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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.08.2012

"Nicht krankenversichert zu sein, ist lebensgefährlich"

Der Arzt Uwe Denker über die Arbeit in einer Praxis für Mittellose

Moderation: Ulrike Timm

"Wir sind auf Geld angewiesen. Wir finanzieren uns allein durch Spenden", so Uwe Denker.  (AP)
"Wir sind auf Geld angewiesen. Wir finanzieren uns allein durch Spenden", so Uwe Denker. (AP)

Das Ziel müsse es sein, alle Patienten wieder in eine Krankenversicherung zurückzubringen, erklärt Dr. Uwe Denker von der Praxis ohne Grenzen in Bad Segeberg. Es bestehe die "Notwendigkeit einer Grundversicherung für jedermann", für in Not geratene Kranke müsse die Härtefallregelung gelten.

Ulrike Timm: Was im Grunde gut ist, kann trotzdem zum Problem werden: In Deutschland muss sich jeder krankenversichern, nur eine verschwindende Minderheit von Menschen hat keine Krankenversicherung.

Aber eine wachsende Anzahl von Menschen kann ihre Beiträge nicht mehr bezahlen, verschuldet sich und kann sich dann eben doch nur im absoluten Notfall ärztlich behandeln lassen. Fast 1,7 Milliarden an Beitragsschulden allein bei den gesetzlichen Kassen haben sich so insgesamt aufgetürmt. In der Praxis ohne Grenzen in Bad Segeberg in Norddeutschland muss man keine Praxisgebühr zahlen und keine Versicherungskarte zücken.

Hier wird kostenlos behandelt, wer woanders abgewiesen wird. Dr. Uwe Denker hat die Praxis ohne Grenzen ins Leben gerufen, gemeinsam mit einem Team von Ehrenamtlern bietet er Sprechstunden an. Schönen guten Tag, Herr Denker!

Uwe Denker: Morgen, Frau Timm!

Timm: Wer kommt denn da hin?

Denker: Wir wussten es zunächst auch erst nicht, als wir die Praxis gegründet haben. Ich habe die Praxis eröffnet vor zweieinhalb Jahren, ganz alleine zunächst, habe mich in einen Konferenzraum gesetzt mit meiner Arzttasche und habe gewartet, wer denn kommt. Angekündigt war diese Praxis durch Presse und Funk.

Und zunächst kam gar keiner und dann hat die Zahl der Klienten zugenommen im Laufe der Zeit. Und nach zweieinhalb Jahren haben wir jetzt 200 Patienten behandelt. Und was wir nicht wussten: Es kommen kaum Obdachlose, eigentlich gar nicht. 50 Prozent unseres Klientels sind Mittelständler, die aus irgendwelchen Gründen in Schulden geraten sind und die Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen können.

Timm: Was hören Sie denn da genau von Lebensbrüchen, was erzählt man Ihnen?

Denker: Die hatten, zum Teil hatten unsere Patienten gute Geschäfte, haben gute Geschäfte gemacht, haben auch die hohe Prämie zahlen können. Dann sind die Geschäfte aus irgendwelchen Gründen zurückgegangen, die Kunden blieben aus und dann war die Frage: Zahle ich meine Ladenmiete weiter oder die Prämie für die Krankenkasse.

Und da haben sie sich zunächst entschieden, die Ladenmiete weiterzuzahlen, weil sie auch nicht zugeben wollten, dass sie in Gefahr waren zu verarmen. Und jetzt haben sie Schulden aufgehäuft und dann schließlich mussten sie zugeben: Ich bin arm, ich kann mir die Krankenkassenbeiträge, wenn ich privat versichert bin oder freiwillig in einer gesetzlichen Krankenkasse, überhaupt nicht mehr leisten, ich zahle nicht mehr.

Und ich bin ja auch nicht krank, dann passiert mir ja nichts. Und das ist eben ein erheblicher Trugschluss, denn die Beitragsuhr tickt weiter, auch wenn man die Prämie nicht zahlt, und eines Tages kommt dann der dicke Hammer und die Prämien werden nachgefordert.

Timm: Das heißt, man findet dann auch in das System nicht mehr zurück wegen dieser Säumniszuschläge, die dann ... Also, fünf Prozent Säumniszuschlag muss man dann zahlen, das ist ja happig!

Denker: Ja, das ist, bei einigen Privatkassen ist das so. Nein, es summiert sich ja schnell. Wenn Sie denken, dass der Monatsbeitrag so zwischen 600, 700, 800 Euro liegt und der nicht bezahlt wird, dann häuft sich das ja sehr schnell an.

Und die Patienten, die dann zu uns in die Praxis kommen, die zögern das ja lange hinaus und kommen dann im letzten Moment. Die haben dann so Schulden um 12.000, 13.000, 14.000, 15.000 Euro bei der Krankenkasse.

Timm: Und die stehen dann medizinisch gesehen da? Also, wenn sie nicht einen lebensgefährlichen Unfall haben, dann werden sie nicht behandelt und verschleppen wahrscheinlich auch Krankheiten.

Denker: Ja.

Timm: Was erleben Sie in der täglichen Arbeit, beschreiben Sie uns mal eine Sprechstunde bei Ihnen!

Denker: Ja, das ist ja das Problem. Und eine Patientin, die mir so ganz im Gedächtnis eingebrannt ist, ist gewissermaßen eine junge Frau in Hamburg, die sah unheimlich schlecht aus, als sie in die Sprechstunde kam, hatte Fieber von 42 Grad, schleppte sich also in die Sprechstunde.

Die Diagnose war ganz schnell gestellt, brauchte nur auf das linke Nierenlager zu klopfen, da sprang sie in die Höhe, da hat sie eine massive Nierenentzündung. Hatte sie seit einigen Tagen verschleppt und hatte versucht, das mit Hausmitteln zu beheben, das war natürlich nicht möglich.

Und wir konnten nur durch den sofortigen Einsatz eines hochwirksamen Antibiotikums diese Problematik sehr schnell beheben.

Timm: Ihre Sprechstunde dauert, wenn ich es richtig weiß, zwei Stunden pro Woche ...

Denker: ... ja ...

Timm: ... ist die immer voll?

Denker: Nein, das ist sehr unterschiedlich. Also, es kommen zwischen fünf und zehn Patienten etwa. Das ist die öffentliche Sprechstunde, die jeden Mittwoch von 15:00 bis 17:00 Uhr hier in Segeberg stattfindet, Kirchplatz 2.

Aber ich bekomme zu Hause täglich Anrufe, mache Beratungsgespräche jeden Tag am Telefon. Und die Telefonate kommen zunächst aus Schleswig-Holstein, dann aus der Bundesrepublik, jetzt auch aus dem Ausland.

Timm: Auch wenn es nur wenige Menschen betrifft, so ein sozialer Absturz kann ja offenbar sehr schnell gehen, Sie haben es uns beschrieben. Haben Sie den Eindruck, Sie haben die wachsenden sozialen Spannungen, die Probleme einer abstürzenden Mittelschicht bei sich im Wartezimmer der Praxis ohne Grenzen, oder wäre das übertrieben?

Denker: Das würde ich so sagen, genau das ist es. Wir haben es ja überhaupt nicht erwartet. Wir hatten gesagt, wir machen die Praxis auf oder ich mache die Praxis auf, sehr schnell haben sich Kollegen dazugefunden, die mittwochs dann Sprechstunde machen, inzwischen sind wir ein Team von acht und ..., die dann bereit sind, ehrenamtlich, kostenlos, Fachärzte aller Richtungen.

Und wir haben dann noch ein Netzwerk hinter uns von 65 verschiedenen Fachrichtungen und Ärzten, die uns unterstützen im Notfall. Aber wie gesagt, diese Mittelständlerschicht, die haben wir vor zweieinhalb Jahren nicht vorausgeahnt. Zunächst sollte unsere Praxis für unsere Region um Bad Segeberg tätig sein, denn dort hatte der Sozialamtsleiter mir bei meinem Ausscheiden aus meiner Praxis gesagt, wenn du jetzt in den Ruhestand gehst, weiß ich hier 50 Familien in der Region, die sich Krankheit nicht leisten können. So hat es angefangen.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", wir sprechen mit Dr. Uwe Denker. Er arbeitet in der Praxis ohne Grenzen in Bad Segeberg, die offensichtlich sehr nötig ist. Herr Denker, die Pflichtversicherung für jeden ist doch eigentlich eine soziale Stärke: Jeder muss sie haben, auch jeder Hartz-IV-Empfänger ist versichert und im Notfall - im Notfall! - ist jeder Arzt verpflichtet zu helfen.

Was ist denn da in der Praxis aus Ihrer Sicht trotzdem schief gelaufen, dass Sie in Ihrer Praxis so viel Zuspruch haben?

Denker: Dieses Gesetz existiert ja für die freiwillig in einer gesetzlichen Krankenkasse Gewesenen seit 2007 und für die privat Versicherten seit 2009, diese Versicherungspflicht. Aber niemand hat gesagt, wer denn die Prämien zahlt. Also, die freiwillig Versicherten, das müssen die ja selber bezahlen und die privat Versicherten auch.

Und woher sie die Prämien nehmen sollen, das ist im Gesetz nicht berücksichtigt worden. Also, plötzlich tut sich eine Lücke auf, insbesondere auch für Rentner, die privat versichert waren, wo mit der Rente, die dann plötzlich kleiner ist, die Prämie aber trotzdem hoch bleibt. Und dann geraten die in eine Schuldenfalle, aus der sie nicht mehr rauskommen, auch im Altersheim nachher.

Timm: Wie sind denn Ihre Erfahrungen? Finden Ihre Patienten nach einiger Zeit zurück oder geht die Spirale immer weiter runter und wer einmal in dieser Schuldenspirale steckt, kommt auch nicht wieder raus?

Denker: Also, unser erklärtes Ziel ist und muss es natürlich sein, alle, die zu uns kommen, wieder in eine Krankenversicherung zurückzubringen, koste es, was es wolle. Nicht krankenversichert zu sein, ist lebensgefährlich und lebensverkürzend. Also, das muss uns ... muss geschehen! Wir versuchen das mit allen Mitteln und haben da auch einen guten Helfer. Wir haben die Bürgerbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein, die uns hilft, irgendwie wieder zurückzukommen in die Krankenkassen. Und in vielen Fällen gelingt uns das.

Fragen Sie mich nur ja nicht, auf welchem Wege, es ist sehr kompliziert und geht gegen manche Widerstände, aber wir ... Das muss sein. Also, es muss eine Versicherung für jedermann da sein oder, wenn sie noch nicht existiert, muss sie geschaffen werden.

Timm: Erleben Sie denn als Arzt in der Praxis ohne Grenzen häufig Krankheiten, die damit zu tun haben, dass jemand sozial abstürzt, also Krankheiten aus Stress, aus Sorgen? Oder haben Sie einfach das ganze Spektrum, das Sie auch vorher als Mediziner in Ihrer - in Anführungsstrichen -, in Ihrer vorigen Praxis hatten?

Denker: Ja, das ist sehr unterschiedlich. Also, wir haben erst mal, das Klientel ist in einem Alter von Neugeborenen bis zum Greis, bis 76, 80. Und es ist jetzt, speziell was uns betrifft, wir haben sehr, sehr viele Patienten, die sich in einer tiefen Depression befinden, die schon so weit geht, dass die Patienten sagen, wenn du mir nicht hilfst, dann bringe ich mich um, also, am Rande ihrer Existenz praktisch sind und nicht weiter wissen.

Und dann müssen wir blitzschnell einhelfen und das tun wir auch. Wir treten in Vorkasse, wir besorgen die Medikamente. Problematisch wird es immer dann, wenn ein Patient ins Krankenhaus muss. Da ist in den meisten Fällen eine hohe Krankenhausrechnung fällig, egal, ob es Notfall gewesen ist oder nicht, da kommt die Rechnung.

Und wir haben Patienten, die jetzt im Krankenhaus waren, da sind die Rechnungen zwischen 6000 und 20.000 Euro und die werden vom Krankenhaus eingefordert.

Timm: Sie haben uns ja eindrucksvoll beschrieben, womit Sie zu tun haben und dass Sie sich bemühen, jeden Patienten wieder auch ins System zurückzubringen, auf welchem Weg auch immer. Was wäre denn nötig, was über Ihre Macht als Arzt hinausgeht, zu tun, damit so was überhaupt nicht passiert beziehungsweise wieder in Ordnung kommt?

Denker: Wir sind sehr dankbar über die Unterstützung in den Medien, die dieses Problem ja auch dann jetzt in die Welt tragen gewissermaßen. Die Reaktion auf diese Medien, ob das jetzt Rundfunk ist oder Fernsehen, kommt auch aus dem Ausland inzwischen zu uns. Und wir haben inzwischen ein Aktionspapier herausgegeben, das verteilen wir an unsere Politiker, und da appellieren wir an Politik, Krankenkassen, Pharmalobby und Bürger - und ich muss das Unwort jetzt gebrauchen -, schafft einen Rettungsschirm und eine Härtefallregelung für in Not geratene Kranke!

Das ist unsere Hauptforderung. Und was wir gerne möchten und die Notwendigkeit sehen wir, wir sehen die Notwendigkeit einer Grundversicherung für jedermann.

Timm: Eine Bürgerversicherung.

Denker: Eine, wie Sie es auch immer nennen wollen. Ich möchte das nicht politisch irgendwie färben, aber eine Grundversicherung nennen wir es nun mal. Das ist eine Bürgerversicherung. Und dann kann ja jeder noch draufzahlen für private Leistungen, die er dann haben will.

Timm: Herr Denker, wie finanziert sich denn die Praxis ohne Grenzen? Kann Ihnen jeder Apotheker eine Palette Medikamente spenden?

Denker: Da läuft es mir schon Schauer über den Rücken, natürlich nicht! Nein, das ist verboten!

Timm: Wieso natürlich nicht? Wäre doch nett, könnte Ihnen helfen!

Denker: Ja, das habe ich auch gedacht, ja, ja. Das ist das Problem, wir hatten erst gedacht, wir könnten Medikamente, die noch nicht verbraucht, geöffnet sind, also originalverpackt und noch nicht abgelaufen, könnten wir sammeln aus Haushalten und dergleichen und weitergeben. Das ist nach Paragraf 43 und 47 des deutschen Arzneimittelgesetzes verboten.

Wir dürfen keine Medikamentensammlung durchführen und keine Medikamente ausgeben. Was machen wir jetzt für unsere Patienten: Wir kaufen die Medikamente in der Apotheke für unsere Patienten zum vollen Mehrwertsteuersatz. Und das ist schon wieder ein Punkt, wo ich natürlich, ja, wo ich einhaken müsste. Mehrwertsteuer …

Timm: Das heißt, Sie sind angewiesen auf Geldspenden.

Denker: Wir sind auf Geld angewiesen. Also, wir finanzieren uns allein durch Spenden, und da gehen uns eine Menge Spenden zu, da sind wir sehr, sehr dankbar, aus allen Richtungen. Nur dadurch können wir existieren.

Timm: Dr. Uwe Denker erzählte uns von seiner Arbeit als Arzt in der Praxis ohne Grenzen, in der Praxis für Mittellose. Herzlichen Dank für Ihre Schilderungen und alles Gute!

Denker: Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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