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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 22.04.2011

Nicht immer leicht verdaulich

Avi Primor war trotz Absage da: Das Jüdische Buchfest in Duisburg

Von Heinz-Peter Katlewski

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (AP)
Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (AP)

Zum fünften Mal seit 2006 lud die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen zu einem Buchfest. 200 Besucher hatten Gelegenheit, Lesungen von jüdischen Schriftstellern zu hören und mit ihnen zu sprechen.

Avi Primor war fest gebucht für dieses 5. Fest des Jüdischen Buches. Er sollte sein Buch vorstellen mit dem Titel "An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld". Ein Buch voller Anekdoten, das Missverständnisse und Vorurteile über Juden ausräumen will. Aber dann kam ihm etwas dazwischen, und Avi Primor musste seinen Flug von Tel Aviv nach Düsseldorf absagen. Die Organisatorin des Festes, Tanya Smolianitzki, war zuerst entsetzt:

"Es soll genau heute hier sein, aber kurzfristig er abgesagt, und das war absolut ein Schock. Und dann mein Sohn hat gesagt, machen wir Skype."

Mit dem Internet-Videotelefon-Programm Skype wurde die Lesung des langjährigen Botschafters Israels in Deutschland auf die Leinwand im Festsaal des Duisburger Gemeindezentrums projiziert – aufgenommen von der Web-Kamera des Büro-Computers von Avi Primor. Eine neue Erfahrung, auch für Tanya Smoljanitzki und ihr Organisationsteam:

"Ich glaube, das war toll. Wir können sehen Herrn Primor, er sieht uns. Wir können Fragen stellen. Und ich glaube, das funktioniert. Wir haben Gefühl, es sitzt neben uns."

Zum fünften Mal hat die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen in Zusammenarbeit mit dem American Joint Distribution Committee und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein dieses bundesweit einmalige jüdische Bücherfest gewagt – eine Mischung aus Lesungen, Vorträgen und Präsentationen von Büchern an kleinen Messeständen. Welche Erwartungen die Duisburger Gemeinde an das diesjährige Programm hatte, sagt ihr Geschäftsführer Michael Rubinstein:

"Wir wollten dieses Deutsch-Israelische mit Primor, wir wollten aber auch eine gewisse Leichtigkeit haben, dass man auch mal lachen kann, und dass das nicht so todernst ist. Letztes Mal war es doch sehr diskussionsreich, diesmal ist es ein bisschen anders. Jetzt werden wir nächstes Mal wahrscheinlich ein Mix draus machen. Die Diskussionen, die wir das letzte Mal hatten, die haben dieses Mal vielleicht ein bisschen gefehlt. Aber dann weiß man fürs nächste Mal mehr."

Ganz ohne Bücher mit ernsten Themen blieb aber auch dieses Fest nicht. Der französische Schriftsteller und Direktor des "Hauses der jiddischen Kultur" in Paris, Gilles Rozier, stellte seinen bereits vor vier Jahren publizierten Roman "Abrahams Sohn" vor, im französischen Original "La Promesse d’Oslo" – Das Versprechen von Oslo. Er hat seinen Ausgangspunkt in einem ultraorthodoxen Milieu Jerusalems, in Mea Shearim. Auf einige Zuhörer wirkte die Geschichte zunächst irritierend. Diese Teilnehmerin zum Beispiel aus einer jüdischen Gemeinde in Schleswig-Holstein erzählt, was sie wahrgenommen hat:

"Es ging letztendlich um eine Frau, eine orthodoxe Frau, die nach Mea Schearim kommt, die nach dem Tod ihres Sohnes aus Mea Schearim auszieht, sich von ihrem Mann trennt und dann im späteren Verlauf eine andere Frau kennen lernt, die sich über eine künstliche Befruchtung ihren Kinderwunsch erfüllt. Die erste Schilderung war die Beerdigung dieses Sohnes, der durch ein Selbstmordattentat ums Leben gekommen ist, wo ziemlich deutlich beschrieben worden ist, wie die Sanitäter versucht haben, die Teile des menschlichen Körpers zusammen zu suchen, und die Situation der Mutter geschildert haben, die sich nicht von ihrem Sohn verabschieden konnte, weil einfach nichts mehr da war von ihrem Sohn. Es war eine ziemlich lange Passage, ziemlich krass."

… gefolgt von einer Episode, die davon berichtet, wie ein Panzerkommandant im Libanonkrieg als einziger seiner Mannschaft einen Raketentreffer überlebt und daran irre wirrt. Und schließlich las Gilles Rozier noch ein Stück über die schweren Geburtsleiden jener Frau, die sich künstlich befruchten ließ.

Besucherin: "Auch ne ganz existentielle Beschreibung, so dass die Zuhörer echt – und auch der Moderator – ziemlich baff waren, weil sie damit nicht gerechnet haben, dass es so eine existentielles Buch ist, weil die Leute dachten, sie hätten ein Sachbuch über den israelisch-palästinensischen Konflikt und keinen Roman vor Augen."

Der Roman enthält auch weniger verstörende Elemente. Es ist eben auch die persönliche Geschichte einer Frau aus dem jüdisch-orthodoxen Milieu, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Sohnes noch einmal ein Kind haben möchte – aber keinen Mann. Eine andere Besucherin aus der Nachbarschaft der Duisburger jüdischen Gemeinde zeigte sich zwar auch von den krassen Schilderungen berührt, es interessierte sie aber vor allem etwas anderes:

"Sie möchte gerne irgendwann doch ein Kind wieder haben. Und jetzt ist es ja diese Unmöglichkeit: Wie kann man ein Kind bekommen in so ner Schale zum Beispiel, in so ner Petrischale, wie ist das zu vereinbaren mit dem Jüdischsein? So, und das hat mich eben so gefesselt, weil ich das auch gern wissen möchte."

Traditionell richtet sich das Fest des Jüdischen Buches an Juden und Nichtjuden gleichermaßen. Auch wenn Juden und Nichtjuden in jüdischer Literatur nicht immer das gleiche suchen und finden, eine Gelegenheit zur Begegnung ist dieses jährliche Fest allemal. Eine weitere Stimme aus dem Publikum:

"Meine Freundin ist Jüdin und hat mir davon erzählt und mich gefragt, ob ich nicht auch mitkommen wollte. Und dann habe ich gedacht, warum nicht? Ich lese allgemein gerne, und ich habe auch schon von einigen jüdischen Autoren was gelesen, weil mich das ganze Thema eben auch unter dem Literaturaspekt interessiert."

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