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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.03.2015

Niederländische Fahrrad-LobbyDamit die ganze Welt Pedale tritt

Von Anja Krieger

Fahrräder stehen vor dem Haupteingang des Bahnhofs Amsterdam Central (aufgenommen 2015) (picture alliance / Horst Ossinger)
Fahrräder vor dem Haupteingang des Bahnhofs Amsterdam Central (picture alliance / Horst Ossinger)

Die Niederlande sind weltweit das einzige Land, in dem es mehr Fahrräder als Einwohner gibt. Die "Dutch Cycling Embassy", ein Zusammenschluss öffentlicher und privater Einrichtungen aus dem Fahrrad- und Verkehrssektor, möchte die Radkultur international exportieren.

"Ich finde es super hier zu radfahren in Berlin auch. Ich hab, wie viele Niederländer, wir haben niemals nur ein Rad, nur ein Fahrrad. Ich hab auch hier in Berlin drei Fahrräder, ich hab’ ein Schnellfahrrad, ich hab’ ein Klappfahrrad, und ich hab ein Oma-Fiets, und die sind alle benutzbar in verschiedene Umstände. Also, ich genieße es, ja."

Freiheit, frische Luft und viel Bewegung: Für Monique van Daalen, die Botschafterin der Niederlande, ist das Fahrrad nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern zentraler Bestandteil der holländischen Kultur. Schließlich sind die Niederlande weltweit das einzige Land, in dem es mehr Fahrräder als Einwohner gibt. Kein Wunder, findet die Sprecherin der Dutch Cycling Embassy Angela Marlet:

"Wir fahren auf unserem Fahrrad, und ja, das ist doch normal, das ist so normal wie ein Kaffeetrinken. Wir machen es! Und wir sind uns davon gar nicht bewusst, dass es so besonders eigentlich ist. Und ja, dann wegen die viele Nachfrage nach unsere Kultur oder Auskunft haben wir gesagt, ok, wir sollen das mal organisieren. Und ja, vielleicht ist es ein Exportprodukt."

Angela Marlet ist eine der gerade einmal drei festen Mitarbeiter der Dutch Cycling Embassy. Die Fahrradbotschaft ist ein Zusammenschluss aus öffentlichen und privaten Einrichtungen aus dem niederländischen Fahrrad- und Verkehrssektor. Darunter sind Hersteller von Fahrrädern und Parksystemen, Entwickler von Fahrrad-Apps, Universitäten und Städte wie Amsterdam.

"Letztes Jahr im Sommer war eine Gruppe aus Australien hier in Holland, und sie haben unsere Radfahrkultur angeschaut, und ja, das hat wirklich ein Kulturschock, gab das. Und die haben uns im Oktober dann eingeladen, komm mal her, schau es an, was sollten wir machen? Jetzt sind zwei unsere Fahrradexperten in Australien um die Politiker zu helfen, um die Infrastruktur, um die Fahrradkultur zu verbessern."

Bei den Australiern diagnostizierten die Niederländer einen Mangel an Abstellplätzen für Fahrräder. Gerade in der Nähe von Bahnhöfen werden oft viele Parkplätze gebraucht. Wer morgens mit dem Rad zum Bahnhof fährt, muss es den Tag über dort schnell und sicher abstellen können.

"Man find die am meisten unter die Hauptbahnhof, zum Beispiel in Utrecht, oder in Amsterdam, oder in Arnhem, Nijmwegen werden diese gebaut. Da wir kein Platz haben, wir sind ein kleines Land, da sollten wir kreativ sein und die werden unter die Bahnhofen gemacht, und damit bieten sie Platz an für 10 oder 15 000 Fahrräder."

Radfahrer in Holland genießen rechtliche Privilegien

Riesige Fahrradgaragen unter der Erde, das ist eine der Visionen, die die Fahrradbotschafter exportieren. Mehr Parkplätze, das könnten auch deutsche Städte gut gebrauchen, findet Angela Marlet. Mit den Radwegen – etwa in Berlin – ist sie auch noch nicht so ganz zufrieden:

"Ja, ja, ja, ja, ja! Das sind die Steine, die Steine, wenn man darüber fährt, dann ist es wirklich de-de-de-de-de. Und die Radwege könnten auch glatt sein, das wird besser sein, damit wird das schneller und ist es bequemer um Rad zu fahren."

Abgesehen von Kopfsteinpflaster und fehlenden Parkplätzen habe Deutschland aber schon eine gute Radkultur, findet Angela Marlet. In anderen Ländern ist die Lobbyarbeit der Dutch Cycling Embassy deutlich steiniger. Denn neben der Infrastruktur spielt auch das Image des Radfahrens eine wichtige Rolle. In Asien etwa gilt es als Ausdruck von Armut.

"Was wir auch sehen, dass die Kultur, dass es gar nicht hip und modern ist auf einem Fahrrad zu fahren, dass es so eine Transportmittel, das ist nur für Leute, die kein Geld haben oder die nicht wichtig sind."

Während Niederländer schon im zarten Alter von zwei Jahren in die Pedale treten, müssen viele Erwachsene in Afrika überhaupt erst lernen, auf einem Drahtesel zu balancieren, berichtet die Fahrradbotschafterin. Für die Italiener wiederum sei es ganz wichtig, dass ein Fahrrad toll aussieht. Wenn es darum geht, mehr Menschen zum Radfahren zu bewegen, spielt das Thema Sicherheit allerdings die entscheidende Rolle. Auf 100 Millionen gefahrene Kilometer verunglückt in den Niederlanden nur noch durchschnittlich eine Person tödlich – in Deutschland sind es 1,7, in den USA sogar 5,8. Das hat auch mit den rechtlichen Privilegien zu tun, die Radfahrer in Holland genießen:

"Wenn ich einen Unfall habe mit einem Autofahrer, dann ist der Autofahrer schuldig – immer! Und in den Fahrschulen lernen die Autofahrer, sehr gut anzugucken für Radfahrer, das ist ein wichtig Unterschied, und damit ist es auch sicher für Fahrräder um Radzufahren und macht es auch Spaß!"

Dass die Dutch Cycling Embassy die Niederlande weltweit als Fahrradland bekannt machen will, hat natürlich auch handfeste wirtschaftliche Gründe. Wenn die Experten des Netzwerks Städte und Kommunen in aller Welt beraten, winken Aufträge. Denn der Handel mit Fahrrädern, Parksystemen und Biking-Accessoires ist ein riesiges Geschäftsfeld. Als praktisch emissionsfreie Alternative zu anderen Verkehrsmitteln dürfte der Wirtschaftszweig in Zukunft nur noch weiter zulegen.

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