der Beinpresse vor ihr ist das exakte Gegenteil: schütteres Haar, käsige Haut und etliche Kilo zu viel am Leib. Jane Forrestier weist ihn an dem Gerät ein:

"Als persönliche Trainerin erkläre ich Menschen meines Alters, ich bin 65, warum ihnen das Aufstehen schwerer fällt und warum sie mehr Mühe haben mit alltäglichen Aufgaben. Denn mit Fitness-Übungen lässt sich der Alterungsprozess abbremsen."

Eine halbe Stunde später. Vor dem Fitnesscenter nippt Jane Forrestier an einem Energiegetränk. Wie Paul Herman ist sie ein second generation Sun Citizen – auch sie lebt im Haus, das ihre verstorbenen Eltern vor vielen Jahren in der Rentnerstadt gekauft haben. Rentnerin ist sie allerdings nicht, wird sie auch so bald nicht werden:

"Wir hatten alle unsere Ersparnisse in einen Immobilienfonds gesteckt, zusammen mit 900 anderen. Der Fonds sollte in Geschäftsobjekte investieren. Dann ging er pleite, und das Geld ist weg."

Wenigstens ist ihr Haus abbezahlt, beruhigt sich Jane Forrestier. Und wenn sie ihren Job und den ihres Mannes zusammen nimmt, auch er arbeitet als Fitnesstrainer, reicht es, um die laufenden Rechnungen zu begleichen.

Auch Paul Lovegrove hat bis vor zwei Jahren bei einer Werbeagtentur in Phoenix gearbeitet. Ein Muss, wie seine Frau Karen sagt: Die Hälfte ihres Vermögens ist drauf gegangen, als Anfang des Jahrtausends die New-Economy-Blase geplatzt ist, der Rest beim Börsencrash 2008. Sie müssen den Gürtel ... nun ja: ziemlich eng schnallen. Aber hey, Karen Lovegrove knipst ihr optimistisches Lächeln an, das Leben in Sun City ist vergleichsweise billig. Und sie müssen sich keine Sorgen machen, dass ihre Wohngegend herunterkommt. Wer in der Rentenerstadt lebt, unterwirft sich strengen Regeln. Festgelegt ist, wie viele Personen pro Haus erlaubt sind, wo Wäsche getrocknet werden darf, wie Außenanlagen auszusehen haben:

"Die Frau zwei Türen weiter lebt die meiste Zeit in Colorado. Niemand passt auf ihr Haus auf, im Vorgarten wächst Unkraut. In solchen Fällen haben wir das Recht, uns bei der Vereinigung der Hauseigentümer von Sun City zu beschweren. Sie haben dafür gesorgt, dass der Vorgarten in Ordnung kam. Das hat die Frau 600 Dollar gekostet."

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