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Niederländer debattieren über gestiegene Gewaltbereitschaft

Öffentlichkeit diskutiert Tod eines Linienrichters

Kerstin Schweighöfer im Gespräch mit Joachim Scholl

Schiedsrichterassistent an der Linie - in ganz Europa hat man entsetzt auf den Tod eines niederländischen Linienrichters in Amstserdam reagiert.
Schiedsrichterassistent an der Linie - in ganz Europa hat man entsetzt auf den Tod eines niederländischen Linienrichters in Amstserdam reagiert. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Nachdem jugendliche Migranten einen niederländischen Linienrichter zu Tode geprügelt haben, rollen die Rechtspopulisten die Integrationsdebatte wieder auf. Die breite Öffentlichkeit habe allerdings erkannt, dass die gestiegene Gewaltbereitschaft die ganze Gesellschaft betreffe, sagt Niederlande-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer.

Joachim Scholl: Es war wieder einmal blödsinnige, tödliche Gewalt von jugendlichen Fußball-Dumpfbacken – in ganz Europa hat man entsetzt auf den Tod eines niederländischen Linienrichters in Amsterdam reagiert, der nach einem Match von drei Spielern buchstäblich totgetreten wurde, aus Wut über eine vermeintlich falsche Abseits-Entscheidung. – In den Niederlanden wurden alle Amateurspiele für das Wochenende abgesagt, 100 ehrenamtliche Schieds- und Linienrichter haben aus Protest ihr Amt niedergelegt – es gibt jetzt aber noch eine weitere Debatte, denn die Täter sind allesamt marokkanischer Herkunft, und das ist für die Rechtspopulisten um Geert Wilders ein gefundenes Fressen – In Den Haag ist für uns jetzt Kerstin Schweighöfer im Studio – ich grüße Sie!

Kerstin Schweighöfer: Schönen guten Tag nach Berlin!

Scholl: Wie diskutiert man den Fall, dieses Verbrechen in den Niederlanden? Wirklich nur als Gewalt im Fußball?

Schweighörfer: Nein. Es wird viel breiter gesehen, als großes gesellschaftliches Problem, nämlich der gestiegenen Gewaltbereitschaft. Und da kommen jetzt in den letzten Tagen unzählige Experten zu Wort, Soziologen, Kriminologen, und die alle sagen, wir haben eine Gesellschaft entstehen lassen, in der Jugendliche denken, dass Gewalt erlaubt ist, weil eben die soziale Kontrolle fehlt, weil sich kaum jemand traut, jemanden in der Öffentlichkeit zu korrigieren.

Und da werden auch Beispiele genannt in den letzten Monaten und Jahren, in denen es wirklich zu Gewalt gekommen ist, die nichts zu tun haben mit Immigranten, zum Beispiel eine Mega-Tanzparty in Hoek van Holland, da kam es zum Schusswechsel mit der Polizei, das waren Hooligans von Feyenoord, und dann, was viele in Deutschland auch noch wissen werden: Die Facebook-Party in Haren, wo Tausende in dieses kleine Provinznest kamen, alles kurz und klein schlugen und plünderten.

Also das wird diskutiert und was auch ganz wichtig ist: die Rolle der Eltern. Viele Eltern stehen am Spielfeldrand und feuern ihre Kids an. Aber wie sie das tun, das ist eigentlich unmöglich. Die sagen wirklich "mäh ihn nieder", "schlag ihn tot", solche Worte fallen, und das sind dann wirklich Familien aus den besten Kreisen, Mütter im Pelzmantel und in teueren Lederstiefeln, die das tun, und das kommt auch beim Hockey vor, nicht nur beim Fußball.

Scholl: Was weiß man jetzt eigentlich inzwischen über die Täter Genaueres - über ihren Hintergrund, ihre Motive, dieser drei Jugendlichen?

Schweighöfer: Da ist noch nicht viel mehr bekannt geworden. Es geht um zwei Jungs mit marokkanischem Hintergrund, heißt es. Einer soll Wurzeln haben auf den niederländischen Antillen. Sie sind aber alle drei wohl in den Niederlanden geboren und aufgewachsen. Sie haben jetzt keinen Kontakt, nur mit ihrem Anwalt. Auch die Eltern dürfen nicht mit ihnen reden, weil einer der Väter ist wohl selbst Linienrichter gewesen an diesem Tag und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass noch mehr verdächtige festgenommen werden.

Das vollständige Gespräch mit Kerstin Schweighöfer können Sie mindestens bis zum 7.5.2013 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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