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Reportage / Archiv | Beitrag vom 27.09.2013

Null Komma vier Prozent

Alkoholfreies Bier wird gesellschaftsfähig

Von Michael Watzke

Auch auf dem Oktoberfest muss es nicht immer ein alkoholhaltiges Bier sein. (AP)
Auch auf dem Oktoberfest muss es nicht immer ein alkoholhaltiges Bier sein. (AP)

Während der Bierabsatz in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist, stieg der Absatz von alkoholfreiem Bier um rund 15 Prozent - ein Trend, der sich sogar auf dem Oktoberfest bemerkbar macht.

Morgens um zehn auf dem Münchner Oktoberfest. Die vier Musiker der Wiesn-Trachtenkapelle haben schon das erste Weißbier intus.

"Selbstverständlich nur alkoholfreies. Am Vormittag. Ab zwölfe trinken wir dann wahrscheinlich mit Alkohol." / "Na, ich sauf eigentlich, was hergeht. Ich hab eine schöne Haut. Also brauch ich kein alkoholfreies Weißbier."

Eine schöne Haut hat auch Weißbier-Wirtin Claudia Hofreiter. Sie steht hinter der Theke von "Hofreiters Weißbier-Carousel" und füllt ein bauchiges Weizenglas nach dem anderen.

"Das Glas schräg halten. Dann lässt man's reinsausen. Und kurz bevor's voll ist, stoppt man und macht den Schaum oben drauf."

Alkoholfreies Weißbier, sagt Claudia Hofreiter, sei vor allem bei Frauen beliebt. Weil es gesund sei, kaum Kalorien habe und die Hautporen reinige.

"Das stimmt sicherlich. Hefe ist super für die Haut. Aber ich selber trink keins. Ich verkauf's lieber."

Alkoholfreies Bier und Weißbier boomt. Während der Bierabsatz in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist, stieg der Absatz von alkoholfreiem Bier um rund 15 Prozent. Das merkt auch Mario Schäfer, wenn er unter Tage geht. Tief in den Weihenstephaner Berg hinein. Zu einer Maschine, die aussieht wie eine übergroße, gläserne Posaune. Mario Schäfer ist zweiter Braumeister der ältesten Weißbier-Brauerei der Welt, der Weihenstephaner-Brauerei in Freising.

"Also wir haben da sehr große Zuwachsraten. Unsere Entalkoholisierungsanlage läuft im Sommer von Montag bis Freitag kontinuierlich durch."

Das Besondere: Alkohol wird nach der Gärung entzogen

Die Entalkoholisierungsanlage ist das Herzstück der alkoholfreien Weißbier-Produktion von Weihenstephan. In die Edelstahl-Röhren der Maschine schäumt frisches Weißbier - mit Alkohol. Unter den Röhren hängen gläserne Kolonnen.

"An diesen Kolonnen sieht man so einen ganz dünnen Flüssigkeitsfilm herunterlaufen. Das ist der Alkohol. 72-prozentiges Ethanol. Das wird diesem Bier entzogen. Aber eben schonend. Nicht bei 100 Grad, sondern bei 40 Grad. Um den Biercharakter so gut wie möglich zu schonen."

Das ist der Unterschied zwischen der Traditionsbrauerei Weihenstephan aus Freising und den Mitbewerbern wie Franziskaner oder Erdinger. Dort wird der Gärprozess des Weißbieres gestoppt, bevor es alkoholisch wird. In Weihenstephan erst danach. Dieser Vorgang dauert länger, erklärt Schäfer.

"Ist aufwendiger, komplexer. Und vom Geschmack her anders. Meiner Meinung nach besser. Aber das ist natürlich Geschmacksache. Ob man eher ein süßliches alkoholfreies Weißbier mag oder eines, das dem normalen Biercharakter ähnlicher ist."

Den Unterschied bemerkt sogar der Laie am Geruch. Manche Biere riechen nach Malz.

"Das sind diese alkoholfreien Biere, die sehr süßlich schmecken, sehr würzig. Wie Karamalz."

Dagegen schmeckt das "Weihenstephaner alkoholfrei" ähnlich wie normales Weißbier. Denn nach der Entalkoholisierung ist es noch nicht fertig, erklärt Braumeister Schäfer und deutet auf mehrere dicke Schläuche.

"Anschließend läuft das entalkoholisierte Bier in einen weiteren Tank. Dort wird wieder frisches Weißbier dazuverschnitten. So bekommt man diese spritzigen Weißbier-Aromen, auch diesen bananigen Geschmack, ins Weißbier zurück. Und man bringt eben auch diese 0,4 Volumen-Prozent Alkohol, die als Geschmacksträger dienen, wieder zurück ins Bier."

Denn ganz ohne Alkohol kommt kein Weißbier aus - auch nicht das alkoholfreie. Allerdings müsste man schon etwa drei Liter in zwei Stunden trinken, um nicht mehr Auto fahren zu dürfen. Und um die Promillegrenze geht es den meisten Kunden, die bleifrei trinken.

Statt Weißbier einen "Russen"

Etwa Erich Hofreiter, der Besitzer des "Weißbier-Carousels" auf dem Münchner Oktoberfest.

"Früher konnte ich mir nie vorstellen, alkoholfreies Weißbier zu trinken. Aber gerade wenn man bei Geschäftsterminen unterwegs ist, bei Pressekonferenzen, da kann man ja nicht mittags schon anfangen mit alkoholischem Weißbier. Da greif' ich dann durchaus gern zurück auf ein alkoholfreies oder auf eine leichte Weiße."

Die leichte Weiße, mit Limonade vermischt, nennt man in Bayern einen "Russen". Auch dieses Limonaden-Weißbier wird immer beliebter. Georg Stuber dagegen, der Akkordeonist der Wiesn-Trachtenkapelle, mag den Russen nicht so gern.

"Ja, vorhin haben sie mir einen gegeben, aber den hab' ich ihnen gleich wieder zurückgegeben. Ich kann doch den kleinen Kindern nicht das Limo wegsaufen!"

Dann schon lieber alkoholfreies Weißbier mit null Umdrehungen, sagt Stuber - und dreht sich mit der Kapelle vor dem Weißbier-Carousel. Auch das Karussell dreht sich, und das Riesenrad dahinter dreht sich, und die Gäste mit ihren Weißbier-Gläsern drehen sich auch. Eigentlich dreht sich alles auf der Wiesn, alles…nur das alkoholfreie Weißbier nicht.

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