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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.01.2011

"Nicht nur jammern"

Die Bürgerstiftung Hamburg unterstützt vielfältige Projekte im sozialen Bereich

Johanna von Hammerstein im Gespräch mit Alexandra Mangel

Deutsche und türkische Familien kommen sich näher - dank eines Projekts der Bürgerstiftung Hamburg (AP)
Deutsche und türkische Familien kommen sich näher - dank eines Projekts der Bürgerstiftung Hamburg (AP)

1999 von 14 Stiftern gegründet, hat die Bürgerstiftung Hamburg heute ein Fördervolumen von 700.000 Euro im Jahr. Außerdem hat sie kürzlich eine anonyme Zustiftung von 15 Millionen Euro erhalten.

Alexandra Mangel: Und für uns sitzt jetzt Johanna von Hammerstein in Hamburg im Studio, sie ist eine Gründerin und heute die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Hamburg. Guten Morgen, Frau von Hammerstein!

Johanna von Hammerstein: Guten Morgen!

Mangel: Bleiben wir doch erst mal bei diesem konkreten Projekt. Was sind das für Familien? Gibt es auch Familien, wo das vielleicht, also wo diese Mentoren der erste Kontakt wirklich mit Deutschen sind?

von Hammerstein: Das ist definitiv so. Wir haben das Projekt ja gestartet in Kooperation mit der Türkischen Gemeinde Hamburg, und darüber kamen die ersten Kontakte. Und es ist, ja, leider so, dass viele türkische Familien doch sehr unter sich bleiben, das ist, würde ich mal sagen, gar nicht mal unbedingt ein türkisches Phänomen, das ist dem Menschen ja so ein bisschen immanent, dass er gerne unter seinesgleichen bleibt. Und das ist ja ein Ansatz dieses Projektes, dass wir gerne möchten, dass es Schnittstellen gibt, das ist nicht nur ein Wohlfahrtsprojekt für türkische Kinder oder die türkischen Familien, sondern es ist auch ein Projekt, was sich an die deutsche Gesellschaft wendet.

Mangel: Und können Sie für dieses Projekt schon so eine erste Bilanz ziehen, wie erfolgreich das läuft?

von Hammerstein: Also wir sind sehr glücklich, wie es läuft. Wir kriegen ganz, ganz gute und wirklich auch warmherzige Rückmeldung, gerade von den türkischen Familien. Da sind Freundschaften entstanden zu den Kindern, aber auch eben zu den Eltern, die einem das Herz lachen lassen.

Mangel: Das ist ja jetzt eins von über 50 Projekten, das Sie fördern. Können Sie vielleicht noch mal ein, zwei weitere Beispiele nennen, vielleicht was, was Ihnen auch besonders am Herzen liegt?

von Hammerstein: Ja, die Projekte sind vielfältig. Wir engagieren uns ja vor allem in Kinder- und Jugendprojekten für benachteiligte Kinder, und da sind Medien, wie man an diese Kinder rankommt, ja ganz wichtig, das heißt also, das Medium Theater oder Tanz oder Sport ist natürlich ganz wichtig. Und ich kann vielleicht ein Projekt erzählen, weil es so sehr auch mit der Person zusammenhängt, die es auf die Beine gestellt hat, das ist ein Gewichtheber, ein kasachischer Gewichtheber, der nach Deutschland kam und hier eine ganze Weile gelebt hat und dann gesehen hat, dass es doch viele russische Jugendliche gibt, die irgendwie nichts zu tun haben und drohen, auf die schiefe Bahn zu geraten. Denen hat er dann angeboten, ein Gewichthebetraining zu machen, und daraus ist gewachsen eben nicht nur ein sportliches Training, sondern wirklich auch eine Lebensberatung von diesem irgendwie sehr beeindruckenden Menschen, der mehr ist als ein Trainer. Er ist wirklich ein Berater und eine Vaterfigur geworden für die Jugendlichen.

Mangel: Wir sprechen im "Radiofeuilleton" mit Johanna von Hammerstein, Vorstandsvorsitzende und eine Gründerin der Bürgerstiftung Hamburg. Frau von Hammerstein, Sie haben die Stiftung vor elf Jahren mit 13 anderen Personen gegründet. Wie haben Sie sich damals denn zusammengefunden?

von Hammerstein: Ja, es gab zwei Kreise, und der Kreis, in dem ich war, ist angeregt worden von einem Vortrag über Bürgerstiftungen in den USA, und die Zuhörer dieses Vortrages haben dann am Ende gesagt, das ist eine so großartige Idee, die müssen wir weiter verfolgen. Und dann gab es einen zweiten Kreis um den Notar Klaus Rollin, der das auf anderem Wege irgendwie gehört hatte und sich da einen Kreis zusammengesucht hatte mit Mitstreitern, und die haben sich dann zusammengetan und ungefähr ein Jahr lang das vorangetrieben und dann die Stiftung gegründet.

Mangel: Und was war für Sie persönlich damals die Motivation, Ihr Geld da zu investieren?

von Hammerstein: Also für mich und meinen Mann war es … vor allem dieses Selber-Mitwirken-Können war das, was uns gereizt hat, also nicht nur jammern und vielleicht auch mal bei jemandem, der eine gute Idee hat, eine Spende hinzugeben, sondern es selber gestalten zu können.

Mangel: Sie haben damals gemeinsam 100.000 Mark zusammengebracht – auch nicht wenig Geld, aber eine Stiftung darf ja ihr Kapital nicht antasten, sondern muss ja mit den Zinsen, also mit den Kapitalerträgen wirtschaften. Und da bringt das ja erst mal noch nicht so viel, oder? Wie viel Geld hatten Sie damals denn zur Verfügung und was haben Sie damit gemacht?

von Hammerstein: Ja, wir hatten sozusagen gar kein Geld zur Verfügung, und die ersten Projekte, die wir auf den Weg gebracht haben, haben wir vorfinanziert mit unserem eigenen Geld, oder wir haben Projekte auf den Weg gebracht, die möglichst wenig Geld kosteten, zum Beispiel eine Rechtsberatung. Für Menschen, die den Weg zur öffentlichen Rechtsberatung nicht finden oder nicht kennen, haben wir Juristen gefunden, die gesagt haben, wir beraten diese Menschen. Das kostet nichts. Und dann natürlich auch das Vertrauen, dass die Projekte, die wir machen, so sichtbar werden, dass Menschen darauf aufmerksam werden und sagen, gute Idee, unterstütze ich. Und das hat funktioniert. Wir haben anfangs sehr diskutiert: Machen wir erst Projekte oder sammeln wir erst mal Geld? Und wir haben uns dafür entschieden, gleich mit Projektarbeit zu starten, damit sichtbar wird, was wir für eine Idee haben.

Alexandra Mangel: Heute gibt es 40 Stifter und das Kapital ist um ein Zigfaches angewachsen. Sie können pro Jahr knapp 700.000 Euro in Projekte investieren. Gibt es da manchmal Streit, wenn jeder mit entscheiden will, was mit seinem Geld dann geschieht?

von Hammerstein: Es gibt eigentlich nur in den Gremien Streit, denn es ist nicht so. Es klingt sehr partizipativ und basisdemokratisch, aber eine Stiftung ist nicht basisdemokratisch. Wir haben zwar Strukturen, wo Ehrenamtliche auch intensiv mitwirken, aber die Entscheidung, wo die Gelder ausgegeben werden, werden zum allergrößten Teil vom Vorstand der Stiftung getroffen, und das sehr gut untermauert und vorbereitet von den Hauptamtlichen, die wir haben.

Alexandra Mangel: Und wie kontrollieren Sie dann letzten Endes, wie erfolgreich ein Projekt dann gelaufen ist, ob die Idee auch aufgegangen ist?

von Hammerstein: Wir haben in der Bürgerstiftung Hamburg entwickelt ein Evaluationsprogramm mit Ehrenamtlichen. Das funktioniert wunderbar, wir gehen raus in die Projekte, die wir fördern, mit ehrenamtlichen Gutachtern, die durchaus auch einen professionellen Hintergrund oft haben, und gucken wirklich genau hin. Und dazu kommt, dass wir natürlich Tätigkeitsberichte von den Projekten einfordern. Aber unsere Sichtweise auf die Projekte ist nicht nur "Wir sind die Geldgeber und die Projekte sind die Nutznießer", sondern wir wollen wirklich die Projekttätigen begleiten und beraten, und das wird auch sehr in Anspruch genommen.

Alexandra Mangel: Und die Sorge, dass Sie gerade durch Ihr Engagement also der öffentlichen Hand den Vorwand geben könnten, sich da mehr und mehr aus der Wohlfahrt zurückzuziehen, also eigentlich zu sagen, da sollen sich dann die Bürger doch selbst drum kümmern, haben Sie die Sorge gar nicht?

von Hammerstein: Es wird immer wieder diskutiert, aber wenn man auf die Zahlen guckt, wie viel Prozent von privaten Stiftungen, Bürgerstiftungen oder sonstigen Stiftungen finanziert wird, dann ist das immer noch ein so winziger Anteil, dass die öffentliche Hand sich gar nicht zurückziehen kann. Wir versuchen aber dennoch, keine Projekte zu unterstützen, die wirklich glasklar Aufgabe der Stadt Hamburg sind.

Alexandra Mangel: Was würden Sie denn sagen, wodurch das kommt, dass in Deutschland … Also es ist noch ein junges Phänomen, aber es nimmt ja zu, also immer mehr Bürgerstiftungen werden gegründet – woran liegt das? Gibt es da ein neues Verantwortungsgefühl irgendwie für die Allgemeinheit? Haben Sie da ein Gefühl, woran das liegen könnte?

von Hammerstein: Ich habe eine Vermutung. Ich denke schon, dass durch die immer größere Komplexität politischer Zusammenhänge, durch die Globalisierung es ein Bedürfnis des Menschen gibt, da, wo er lebt, wo er vor Ort handelt, irgendwie auch mitzuwirken und sichtbar zu machen, was er kann und wo er irgendwie Veränderung anstoßen möchte. Und dafür sind solche Formen wie die Bürgerstiftung eigentlich sehr geeignet.

Alexandra Mangel: Johanna von Hammerstein, Vorstandsvorsitzende und Mitgründerin der Hamburger Bürgerstiftung, nur eine von mittlerweile rund 200 Gemeinschaftsstiftungen in Deutschland. Danke schön fürs Gespräch!

von Hammerstein: Bitte schön!

Informationen der Bürgerstiftung Hamburg

"Geben macht selig": Zur Reihe über Stiftungen und bürgerschaftliches Engagement im "Radiofeuilleton" von Deutschlandradio Kultur

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Mit Koray und Berkay ins Museum
Stiftungen und ihr "Sympathievorschuss"

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