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Buchkritik | Beitrag vom 10.03.2016

Nis-Momme Stockmann: "Der Fuchs"Der Weltuntergang startet in Friesland

Von Wolfgang Schneider

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Der Pilsumer Leuchtturm, aufgenommen am 10.06.2012 am Deich unweit von Pilsum (Landkreis Aurich) in Ostfriesland. Der zwölf Meter Leuchtturm war in den Jahren 1891 bis 1915 für den Schiffsfahrweg zwischen Emden und der Nordsee in Betrieb. Heute gilt er als ein Wahrzeichen Ostfrieslands. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Der Pilsumer Leuchtturm in Ostfriesland. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Der Titel des Romans, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, lautet zwar "Der Fuchs" - eine Tiergeschichte ist der Debütroman von Nis-Momme Stockmann aber nicht. Es ist ein Katastrophenroman.

Apokalypse liegt wieder im Trend. Nicht nur, dass Karen Duve die Welt in Hamburg vor die Hunde gehen lässt, auch Nis-Momme Stockmann lässt Sturmfluten zu hoher Form auflaufen und den Weltuntergang in einem friesischen Küstenkaff namens Thule beginnen. Während Duves "Macht" jedoch kaum mehr als ein klimawandelfeministisches Pamphlet in Romanform ist, zieht Stockmanns "Fuchs" seine Leser tief hinein in ein furchterregendes Szenario.

Der Deich ist gebrochen, die wilden Meere stürzen an Land. Was eben noch solider Wohlstand war, ist von einem Moment auf den anderen geschreddertes Treibgut. Die Hauptfigur Finn Schliemann rettet sich mit seinen Jugendfreunden Dogge und Jütte auf ein Hausdach. Die Rahmenhandlung widmet sich ihrem Überlebenskampf und beschreibt die gegenseitige Zerfleischung in den letzten Tagen der Menschheit.

Das Böse der Provinzjugend

Unterdessen wird eine Provinzjugend voller Furcht und Schrecken rekapituliert. Stockmanns Stilmittel ist die erzählerische Zeitlupe, etwa bei der raumgreifenden Begegnung des zehnjährigen Finn mit den Albtraumgestalten von Thule, den Baschi-Brüdern – asozialen Schlägern, Sadisten, Tierquälern, Schmerzexperten; als wären sie beauftragt, den Bürgern einen anschaulichen Begriff des Bösen zu geben.

Stockmanns suggestive, bildkräftige und detailstarke Prosa schafft ein Angstszenario, das es mit Lynch oder Lovecraft aufnehmen kann. Man hat ihn vor Augen, Finns derangierten Freundeskreis, dazu seine fatale Familie (der tote Vater, der geistig behinderte Bruder Reini), aber auch seine zwischenzeitliche Retterin, die charismatische, mit ihrem geheimnisvollen Wissen faszinierende Katja. Die Zeichen verdichten sich: verschwundene Menschen, verdrängte Morde, abgetrennte Gliedmaßen auf dem Deich – und überall das ominöse Symbol des Doppelkreises. Ein Rhizom des Verhängnisses tief unter Thule strahlt dunkle Energien aus, die Weltverschwörung scheint gerade hier ihre Achse zu haben.

Ästhetik des Eckelhaften

Es gibt eine Reihe von Nebenhandlungen: Mal befindet man sich mit geschundenen Deichbauarbeitern im Jahr 1792, mal in einer Schöpfungsburleske rund um die babylonischen Gottheiten Tiamat und Marduk – Döblin lässt grüßen. Groß entworfen ist der Roman im ersten Drittel, aber wohin soll das alles führen? Es brodelt in einem Dutzend Töpfen; der beste Koch könnte daraus kein abgerundetes, geschmackssicheres Menü fertigstellen. Aber Riesenhunger ist immer ein guter Anfang – und der Fuchs, der die Welt verschlingt, das Leitmotiv.

Die Ästhetik des Hässlichen, Ekelhaften bewegt sich auf schmalem Grad. Stockmann rutscht einige Male ab ins Degoutante, etwa wenn er Finn am Ende in den Eingeweiden seines Freund-Feindes wühlen lässt, auf der Suche nach dem unheiligen Gral. Zwischendrin verfranst sich der Roman in wenig ergiebigen Reflexionen, die Hauptfiguren werden zu Partisanen des Diskurses, die wild herumschießen, aber nur gelegentlich treffen. "Der Fuchs" ist eine gewaltige Talentprobe, mit atemberaubenden Passagen, effektsicheren Dialogen, aber auch deutlichen Schwächen und Leerlauf. Ein Buch für Leser, die riskante literarische Experimente mögen.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs
Rowohlt, Reinbek 2016
718 Seiten, 24,95 Euro

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