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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.01.2007

Norddeutsche Brieffreundschaft

Uwe Johnson, Walter Kempowski: "Kaum beweisbare Ähnlichkeiten", Transit Verlag. Berlin 2006. 144 Seiten

Walter Kempowski (AP)
Walter Kempowski (AP)

Der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Walter Kempowski widerlegt, dass es zwischen den beiden Autoren "Kaum beweisbare Ähnlichkeiten" gegeben hat. Trotz ihres sehr unterschiedlichen literarischen Stils entwickelten sie eine intensive Brieffreundschaft.

Es ist Uwe Johnson, der den Briefwechsel mit Walter Kempowski eröffnet. Am Anfang der sich über ein Jahrzehnt erstreckenden Korrespondenz steht ein Telegramm, in welchem Johnson um Auskunft darüber bittet, was es mit den Begriffen "Ocki-Arbeit" und "Iben" auf sich hat. Da er beide Begriffe nicht in Kluges "Etymologischem Wörterbuch" findet, fällt der in Pommern geborene Johnson bei dem gebürtigen Rostocker Kempowski gleich mit der Tür ins Haus. Das ist nicht unbedingt typisch für einen an sich verschlossenen Norddeutschen, Kempowski aber kann aus der vom 30. März 1971 datierten Anfrage entnehmen, dass der Autor der "Mutmaßungen" seinen Roman "Tadellöser & Wolff" äußerst genau gelesen hatte. Doch offensichtlich kam auch Johnson der postalische Überfall etwas seltsam vor, denn er schickte einen Tag später dem Telegramm einen Brief hinterher, der mit der Bemerkung endet: "Entschuldigen Sie die Belästigung, wenn es eine war; betrachten Sie es als Leser-Telegramm, als Leserbrief."

Belästigt fühlte sich Kempowski allerdings nicht und so wechseln die beiden Norddeutschen in den nächsten 12 Jahren insgesamt 56 Schriftstücke, wobei Johnson 23 Briefe, 7 Karten und ein Telegramm an Kempowski schickt, der darauf mit 22 Briefen, 2 Karten und einem Telegramm antwortet.

Im ersten Teil der Korrespondenz geht es häufig um Mecklenburg, also um jene Landschaft, die in Johnsons Texten immer wieder beschrieben wird, wodurch sich auch der Leser Kempowski an seine Heimat erinnert fühlt. Vertrautheit stellt sich im Briefwechsel auch deshalb ein, weil das Erinnern für beide Autoren einen wesentlichen Bestandteil des Erzählens ausmacht. Insofern versteht Johnson den Einwand eines Kritikers, bei Kempowskis Erzählstil würde es sich nur um einen Kraftakt des Erinnerns handeln, nicht als Vorwurf, sondern als Lob. Gerade dadurch zeichnen sich seiner Meinung nach Kempowskis Texte aus, und er schätzt diese erzählerische Form wohl auch deshalb, weil den "Jahrestagen" ein vergleichbares Erzählprinzip zugrunde liegt.

Ähnlichkeiten zwischen den Autoren sind also vorhanden und durchaus beweisbar. Beide sind akribische Arbeiter, die das Dokument schätzen, das seinen Platz im literarischen Text erst dann beanspruchen darf, wenn nach gründlichen Recherchen sicher gestellt ist, wie es in der Zeit verankert ist. Kempowski spricht in diesem Zusammenhang von "Erinnerungsträgern", auf die er angewiesen ist und auch Johnson verwendet bei seiner literarischen Arbeit immer wieder Faktenmaterial.

Doch trotz dieser Ähnlichkeiten und einem gewissen "nebeneinander" der literarischen "Produktion", die Briefpartner sehen sich nicht als Konkurrenten, was wohl – wie Kempowski meint – am "unterschiedlichen Blickwinkel" liegt.

Es gibt so etwas wie Vertrautheit und dennoch bemerkt Kempowski, dass er sich vor einer Begegnung mit Johnson "fast fürchte". "Ich würde Sie gern einmal besuchen, lieber Herr Johnson, aber ich habe immer etwas ‚Schiß’ vor Ihnen. Sie haben so etwas Strenges an sich, das mir zwar vertraut ist, aber mir den Mund verschließt." Diese Angst war nicht unbegründet, denn Johnson konnte als kritischer Freund unerbittlich in seinem Urteil sein. Beweise dafür finden sich auch in dem von den beiden Herausgebern vorzüglich kommentierten Briefwechsel, der eine Entdeckung darstellt.

Rezensiert von Michael Opitz

Uwe Johnson, Walter Kempowski: "Kaum beweisbare Ähnlichkeiten". Der Briefwechsel
Herausgegeben von Eberhard Fahlke und Gesine Treptow
Transit Verlag. Berlin 2006
144 Seiten, 14,80 Euro

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