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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.06.2012

"Nicht die Stimme verbieten lassen"

Der Komponist Tsangaris hat eine Protestresolution zur Unterstützung von Shahin Najafi initiiert

Manos Tsangaris im Gespräch mit Ulrike Timm

Shahin Najafi, iranischer Sänger und Dichter, wurde mit vier Todesdekreten belegt.
Shahin Najafi, iranischer Sänger und Dichter, wurde mit vier Todesdekreten belegt. (Shahriyar Ahadi)

Bereits 50 Künstler hätten sich gefunden, die die Aufhebung der Fatwa für den iranischen Rapper Shahin Najafi unterzeichnet haben, sagt Manos Tsangaris, Leiter der Sektion Musik der Akademie der Künste in Berlin. Die Texte Najafis empfindet er nicht als gotteslästerlich, sondern gesellschaftskritisch-satirisch.

Ulrike Timm: Das ist das Lied, mit dem der Rap-Musiker Shahin Najafi die Fatwa iranischer Geistlicher konterte, "Aufrecht sterben", so heißt der persische Titel im Deutschen. Entstanden ist das Lied an einem geheimen Ort, wo Shahin Najafi seit mehreren Wochen lebt. Und er hat den Song ins Internet geladen. Ein Spottlied über einen vor Urzeiten gestorbenen Imam war Anlass, den Musiker, der seit 2005 in Köln lebt, mit der Fatwa zu belegen. Und das bedeutet, mitten unter uns ist jemand, den iranische Geistliche mit insgesamt vier Todesdekreten bedrohen, und auf dessen Kopf 100.000 Dollar ausgesetzt wurden.

Der Journalist Günter Wallraff hat sich seiner angenommen, die Polizei schützt ihn, so weit das möglich ist. Und jetzt hat sich Unterstützung gefunden unter Künstlern und Intellektuellen. Initiator einer Protestresolution zur Unterstützung von Shahin Najafi ist der Komponist Manos Tsangaris. Seit Mai ist er Leiter der Sektion Musik der Akademie der Künste in Berlin. Schönen guten Tag, Herr Tsangaris!

Manos Tsangaris: Hallo!

Timm: Wissen Sie, wie es Shahin Najafi zurzeit geht?

Tsangaris: Ich denke, was alle äußerlichen Parameter angeht, geht es ihm gut. Er ist behütet, aber Sie können sich vorstellen, dass er natürlich nicht gerade in der allerbesten psychischen Verfassung ist. Er fürchtet sich, kurz gesagt, natürlich.

Timm: Günter Wallraff, der zuerst auf sein Schicksal aufmerksam gemacht hat, und den wir auch im Radiofeuilleton im Gespräch hatten, hat beklagt, dass es gar nicht so leicht sei, Unterstützung für Najafi zu finden. Er ist lange nicht so berühmt wie Salman Rushdie. War es tatsächlich so schwierig?

Tsangaris: Wir haben ja Herrn Najafi und Herrn Wallraff vor vier Wochen getroffen. "Wir" ist Klaus Staek, der Präsident der Akademie der Künste, Berlin, und meine Wenigkeit. Und das war eine Aktion von, ich glaub, von etwa 24 Stunden. In dem Treffen ging es dann in erster Linie auch darum, was Shahin Najafi will. Denn es gab da diverse Möglichkeiten und Alternativen. Zum Beispiel, zu sagen, nein, ich gehe jetzt nicht unbedingt an die Öffentlichkeit. Und dann das Gegenteil, nämlich, ich gehe an die Öffentlichkeit, so hat er sich verhalten. Wir haben von vornherein gesagt, wir würden jede Richtung, die er einschlägt, unterstützen, und jetzt, in dem Moment, wo ganz klar ist, dass er sogar massiv in die Öffentlichkeit gegangen ist, haben wir, wie ich finde, in relativ kurzer Zeit, doch eine ganz beachtliche Liste von Erstunterzeichnern erstellt. Es haben Leute wie beispielsweise Marius Müller Westernhagen, Smudo, um jetzt mal aus dem Fach zu sprechen, wo er auch in gewisser Weise, Shahin Najafi, herkommt. Aber auch beispielsweise Volker Braun, Lyriker und Autor, Jürgen Flimm, Doris Dörrie, Schlöndorff, also ich könnte - es sind alles sehr bekannte Leute, und das ging quasi auch über Nacht.

Timm: Das ist die Resolution, in der Sie fordern, dass die Todesdrohungen zurückgenommen werden. Wie kann eigentlich praktische Solidarität für Najafi überhaupt aussehen. Man ist ja doch recht ohnmächtig.

Tsangaris: Wir als Akademie der Künste Berlin, wenn ich da mal so im Plural sprechen darf, haben natürlich - wir sind offiziell eine internationale Künstlervereinigung auf deutschem Boden. Das heißt, wir haben ein primäres und genuines Interesse daran, dagegen einzuschreiten, wenn Künstler aufgrund ihrer Arbeit bedroht sind. Das ist erst mal auch fernab jeder - woher jemand kommt, alle die Parameter, die Sie sich denken können ...

Timm: Also eine Todesdrohung gegen einen Künstler trifft alle.

Tsangaris: Trifft, wenn Sie das so schön pathetisch sagen wollen, sind das so. Aber ich möchte auch ganz kurz sagen, ohne dass das missverstanden werden sollte, ich bin hundertprozentig für diese Aktion, ich habe sie tatsächlich mit initiiert, ich glaube, Klaus Staek, Günter Wallraff sind schon die in der ersten Reihe, was das angeht, also ich habe natürlich versucht, mich ein wenig kundig zu machen, auch bei Menschen, die des Persischen mächtig sind, also die auch die iranischen Medien und die Blogs verfolgen können.

Wir sollten uns davor hüten, allzu pauschal quasi nur einen Kulturkampf darin zu sehen. Es gibt eine Fatwa eines Groß-Ajatollah, die zunächst mal überhaupt auch nur bindend ist für seine Anhänger. Weder der iranische Staat noch die Geistlichkeit als Ganzes hat gegen Herrn Najafi operiert. Es gibt gleichwohl aber sehr wichtige und viele und massive Blog-Aktivitäten. Also, das sind entweder Zirkel, Privatleute und die haben sich sehr stark gemacht für die Verfolgung von Herrn Najafi.

Timm: Es gibt ein Internetspiel, in dem wird er schlicht und einfach abgeschossen.

Tsangaris: Ja, furchtbar. Eben. Ich meine, da ist dann natürlich der Punkt, wo wir absolut mit unseren bescheidenen Mitteln, wie Sie sagten, versuchen, einzugreifen. Nur, ich finde es gefährlich, wenn man gleich wieder einen Kulturkampf ausruft.

Timm: Herr Tsangaris, hoffen Sie denn, dass sich prominente Politiker dieser Resolution anschließen?

Tsangaris: Wenn sich Politiker anschließen, selbstverständlich sind wir erst mal dafür, alle sollen sich anschließen. Es dürfen sich auch Politiker anschließen. Es besteht vielleicht die Gefahr, dass es auch sehr schnell in irgendeiner Form richtungstendenziell vereinnahmt wird.

Timm: Herr Tsangaris, Shahin Najafi lebt zurzeit im Geheimen, er hat kaum Kontakt zu irgendjemandem. Was bedeutet denn da praktische Solidarität. Ich weiß, dass er Konzerteinladungen hat nach Kanada und in die USA. Wäre es ein Weg, wenn er unter ganz massiven Sicherheitsvorkehrungen im Geheimen da hinkommen könnte und seine Konzerte geben?

Tsangaris: Praktische Solidarität, ich meine, was ich jetzt sage, klingt vielleicht auch merkwürdig, aber leistet natürlich auch erst mal die deutsche Gesellschaft und der deutsche Staat dadurch, dass sie ihn, nach dem, was ich weiß, beschützt. Wie das ist mit Konzerten, also ich persönlich, es ist so eine Gratwanderung, die er ja nun wirklich beschreitet. Auf der einen Seite sich die Stimme nicht verbieten zu lassen, aktiv zu sein und auch für all diese gesellschaftlichen Dinge einzutreten. Und auf der anderen Seite dafür zu sorgen, dass er nicht zum reinen Zielobjekt wird.

Darf ich noch eine Sache anschließen? Nach dem, was ich verstanden habe, ist es so, dass also diese Fatwa, die ausgesprochen worden ist, bezieht sich allgemein auf blasphemische Sachverhalte, also gotteslästerliche Sachverhalte. Aber nach dem, was ich weiß, sind die Texte von dem Künstler Shahin Najafi nicht gotteslästerlich. Also auch für Leute, die persisch sprechen, die das, es gibt auch Übersetzungen, sondern es sind gesellschaftskritisch-satirische Texte. Also gegen die politischen und sozialen Verhältnisse in Iran. Ich finde, das ist ein Unterschied.

Timm: Und wir hören noch einmal genau die Musik von Shahin Najafi, die ausschlaggebend war für die Fatwa, nämlich einen Rap-Song, ein satirisches Lied auf einen vor 1143 Jahren gestorbenen Imam. Tenor: Er möge auf die Erde zurückkehren und den repressiven Gottesstaat Iran einfach mal gründlich aufräumen.

Timm: Shahin Najafi mit dem Song, der ihm eine Fatwa einbrachte. Wir sprechen mit dem Komponisten Manos Tsangaris über den iranischen Musiker, der in Deutschland jetzt im Geheimen lebt. Herr Tsangaris, dieser Song ist allein im Iran 500.000 mal aus dem Internet geladen worden. Ist das allein der Text, der Wirkung erzielt, oder ist die Rap-Musik ebenso protesttauglich? Wie beurteilen Sie das als Musiker?

Tsangaris: Natürlich ist alles, was mit einem Beat und einem guten Puls stattfindet, sehr attraktiv und hat einen gewissen Impuls. Und rappen an sich ist ja keine US-amerikanische Erfindung aus der Bronx, sondern das gab es ja in allen Kulturen, immer schon, dass bestimmte Erzählformen in Vers und Reim stattgefunden haben. Und das ist natürlich eindrücklich. Von dem Wort erzählen, das Zählen steckt da ja drin - sobald was rhythmisiert ist, ist es eindrücklicher als sonst. Aber ich wollte eines sagen, so nebenher: Wie schön die Sprache klingt. Also ich verstehe ja nun leider kein Persisch. Aber man hat den Vorteil, dass man dann auf die Phonetik eigentlich und die Musikalität einer Sprache noch genauer hören kann. Ich fand also den Text, den ich nicht verstehen kann, fand ich in dem Moment das Attraktivste.

Timm: Ist das eventuell auch eine Generationenfrage? Dieser Text, dieses Lied ist 500.000 mal heruntergeladen worden. Die iranische Obrigkeit, die geistliche Obrigkeit ist recht alt. Die Jugend rappt dazu im Geheimen. Ist das Ganze womöglich auch ein Generationenkonflikt?

Tsangaris: Natürlich. Also ich meine, wenn die Geistlichkeit so alt ist - ich kann mir nicht vorstellen, dass der 93-jährige Ajatollah, Hochwürden, der die Fatwa ausgesprochen hat, sich diesen Song mit Genuss angehört hat.

Timm: Er nutzt jetzt das Internet, um seine Songs zu verbreiten. Das Internet nutzen aber auch seine Häscher. Hier hat Najafi die Fatwa auch erstmals entdeckt. Inwieweit wird das Internet jetzt genutzt, um ihn zu verfolgen?

Tsangaris: Das Internet ist, wie Sie wissen, ein offenes Forum, wo auch der größte Blödsinn verzapft werden kann. Und auch die aggressivsten Sachen, leider.

Timm: Aber der größte Blödsinn mit Folgen.

Tsangaris: Ja, was heißt aber? Und mit Folgen, natürlich.

Timm: Herr Tsangaris, Salman Rushdie, der lebt seit 1989 mit der Fatwa. Die kann immer nur von demjenigen zurückgenommen werden, der sie ausgesprochen hat. Und das ist noch nie passiert. Rushdie schützt seine internationale Berühmtheit. Die hat Shahin Najafi nicht im Rücken. Und er ist gerade einmal 31, und ein Musiker muss eigentlich auftreten, wenn er ein Musiker bleiben will. Der kann sich nicht allein über Bücher oder schriftlich mitteilen. Welche Gedanken macht er sich eigentlich um seine Zukunft?

Tsangaris: Er fürchtet sich natürlich vor dem, was passieren könnte, und er hat vor allem auch die Sorge, dass er sich als Musiker, als Künstler nicht mehr in der Weise wird äußern können, wie er es möchte und wie er es bisher getan hat. Und die Sorge ist durchaus, leider, durchaus berechtigt.

Timm: Der Komponist Manos Tsangaris über den mit der Fatwa bedrohten iranischen Musiker Shahin Nadjaf, für dessen Freiheit 50 deutsche Künstler im Moment mit einer Protestresolution Stimmung machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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