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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 08.12.2010

"Nowhere Boy"

Verfilmung der Jugendjahre von John Lennon

Von Hans-Ulrich Pönack

Der Debüt-Spielfilm "Nowhere Boy" von Sam Taylor-Wood ist stimmiges Biopic über das Leben des jungen John Lennon. Pünktlich zum Jahrestag des Todes der Popikone und dessen Gedenken absolut würdig.

"Nowhere Boy" von Sam Taylor-Wood (GB 2009; 98 Minuten); das ist der Debüt-Spielfilm der 1967 in London geborenen Fotografin, Videokünstlerin und Filmemacherin, die 2008 mit ihrem Kurzfilm "Love You More" im Cannes-Wettbewerb vertreten war. Das Drehbuch zu ihrem ersten langen Kinofilm schrieb der britische Autor Matt Greenhalgh, der 2007 für sein Debüt-Drehbuch zum Anton Corbijn-Film "Control", einem Porträt-Movie über das Leben des "Joy-Division"-Sängers Ian Curtis, viel Lob (und diverse Auszeichnungen) bekam. Als Vorlage für das Drehbuch zu "Nowhere Boy" diente ihm das Buch "Imagine This Growing Up With My Brother John Lennon" von Julia Baird, der Halbschwester von John Lennon.

John Lennon: Am 9. Oktober 2010 wäre der Liverpooler Beatle 70 Jahre alt geworden; am deutschen Kinostarttag, am 8. Dezember 2010, ist es genau 30 Jahre her, dass ihn ein "verwirrter" Bursche in New York ermordete. "Nowhere Boy" erzählt die Geschichte der Jugend und Vor-Beatle-Zeit des John Winston Lennon. Der von seiner Mutter Julia im Alter von fünf Jahren verlassen wurde (weil Julia Lennon ein Kind von einem anderen Mann bekam, trennten sich die Eltern, während John von der Schwester der Mutter, Mary "Mimi" Smith, übernommen wurde).

Liverpool in den 50er-Jahren. Der Rock 'n' Roll startet durch. Der Klassiker "Wild One" von Jerry Lee Lewis ist zu hören. John, stolze 15, ist ein eher halbwilder Bursche. Mit Nickelbrille und dann Elvis-Tolle und "nicht so dollen" schulischen Leistungen. Ein typischer Bengel von nebenan. Mit den üblichen pubertären Ausrastern wie auf Doppeldeckerbusse klettern, Schallplatten klauen, rauchen, Bier trinken. Nichts Beunruhigendes. Was die strenge Tante Mimi-Mama allerdings etwas anders sieht. Sie besteht auf feste Lern- und Benimm-Regeln.

Als John mit seiner (in der Nähe wohnenden) Mutter Julia wieder in Kontakt kommt, gerät der Junge buchstäblich außer Rand und Band. Denn die richtige Mama kann ihre Gefühle, ihr Temperament kaum unter Kontrolle halten, geschweige denn verbergen, und öffnet ihm die Welt zum sexigen Rock 'n' Roll. Die Wirkung von Elvis Presley auf Mädels lässt ihn nach dem Besuch eines Elvis-Films mit seiner lebenslustigen Power-Mutter innerlich aufblühen wie ausrasten. Eine Gitarre muss her, John beschließt, Rock-Star zu werden. Gründet an der Schule mit mehr oder weniger musikalischen Kumpels die Skiffle-Group "The Quarrymen". Bekommt zugleich aber in der unterschiedlichen Welt seiner beiden Mütter emotionale Bewältigungsprobleme.

Gerade, als er angefangen hat, sich mit seiner Mutter zu versöhnen und auch die Beziehung zwischen den beiden "Mama-Schwestern" versöhnlicher wird, stirbt seine Mutter Julia bei einem Autounfall. Und lässt einen verbitterten, verzweifelten Sohn John zurück. Im Juli 1957 stößt ein Paul McCartney zu "The Quarrymen". Dessen Schulfreund George Harrison schließt sich im Februar 1958 der Band an. Deren Auftritte sich zu lokalen, regionalen Ereignissen entwickeln. 1960 geht es schließlich zum ersten "Auslandseinsatz" nach Hamburg. Unter dem neuen Namen: "The Beatles".

Einen Beatles-Song gibt es nicht zu hören, kann es ja (zeitlich) auch gar nicht geben. Lediglich der Anfangsakkord von "A Hard Days Night" klingt einmal kurz an, das war's dann Beatles-musikalisch aber auch. Dafür lernen wir die spezielle wie ekstatische Wirkung eines Blues-Klassikers wie "I Put a Spell on You" kennen und genießen. Wie überhaupt dieses frühe John-Lennon-Biopic Genuss pur ist.

Der Regisseurin geht es nicht um Skandale/Skandälchen aus dem Boy-Dasein von John Lennon, sondern um ein berührendes Sitten- und Personenbild der 50er-Liverpool-Jahre. Um John Lennon herum. Mit viel ruhiger, besonnener, spannender Wahrhaftigkeit. Motto: Aus dem jungen Leben eines späteren Musiker-Genies. Unaufgeregt, sehr zeitatmosphärisch, lebensecht, packend sensibel. Was natürlich nicht nur über die vorzüglichen Motive und Bilder gelingt (Kamera: Seamus McGarvey/"Abbitte"), sondern vor allem durch die großartigen Darsteller überzeugt.

Aaron Johnson, Jahrgang 1990, war in Nebenrollen bei Filmen wie "The Illusionist" (2006/als junger Edward Norton) sowie neulich in "Kick-Ass" mit dabei, kriegt diesen unruhigen, emotional gespaltenen, suchenden John Lennon prächtig hin. Kompliment: Absolut überzeugend. Stimmig in Bewegung, Ton, Seelentiefe. Drumherum ein wunderbares Ensemble mit erstklassigen, ebenso fiebrigen Akteurinnen wie Kristin Scott Thomas ("So viele Jahre liebe ich dich") als bemühter Mutterersatz Mimi und einer mitreißenden Anne-Marie Duff (kürzlich neben Helen Mirren und Christopher Plummer in "Ein russischer Sommer") als labiler Gefühlsvulkan von Mutter Julia. Angenehm auffällig auch: Der charmante Thomas Brodie Sangster (der verliebte Sohnemann von Liam Neeson in "Tatsächlich ... Liebe"/2003) als "Talent" Paul McCartney.

Ein toller Film. Dem Gedenken an John Lennon Junior würdig. Auch ohne die Hits. Die sowieso ständig im Kopf mit herumflirren. Wie die bekannte Zeit "danach" natürlich mitläuft ("Yeah – Yeah – Yeah - A Hard Days Night"/1964). Der Lebensstart einer der Popikonen des 20. Jahrhunderts, dicht, nahegehend, aufwühlend: Ein seelisches Kraftding von sehr unterhaltsamem Intensiv-Kino.

Großbritannien/Kanada 2009, Regie: Sam Taylor-Wood, Darsteller: Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff, David Morrissey, Thomas Brodie Sangster, Sam Bell, David Threlfall, Ophelia Lovibond, Jack McElhone, freigegeben ab 12 Jahren, 98 Minuten

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