Seit 09:05 Uhr Sonntagmorgen
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:05 Uhr Sonntagmorgen
 
 

Studio 9 | Beitrag vom 13.11.2014

Niederlande, USA und ChinaSterbehilfe in anderen Ländern

Immer mehr Sterbehilfefälle in den Niederlanden, harte Strafen in China

Von Michael Hollenbach, Ruth Kirchner und Marcus Pindur

Im Vordergrund eine Rose, im Hintergrund ein Krankenbett mit einer alten Frau und einer jüngeren am Bett. (Picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Eine Kunsttherapeutin zeichnet mit einer Frau in einem Hospiz ein Bild. (Picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Die liberalste Sterbehilferegelung haben die Niederlande. Die Zahl der Sterbehilfefälle steigt dort dramatisch. In den USA ist Sterbehilfe in nur fünf Bundesstaaten erlaubt. In China, wo die Zahl der Alten durch die Einkind-Politik rasant zunimmt, ist das Töten auf Verlangen verboten.

 

Michael Hollenbach berichtet aus den Niederlanden (Audio):

Seit 13 Jahren ist bei unseren Nachbarn das Töten auf Verlangen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Ärzte dürfen einen Antrag nur dann bewilligen, wenn die Betroffenen ihn freiwillig und wohlüberlegt stellen, unerträglich leiden und eine Heilung aussichtlos ist. Mehr als 70 Prozent der Sterbehilfeanträge kommen von Krebspatienten.

Die Zahl der Sterbehilfefälle steigt in den Niederlanden dramatisch – allein von 2012 auf 2013 um 15 Prozent auf knapp 5000 pro Jahr. Im Vergleich zu 2009 haben sich die Zahlen verdoppelt. Petra de Jong ist die niederländische Lobbyistin für aktive Sterbehilfe. Die Ärztin ist Direktorin der Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende.

De Jong: "Die jetzige Babyboomer-Generation, das sind Leute, die wollen bewusst ihre eigene Entscheidung treffen – auch wie ihr Leben enden soll. Und die wollen das für sich selbst regeln."

Doch es zeichnen sich bei der Umsetzung des so genannten Euthanasie-Gesetzes immer mehr ethische Grauzonen ab – zum Beispiel bei Menschen mit Demenz. Viele äußern in einem frühen Stadium der Erkrankung den Wunsch nach Euthanasie. Knapp 100 Demente erhielten 2013 aktive Sterbehilfe – doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Auch wenn man dem Arzt seinen Wunsch nicht mehr direkt sagen kann, ist eine Sterbehilfe möglich. Das sieht der Medizinethiker Theo Boer sehr kritisch. Er war mehr als zehn Jahre Mitglied einer Kontrollkommission, die nachträglich beurteilt, ob bei der Sterbehilfe alle Bestimmungen eingehalten wurden.

Boer: "Ich denke, das ist eine schiefe Ebene, denn es gibt Fälle, in dem Leute in einem Pflegeheim sind, die eine Patientenverfügung haben, aber die nicht leiden, aber wo trotzdem Leute sagen: da dürfen die jetzt sterben."

Umstritten ist auch die Sterbehilfe für psychisch Kranke. Die war bei der Verabschiedung des Gesetzes vor 13 Jahren so nicht vorgesehen, sagt der Medizinethiker Theo Boer.

Boer: "Weil man gedacht hat, man weiß nie, ob man geheilt werden kann. Und man weiß auch nicht, ob der Patient das kompetent beurteilen kann."

Im vergangenen Jahr erhielten 42 psychisch Kranke aktive Sterbehilfe - dreimal so viele wie 2012. Trotz dieser Kritik - die große Mehrheit der Niederländer befürwortet die so genannte Euthanasieregelung. Und selbst Teile der evangelischen Kirche haben sich in der Vergangenheit für die aktive Sterbehilfe eingesetzt.

Info: Die Niederlande hatten 2001 als erstes Land der Welt ein Sterbehilfegesetz verab­schiedet. Hier sind Sterbehilfe und ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung nicht strafbar, wenn ein Patient aussichtslos krank ist und unerträglich leidet. Zudem muss er mehrfach ausdrücklich um Sterbehilfe gebeten haben. Ähnliches gilt auch für Demenzkranke. 97 an Demenz Erkrankte nahmen 2013 in den Niederlanden Sterbehilfe in Anspruch, mehr als doppelt so viele wie noch 2012 (42 Fälle). Sie befanden sich laut dem Bericht in der Regel in einem frühen Stadium der Krankheit und waren noch rechtlich einwilligungsfähig.

 

Marcus Pindur berichtet aus den USA (Audio):

Der Fall Brittany Maynard wühlte die amerikanische Öffentlichkeit auf und entfachte aufs Neue die Debatte um Sterbehilfe in den USA. Die 29-jährige Kalifornierin litt unter einem inoperablen Gehirntumor, der ihrem Leben nach Ansicht der Ärzte innerhalb der nächsten sechs Monate ein qualvolles Ende gesetzt hätte. Unerträgliche, kaum zu lindernde Schmerzen, epileptische Anfälle und Persönlichkeitsveränderungen, all dies wollte Brittany Maynard sich und ihrer Familie nicht zumuten.

"Ich will gar nicht sterben. Wenn mir irgendjemand eine Zaubermedizin geben könnte, die mir das Leben rettete und mich Kinder mit meinem Mann haben ließe, dann würde ich es sofort machen."

Diese Zaubermedizin gab es jedoch nicht. Deshalb zog Brittany Maynard mit ihrem Mann nach Oregon, wo Sterbehilfe legal ist. Am 1. November nahm sie eine tödliche Dosis Barbiturate zu sich und starb im Kreis ihrer Familie.

Death-with-Dignity, Sterben in Würde nennt man die Sterbehilfegesetze in den USA. Doch nur in fünf Bundesstaaten ist Sterbehilfe erlaubt, außer in Oregon in Washington, Montana, New Mexico und Vermont. Die Patienten müssen bei klarem Verstand sein und eine tödliche Krankheit haben, dann können sie von einem Arzt die tödlichen Medikamente bekommen und selber bestimmen, wann Sie sie einnehmen – was übrigens die Hälfte der Patienten dann doch nicht tun.

Laut einer Umfrage unter medizinischem Personal, die die renommierte Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine“ jüngst veröffentlichte, sind allerdings 67 Prozent der befragten Ärzte und Pfleger gegen die Sterbehilfe. Hauptsächlich, weil sie die Manipulation älterer oder behinderter Patienten befürchten.

Brittany Maynard gründete eine Stiftung, die sich für die Verabschiedung weiterer Sterbehilfegesetze einsetzt. Sie wolle niemandem empfehlen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Sie wolle sich aber auch nicht von anderen daran hindern lassen, sagte Brittany Maynard kurz vor ihrem Tod.

 

Ruth Kirchner berichtet aus China:

Harte Strafen bei Sterbehilfe (Audio)

 

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Neu im Kino: "Elvis & Nixon"Als der King Agent werden wollte
US-Präsident Richard Nixon empfängt am 21.12.1970 im Oval Office des Weißen Hauses in Washington DC die amerikanische Rocklegende Elvis Presley. (picture alliance / dpa)

Ein etwas verwirrt wirkender Elvis Presley gibt im Weißen Haus einen Brief für den Präsidenten ab, denn er möchte FBI-Agent werden. Präsident Nixon empfängt tatsächlich den King of Rock'n'Roll, und dieses Treffen zweier Größenwahnsinniger wird hier zum amüsanten Spaß.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur