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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 03.11.2013

Nicht zu bändigen

Vor 100 Jahren wurde die Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Marika Rökk geboren

Von Beatrix Novy

Marika Rökk mit ihrem Schauspielpartner Johannes Heesters. (picture alliance / dpa)
Marika Rökk mit ihrem Schauspielpartner Johannes Heesters. (picture alliance / dpa)

Marika Rökks Leben ist eine Aneinanderreihung von Erfolgen, Bühnenauftritten und Filmen. Immer wieder schien alles auf sie gewartet zu haben. Dabei hatte zunächst einen schweren Stand.

Es war ein Glück für Marika Rökk, dass sie 1913 geboren wurde, am 3. November, und nicht 100 Jahre später. Ziemlich sicher wäre ein Kind wie sie heute ein ADHS-Fall. In der Schule, erzählte sie, habe es Strafen geregnet, weil sie sich weder konzentrieren, noch still sitzen konnte. Und auf der Straße benahm sie sich nicht anders.

"Wo Musik war, und wo ich nur mich bewegen konnte und tanzen konnte, hab ich’s getan. In Budapest gibt es dieses wunderschöne Sommerlokal, wo man isst, und da spielt immer eine Zigeunerkapelle. Da bin ich einfach, hab das Essen liegen lassen und tanzte von Tisch zu Tisch, tanzte ich, ich war nicht zu bändigen."

Selten standen die Zeichen im Leben eines Menschen so eindeutig wie bei Marika Rökk. Die Tochter eines Budapester Architekten bekam mit acht Jahren Tanzunterricht, mit elf verdiente sie bereits eigenes Geld in Paris – das ihre dorthin umgezogene Familie nach dem Konkurs des Vaters gut gebrauchen konnte.

In Paris wurde sie in die höchst angesehene amerikanische Truppe einer gewissen Mrs. Hoffmann aufgenommen, tanzte mit 18 bestens geschulten Girls im Moulin Rouge - das sie als Besucherin nicht hätte betreten dürfen -, reüssierte in New York, und kam mit 16 als "Königin der Pirouette" zurück nach Europa. Wie immer schienen auch hier alle auf Marika Rökk gewartet zu haben.

"Und danach hat mich die Scala genommen … und dann kam Monte Carlo, dann kam Juan les Pins, die ganze französische Riviera, …."

Marika Rökks eigene Lebenserzählung ist eine Aneinanderreihung ununterbrochener Erfolge, Bühnenauftritte, Filme. Der Inhalt spielte noch die geringste Rolle dabei. Zu ihrem fraglosen tänzerisch-akrobatischen Talent kam ein Wille aus purem Stahl. Alles, was verlangt war, auch wenn es über ihre Naturbegabungen sichtbar hinausging, eignete sie sich an: Singen, Steppen, Schauspielern. So wurde "die Rökk" aus ihr, ein unschlagbares Gesamtkunstwerk, konkurrenzlos in einem eigenen Rökk-Genre: Filme, in denen die Handlung meist um eine begabte junge Tänzerin herumgestrickt war. Hallo Janine. Die Frau meiner Träume. Kora Terry. Gasparone.

Bedenkt man, dass Marika Rökk über 70 Jahre lang singend und tanzend auf der Bühne stand, liegt der Vergleich mit einem Zirkuspferd nicht fern. Und wirklich war es die Zirkus-Revue "Stern der Manege", die sie 1934 in Wien endgültig zum Star machte. Zum Ufa-Star.

"Dann kam der Regisseur Ucicky, der in Wien gelebt hat, aber bei der Ufa Filme gedreht hat. Er ist zur Direktion gegangen und hat gesagt, ihr müsst sofort nach Wien, da ist eine kleine Ungarin, engagiert dieses Mädchen! Denn sie wird noch Millionen für die Ufa einbringen."

Anzumerken, dass ihr Förderer, Gustav Ucicky, einen Namen als NS-Propagandafilm-Regisseur hatte, das wäre Marika Rökk nie in den Sinn gekommen. Frohgemut auch erwähnte sie auf den ersten Seiten ihrer Autobiografie den Kauf der Villa eines Filmkollegen, Alfred Zeisler - der war zuvor emigriert, offenbar, ohne dass Marika Rökk dies aufgefallen wäre. Nach dem Krieg rechtfertigte sie sich nur, weil es sein musste. Gern erzählte sie die Anekdote mit Hitler, der sie gefragt hatte "Was, kleine Frau, können Sie eigentlich nicht", worauf sie frech geantwortet habe "Deutsch, Herr Hitler". Ja, und Hitler habe darüber herzlich gelacht. - Dagegen ist man machtlos.

Machtlos war auch die Schauspielergewerkschaft, die Marika Rökk nach dem Krieg den Persilschein ausstellte, den sie zum Weitermachen brauchte. Denn was unterschied sie von den vielen Ufa-Stars, die Unterhaltung zum Durchhalten produziert hatten und sich dabei unpolitisch vorkamen. Etliche von ihnen waren emigrierten jüdischen Kollegen nachgerückt; nicht so Marika Rökk, die war eine Klasse für sich. Und wer außer ihr war so ungarisch?

Eine Zeit lang drehte sie noch mit ihrem früheren Ehemann Georg Jakoby Filme nach dem alten Erfolgsrezept, Die Csardasfürstin, Maske in Blau, Nachts im grünen Kakadu. Aber die Ufa-Tradition zog nicht mehr. Marika Rökk zuckte die Achseln und wandte sich Zeitgemäßerem zu. Sie schwang die nach wie vor kräftigen Beine in Fernsehshows und auf der Bühne, in Operetten und Musicals, in Berlin und in Wien füllte sie die Häuser. Auch ihr zweiter Ehemann, der Regisseur Fred Raul, arbeitete ihr zu. Ihn musste Marika Rökk 1985 begraben. Sie, das hypermotorische Kind von einst, starb im Jahr 2004 mit 90 Jahren.

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