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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.11.2014

NSU-Mordserie"Da ist richtig etwas faul bei uns"

Ombudsfrau für Opferfamilien beklagt fehlende Aufklärung

Barbara John im Gespräch mit Nana Brink

(picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Drei Jahre sind seit der Aufdeckung der Zwickauer Terrorzelle vergangen - und trotzdem ist in Sachen Aufklärung nichts passiert, beklagt die Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Morde, Barbara John. "Niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Wer kann das verstehen?"

Nana Brink: Vor drei Jahren ist ja die Zwickauer Terrorzelle NSU aufgeflogen. Auf das Konto des Nationalsozialistischen Untergrunds gehen im Laufe von zehn Jahren nicht nur Sprengstoffanschläge, sondern auch eine beispiellose Mordserie. Das Versagen der Sicherheitsbehörden, diese Serie aufzudecken, führte ja zu einer regelrechten Rücktrittswelle und auch einem Untersuchungsausschuss. Barbara John war lange Ausländerbeauftragte des Berliner Senats und ist seit 2012 Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Opfer dieser Morde. Jetzt hat sie ein Buch herausgegeben, von und für die Opfer – "Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen", heißt es. Guten Morgen, Frau John, hier in Studio 9!

Barbara John: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Drei Jahre danach – wozu jetzt noch dieses Buch?

John: Ich habe mir überlegt, wann, wenn nicht jetzt, denn in den letzten drei Jahren ist unendlich viel passiert für die Familien. Und das Entscheidende, was passiert ist, ist, dass sie endlich herausfinden aus dieser Opferrolle. Vor drei Jahren hat ja noch Semiya Şimşek, die Tochter von Enver Şimşek, dem ersten Opfer, gesagt: Jetzt können wir endlich Opfer sein, weil alle anerkennen, dass nicht wir die Täter sind, sondern die Neonazis die Täter sind. Und jetzt sagt Gamze Kubasik in dem Buch: Ich will nicht mehr Opfer sein. Und Abdulkerim Şimşek sagt, ich will mich davon befreien. Und das empfinden sie vollkommen richtig.

Die Opferecke ist kein Ort, wo man sich immer aufhalten kann, und sie bleiben natürlich Opfer in dem Sinn, wie wir es eben beschrieben haben, aber damals waren sie ohnmächtig, ausgeschlossen von der Gesellschaft. Heute ist das anders. Sie sind handlungsfähiger geworden, sie werden mit einbezogen. Jedenfalls ist das immer mein Wunsch, und ich versuche alles, dass die Länder und die Städte das so machen. Sie wirken wieder mit, und das ist das Entscheidende. Sie haben Familien gegründet, sie werden Kinder haben, und müssen ja damit auch umgehen. Und dann ist es gut, sie erleben Eltern, die in diesem Land zurechtkommen, und nicht, die an diesem Land immer, immer leiden.

Brink: Sie haben schon mehrfach die Opfer zitiert, auch die Angehörigen der Opfer. Das ist ja der wesentliche Kern dieses Buches, diese Gespräche, die sie geführt haben. War das leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen?

John: Es war nicht so ganz leicht, sie überhaupt zu überzeugen, in einem Buch ihre Geschichte zu erzählen. Aber es ist gelungen, und nun sind sie alle da zusammen, und es ist auch für sie füreinander sehr gut. Sie sagen, ich wusste das ja gar nicht von der Familie und der Familie. Aber es waren natürlich auch Gespräche, bei denen ich lange mit ihnen zusammengesessen habe – ich nicht allein, sondern auch die Journalistin Vera Gaserow, aber ich auch.

Und da sind viele Dinge erörtert worden, die mich auch überrascht haben, zum Beispiel die Familie Yozgat. Sie haben mir gesagt: Als wir hörten, dass es die Rechten waren – und wir wussten ja, es ist so lange Jahre nicht rausgekommen, elf Jahre – wir wollten es nicht glauben, weil wir es nicht ertragen konnten. Wir konnten es plötzlich nicht ertragen, nicht plötzlich, dass wir in einem Land leben, an das wir geglaubt haben, das so etwas zulassen kann. Können wir überhaupt in dem Land weiterleben? Was ist denn das für eine Gesellschaft, in der so etwas möglich ist? Und insofern mussten sie es erst langsam an sich heranlassen. Also das war eines der Gespräche, die mich sehr, sehr, sehr angerührt haben.

Es gab natürlich auch andere. Das Gespräch mit dem Opfer in der Probsteigasse, als die junge Frau das halbe Gesicht verletzt hatte und todkrank war, im Koma lag in der Klinik – wie sie sagt: Was sind denn das für Täter? Sie morden zehn Menschen, sagen jetzt nicht ein Wort, stehen nicht mal dazu und wollen mit der mindesten Strafe davonkommen. Was für erbärmliche Menschen!

Brink: Was hat das mit Ihnen getan? Sie beschäftigen sich ja schon lange mit dem Thema, also auch Integration ...

John: Ja, es hat etwas sehr Normales getan: Es hat mich sehr stark mit den Familien verbunden. Ich habe in den Familien Menschen gefunden, so wunderbare Menschen, die eine solche Erfahrung hinter sich haben, nicht verbittern, nach vorn schauen, versuchen, damit umzugehen und gerade auch in der Erfahrung, die wir ja nicht alle machen müssen, Gott sei Dank nicht alle. Und das sagen sie auch immer, wir wollen, dass das niemandem mehr passiert, dass keine Familie mehr da durch muss, wo wir durch mussten. Dass die Familien so wichtig sind für uns, und dass wir sie unbedingt einbeziehen müssen auch in der weiteren Entwicklung. Jetzt haben sie ja noch den Prozess vor sich, auch das ist noch mal ein schweres Stück Arbeit.

Brink: Sie haben gesagt, der Blick nach vorne hat Sie vor allen Dingen bewegt. Blicken wir mal nach vorne: Was ist Ihr Resümee? Was bleibt noch zu tun nach diesen drei Jahren?

John: Der Staat hat – wenn ich jetzt sage, der Staat, dann klingt das sehr umfassend, pauschal, aber es gibt ja verschiedene Empfehlungen auch des Untersuchungsausschusses des Bundestages. Da ist noch gar nichts gemacht worden. Zum Beispiel diese Aktivausschlussformel, die besagt, wenn ein Einwanderer Gewalt erlebt, dann wird immer standardmäßig nach rechts geguckt – ist da jemand beteiligt? Nichts. Weil das die Länderpolizeien machen müssen.

Brink: Ist das da noch nicht angekommen?

John: Nein. Das interessiert die anscheinend gar nicht. Ist noch nicht angekommen, obwohl es ja schon vor einem Jahr empfohlen worden ist. Dann natürlich etwas, was sie unsäglich – nicht ärgert, aber verwundert, und was sie gar nicht glauben können: dass zum Beispiel nicht einer von den vielen Ermittlern, Staatsanwälten, die sich alle damit befasst haben, Verfassungsschützer – es sind ja Hunderte, bis in die Tausende – nicht gegen einen ist ein Anfangsverdacht gerichtet worden wegen Strafvereitelung im Amt, obwohl die Fehler manifest sind: nicht weitergegeben, nicht telefoniert, daneben gestanden, als der wegging. Nicht verhaftet, nicht noch mal angerufen. Es ist sagenhaft, dass hier Dinge passieren, die so gegen das Gesetz sind, und niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Wer kann das verstehen? Ich verstehe es auch nicht. Und da muss dringend was gemacht werden. Da ist richtig etwas faul bei uns.

Brink: Barbara John, die Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Opfer der NSU-Morde. Sie hat jetzt ein Buch geschrieben: "Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen". Frau John, Danke für Ihren Besuch in Studio 9.

John: Ich danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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