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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.07.2011

Nur die Behandlung eines Symptoms

Finanzexperte hält Verbot von Leerverkäufen für falsch

Clemens Fuest im Gespräch mit Marietta Schwarz

Kurve des Deutschen Aktien Index (DAX) an der Deutschen Börse in Frankfurt am Main (AP)
Kurve des Deutschen Aktien Index (DAX) an der Deutschen Börse in Frankfurt am Main (AP)

Die Krankheit an den Finanzmärkten sei nicht, dass es Leerverkäufe gebe, so der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest. Die Wurzel seien die Banken, die mit sehr wenig Eigenkapital zu hohe Risiken eingingen, um sich im Notfall dann auf die Hilfe durch den Staat zu verlassen.

Marietta Schwarz: Wetten auf die Pleite, das ist an den Börsen weltweit gewinnträchtig und wie wir inzwischen wissen auch sehr riskant. Derlei Spekulationen hat die internationale Finanzkrise mit ausgelöst, die inzwischen zu einer Schuldenkrise geworden ist. Danach wollte man dem wilden Agieren an den Finanzmärkten eigentlich einen Riegel vorschieben – nicht allzu viel ist daraus geworden. Die Bundesregierung setzt sich schon lange dafür ein, Wetten mit Leerverkäufen europaweit zu verbieten, erntet aber Kritik dafür. Jetzt hat sich das EU-Parlament zu einem solchen Verbot durchgerungen.

Über die Bedeutung spreche ich mit dem Finanzwissenschaftler Clemens Fuest, der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium ist. Guten Morgen, Herr Fuest!

Clemens Fuest: Schönen guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Was halten Sie denn davon, dass das EU-Parlament sich zu diesem Verbot entschlossen hat?

Fuest: Ja, also davon darf man sich nicht zu viel erwarten. Ich sehe ein bisschen die Gefahr, dass hier an Symptomen kuriert wird und man die eigentlichen Probleme zu wenig angeht. Bei Leerverkäufen ist es ja so, dass zum Beispiel ein Spekulant der Meinung ist, dass ein Land etwa – nehmen wir Griechenland – eigentlich viel schlechter dasteht, als es derzeit in den Preisen für die Staatsanleihen zum Ausdruck kommt, und dann tätigt er einen solchen Leerverkauf. Das heißt, er verspricht jemandem, in sechs Monaten zum Beispiel griechische Staatsanleihen zum heutigen Preis zu liefern, und hofft dann, weil es Griechenland tatsächlich schlechter geht, dass er die dann billiger bekommen kann. Und die Frage ist jetzt, ist das schädlich, denn Leerverkäufe haben auch die positive Funktion, dass Missstände einfach offengelegt ist. Das heißt, wenn der Mann recht hat, dann ist es gut, wenn die Finanzmärkte möglichst früh das Signal bekommen oder auch die Allgemeinheit das Signal bekommt, es sieht eben so und so aus in dem Land.

Etwas anderes ist es, wenn einfach nur wild spekuliert wird und die Spekulanten sich dann, wenn es schiefgeht, darauf verlassen können, dass der Staat ihnen hilft. Das wäre eher ein plausibler Grund, gegen Spekulationen vorzugehen, dann muss man sich allerdings jegliche Art von Spekulationen vornehmen und dann muss man vielleicht auch noch mal überlegen, sind jetzt die Leerverkäufe das richtige Instrument oder sind nicht so Instrumente wie etwa, die Banken zu verpflichten, mehr Eigenkapital zu haben, ist das nicht besser. Aber das ist nicht so klar, dass die Leerverkäufe hier das richtige Instrument sind.

Schwarz: Kritiker sagen, dass vor allem diese Leerverkäufe die Instabilität am Finanzmarkt verstärken oder sogar verursachen.

Fuest: Ob das wirklich so ist, das ist umstritten. Das kann schon so sein, es gibt aber Untersuchungen, zum Beispiel hier in Großbritannien, zu den Wirkungen des Leerverkaufsverbots, das man hier in der Finanzkrise ausgesprochen hat. Und da kommt eigentlich heraus, dass sich an der Instabilität nichts geändert hat. Das hat damit zu tun, dass wenn man Leerverkäufe verbietet, dass dann auch das Handelsvolumen insgesamt zurückgeht und einzelne Transaktionen dann zu stärkeren Preisausschlägen führen. Das heißt, man hat bislang einfach empirisch nicht den Beweis antreten können, dass ein solches Leerverkaufsverbot tatsächlich zu mehr Stabilität führt, und das müsste man ja erst mal erreichen.

Schwarz: Auch die EU-Finanzminister tun sich tendenziell schwer mit einem solchen Verbot, weil sie um den Finanzplatz Europa fürchten?

Fuest: Das kommt hinzu. Man könnte ja Leerverkäufe nur in Europa verbieten, aber bei diesen Transaktionen ist es ja überhaupt kein Problem, irgendwo international auszuweichen, nach New York zu gehen oder nach Singapur zu gehen. Diese Transaktionen sind eben sehr, sehr mobil, und insofern muss man diese Verlagerungsprozesse beobachten. Nun könnte man es so machen, dass man den heimischen Banken es verbietet, solche Leerverkäufe zu tätigen, und zwar egal wo – das kann man durchaus machen, das macht die Bankenaufsicht teilweise auch. Da wird also gesagt, zumindest die inländischen Banken dürfen das nicht mehr. Man kann natürlich nicht verhindern, dass Ausländer dann solche Leerverkäufe tätigen, aber man kann immerhin die Risiken, die die heimischen Banken damit eingehen, diese Risiken kann man begrenzen, und damit ist ja auch schon was gewonnen.

Schwarz: Herr Fuest, jetzt haben Sie eben gesagt, ein solches Verbot der Leerverkäufe, das wäre doch eher eine Behandlung der Symptome. Was müsste denn passieren, um dieser Krankheit am Finanzmarkt wirklich beizukommen?

Fuest: Aus meiner Sicht ist die Krankheit an den Finanzmärkten nicht, dass es Leerverkäufe gibt, sondern die Krankheit an den Finanzmärkten ist, dass wir Banken hatten, die mit sehr, sehr wenig Eigenkapital sehr hohe Risiken eingehen konnten und spekulieren konnten und sich dann darauf verlassen konnten, dass wenn es schiefgeht, der Staat hilft. Das ist das Hauptproblem an den Finanzmärkten, und dem muss man sich stellen. Und das funktioniert nicht, indem man jetzt einzelne Formen von Spekulationen versucht einzuschränken, sondern das kann man nur zurückdrängen, wenn man die Banken zwingt, so viel Eigenkapital vorzuhalten, dass sie eben auch zahlen, wenn es schlecht geht und dass eben nicht der Steuerzahler geradestehen muss. Und wenn man das erreicht, dann ist auch der Anreiz, diese hohen Risiken einzugehen und wild zu spekulieren, auch dieser Anreiz ist dann zurückgedrängt, denn die Eigentümer der Banken müssen dann ja geradestehen, wenn es schiefgeht. Das ist die Hauptkrankheiten an den Finanzmärkten.

Jetzt auf die Leute zu schimpfen, die Leerverkäufe tätigen, das ist aus meiner Sicht das Suchen nach irgendwelchen Sündenböcken. Wir müssen ja dran denken, dass zum Beispiel Deutschland sehr zurückhaltend ist dabei, die Banken zu zwingen, mehr Eigenkapital vorzuhalten, gleichzeitig beschwert man sich über Leerverkäufe. Ich glaube, dass die wirkliche Wurzel des Problems bei den Eigenkapitalvorschriften liegt und weniger bei einzelnen Formen der Spekulation. Denn wenn man das verbietet, dann wird in anderen Bereichen spekuliert. Da einzelne Geschäfte zu verbieten, das bringt nicht viel.

Schwarz: Der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest über gefährliche Wetten mit Leerverkäufen, die das EU-Parlament verbieten will. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Fuest: Ich danke Ihnen!

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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