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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.01.2014

NSU-ProzessWarum wirkt Beate Zschäpe glücklich?

Wissenschaftlerin über die Psyche von Gewalttätern, die aus ideologischen Gründen morden

Astrid Bötticher im Gespräch mit Hanns Ostermann

(picture alliance / dpa)
Die Angeklagte Beate Zsschäpe beim NSU-Prozess in München, 8. Januar 2014 (picture alliance / dpa)

Obwohl sie durch ihre Taten sehr viel Leid angerichtet habe, halte sie sich selbst für eine "Kriegerin", die ihre Ziele erreicht habe. Das sagt die Wissenschaftlerin Astrid Bötticher über die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe. Diese Art der Selbstwahrnehmung sei durchaus typisch für Extremisten.

Hanns Ostermann: Das war ein spannender Moment gestern im Münchner NSU-Prozess. Geladen war eine alte Freundin der Hauptangeklagten Beate Zschäpe. Doch die Zeugin, in deren Wohnzimmer Porträts der toten Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden wurden, sie schwieg, auch wenn die 32-Jjährige viel hätte erzählen können.

Und wie reagierte Beate Zschäpe, die häufig genug in ihre Identität geschlüpft war? – Sie wirft ihr ab und zu, so Beobachter, verstohlene Blicke zu. Unglücklich nervös wirkt sie nicht, die Witwe des braunen Terrors. Aber ist sie zufrieden, mit sich im Reinen? – Darüber möchte ich mit Astrid Bötticher sprechen. Sie ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Extremismusforschung. Guten Morgen, Frau Bötticher.

Astrid Bötticher: Guten Morgen!

Ostermann: Welchen Eindruck haben Sie von der cool auftretenden Frau Zschäpe?

Bötticher: Sie wirkt recht glücklich. Ich glaube, sie ist relativ stolz auf ihre Taten. Sie befindet sich im Einklang mit sich selbst und sie möchte das auch zeigen und sich auch keine Blöße geben.

Ostermann: Sie ist im Einklang mit sich selbst. Wie kann das sein, wenn sie, wenn ein Mensch über Leichen geht und unendlich viel Leid angerichtet hat?

Bötticher: Ja das hat sehr viel mit der unterschiedlichen Wahrnehmung zu tun. Extremisten nehmen die Welt in der Regel etwas anders wahr als wir selbst. Das hat einerseits mit dem falschen Konsensus-Effekt zu tun. Das bedeutet, Extremisten gehen davon aus, dass sie das tun, was die schweigende Mehrheit möchte. Das hat andererseits damit zu tun, dass sie dem falschen Einmaligkeits-Effekt aufsitzen. Das bedeutet, sie glauben an ihre eigene Unersetzbarkeit. Und das hat auch mit den Thomas-Theorem zu tun: wenn die Menschen die Situation als real definieren, dann sind sie in ihren Konsequenzen real. Das bedeutet, Frau Zschäpe geht von einem Rachekrieg aus und ist der Meinung, sie ist eine Kriegerin in diesem Krieg und hat auch etwas erreicht für sich selbst.

Ostermann: Verbietet sich bei Extremisten, in diesem Fall auch bei Frau Zschäpe die Frage nach der Scham, die Frage nach Unrechtsbewusstsein?

Der Radikale predigt, der Extremist tötet

Bötticher: Die verbietet sich nicht. Die wird auch immer aktuell bleiben. Nur sie wird an diesen Menschen abprallen.

Ostermann: Wie wird man überhaupt zum Extremisten? Gibt es dafür einen typischen Lebenslauf?

Bötticher: Einen typischen Verlauf gibt es in dem Sinne nicht. Aber natürlich ist es so, dass Extremisten sich einmal in der sozialhistorischen Wirklichkeit befinden. Ihr Leben ist eingebettet in sozialhistorische Prozesse, und das bedeutet, Extremisten weisen durchaus auf Probleme in der Gesellschaft hin, auf die sie auch Bezug nehmen. Dann hat es damit zu tun, dass Extremisten sehr oft enge Bindungen suchen, und diese finden sie in diesen Gruppen.

Ostermann: Enge Bindungen, die sie familiär von Kindesbeinen an nicht hatten? Das heißt, sie suchen Ersatzfamilien, egal wo die sind?

Bötticher: Genau. Das ist einer der Gründe. Und bei Frau Zschäpe sieht man das auch sehr gut.

Ostermann: Was unterscheidet Extremisten von radikalen Leuten?

Bötticher: Mit Radikalen können wir im Grunde genommen leben. Das bedeutet, Radikale gehören eher zu einer Diversitätsgesellschaft, während Extremisten immer dafür kämpfen, eine Monokultur durchzusetzen. Sie können sich im Grunde vorstellen, dass der Radikale predigt, aber er würde niemals schießen.

Ostermann: Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dieses gesellschaftliche Phänomen aufmerksam zu beobachten?

Bötticher: Das wird immer wichtig bleiben. Extremismus ist eine Komponente, die sich in jeder Gesellschaft findet und auch zu jeder Zeit existiert hat. Das bedeutet, wir müssen Institutionen aufbauen, wir müssen gesellschaftliche Aufmerksamkeitsstrukturen bilden, so dass wir sozusagen den Extremismus dauerhaft niederdrücken können. Aber besiegen werden wir ihn nicht.

Ostermann: Ja das wollte ich fragen. Wie kann man gegensteuern, ohne dass diese schlimmen Dinge passiert sind wie beim rechten Rand, wie bei den rechten Terroristen?

Bötticher: Wie kann man gegensteuern? Das wird immer ein Ensemble aus verschiedenen Maßnahmen sein. Sie brauchen soziale Maßnahmen, sie brauchen präventive Maßnahmen, sie brauchen aber auch ein gut funktionierendes Strafrecht, sie brauchen auch gut funktionierende repressive Maßnahmen, und dieser bunte Blumenstrauß an Maßnahmen wirkt im Zusammenspiel. Es gibt aber nicht die eine Maßnahme, die helfen wird.

Ostermann: Das wäre auch zu schön. – Die Politikwissenschaftlerin Astrid Bötticher. Frau Bötticher, danke Ihnen für das Gespräch.

Bötticher: Ich danke Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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