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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.11.2011

Nicht zu vergessen

Nora Ephron: "Ich kann mir alles merken - nur nicht mehr so lange", Limes Verlag, München 2011, 191 Seiten

Die US-amerikanische Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron (picture alliance / dpa / epa Prommer)
Die US-amerikanische Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron (picture alliance / dpa / epa Prommer)

Alt werden ist nichts für Feiglinge. Die amerikanische Drehbuchautorin Nora Ephron weiß das aus eigener Erfahrung: Mit 70 Jahren hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie höchst unterhaltsam über ihr nachlassendes Gedächtnis und andere Alterserscheinungen berichtet.

23 kurze Essays übers Altern und andere bekannte Misslichkeiten des Alltags: von "Ich vergesse alles" bis "Was ich vermissen werde". Da kommt einem etwa auf einer Party freudestrahlend ein Bekannter entgegen, dummerweise erinnert man sich weder an seinen Namen noch die gemeinsamen Erfahrungen, auf die er anspielt. Und dann all die Filmtitel und Schauspieler, die einem partout nicht mehr einfallen wollen, ganz zu schweigen von den Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten.

Die erfolgreiche Drehbuchautorin (unter anderem von "Harry und Sally") und Kino-Regisseurin (unter anderem von "Schlaflos in Seattle") Nora Ephron erinnert sich immerhin höchst unterhaltsam, woran sie sich nicht mehr erinnert und tröstet sich (und ihr Leser) mit den Errungenschaften des Internets, wie Google oder Wikipedia: "Sie können den Namen des Schauspielers erfragen, der in diesem Film mitgespielt hat, dem über den Zweiten Weltkrieg. Und den Namen dieser Schriftstellerin, die dieses Buch geschrieben hat, das über ihre Affäre mit diesem Maler. Oder den Namen dieses Liedes, das dieser Sänger gesungen hat, dieses Lied über die Liebe. Sie kennen es sicher."

Es geht in diesen brillant geschriebenen Kurz- und Kürzest-Texten jedoch nicht allein um die Defizite, die das Älterwerden mit sich bringt. Nora Ephron erzählt auch von ihrer Kindheit, von ihrer berufstätigen alkoholsüchtigen Mutter - für die sie sich lange schämte - und von den eigenen journalistischen Anfängen, die zu einer Zeit stattfanden, als junge ehrgeizige Frauen bei der "Newsweek" höchstens als Bürobotin angestellt wurden.

Sie schreibt über eine Erbschaft, die sie fast bekommen und die sie fast daran gehindert hätte, das Drehbuch zu "Harry und Sally" zu Ende zu bringen. Sie räsoniert über lästige Kellner, die unablässig Mineralwasser nachschenken wollen, über absurde Diäten und Internetkonferenzen, dann über die Freundschaft mit Lillian Hellman und die angebliche Heilkraft von Hühnersuppen; und nicht zuletzt geht es um "Das schnöde Wort mit 'S'".

Zweimal hat die 70-Jährige Scheidungen er- und überlebt. Die Erinnerung an die Liebe zu ihren Ex-Männern war bald verschwunden, die an die Schmerzen scheinen unendlich frisch zu bleiben. "Es geht darum, dass die Scheidung lange das zentrale Thema in meinem Leben war. Jetzt ist sie es nicht mehr. Das zentrale Thema in meinem Leben ist nun, dass ich alt bin." Glücklicherweise, anders wäre es so dieses Buch nicht entstanden. Wenngleich die Autorin betont, sie sei nicht richtig alt, denn "richtig alt ist achtzig."

Besprochen von Manuela Reichart

Nora Ephron: Ich kann mir alles merken - nur nicht mehr so lange
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Clewig
Limes Verlag, München 2011
191 Seiten, 14,99 Euro

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