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Profil / Archiv | Beitrag vom 31.12.2012

Nicht alles ist so wichtig, wie man denkt

Therapeut Hans-Werner Rückert bittet Studierende mit Arbeitsproblemen auf die Couch

Von Julia Eikmann

Schreibblockade: Wenn Studierende nicht schaffen, was sie selbst von sich erwarten, dann wächst die innere Not.
Schreibblockade: Wenn Studierende nicht schaffen, was sie selbst von sich erwarten, dann wächst die innere Not. (Stock.XCHNG / Ivan V.)

Der Studienberater und Psychotherapeut Hans-Werner Rückert weiß, wie man Projekte zum Abschluss bringt, auch wenn man sie schon zig Mal aufgeschoben hat. Sein Tipp: Spaß und Freude daran finden, Dinge zu erledigen.

"Aufschieben wird allgemein so definiert, um es eben von Faulheit abzugrenzen oder von Bequemlichkeit, dass man nicht das tut, von dem man selber behauptet, dass es dringlich sei, ganz wichtig sei, unbedingt gemacht werden müsste. Und zwar von einem selbst. Und dass man stattdessen andere Dinge tut, also nicht einfach nur faul ist, sondern andere Dinge macht. Und dass man sich anschließend darüber Lügen erzählt."

Hans-Werner Rückerts Büro liegt im oberen Stockwerk einer kleinen Altbau-Villa im friedlichen Berlin-Dahlem. Die winterlichen Sonnenstrahlen überwinden mühelos die halb runter gelassenen Jalousie und fluten den behaglichen Raum. Die Liege, halb verborgen hinter einer Grünpflanze, wirkt mit ihren gemütlichen Kissen eher wie ein Sofa als eine Psychotherapeuten-Couch.

"Ach so, Moment, ich muss noch eben das Schild raus hängen, nicht dass während wir sprechen jemand rein kommt, der was will."

Schwungvoll schließt Hans-Werner Rückert die Tür. Die Stapel aus Papieren und Ordnern, mit denen jeder Zentimeter des Schreibtischs bedeckt ist, zittern leicht.

"Ich glaub Musil hat gesagt: Das Geheimnis der Ordnung ist ein großer Papierkorb."

Auch wenn seine schmalen Chromfüße unter der Last zu ächzen scheinen: Der Schreibtisch ist zwar übervoll, aber nicht unordentlich. Er ist einfach zu klein. Der ganz in schwarz gekleidete Psychologe, Sohn einer Hausfrau und eines Marine-Soldaten, hat selber kein Problem mit der Selbstdisziplin.

"Meine Eltern haben auch aufgepasst und mir den Gedanken vermittelt, dass es zwar okay ist sich zu drücken und dass es dazu gehört, aber dass es nichts bringt. Also dass man die Dinge meistens dadurch verschlimmert, dass man sie lange aufschiebt und dass es besser ist, man hat einen gewissen elastischen Umgang aber man macht die Sachen dann. Und das fand ich immer einleuchtend. Ich glaub, ich mag auch ganz gerne Sachen erledigen."

Sachen erledigt kriegen. Das würden viele der Studenten, die bei Hans-Werner Rückert Rat suchen, auch gerne. Er ermuntert dann häufig zur Gelassenheit: Manche Dinge, von denen man glaubt, sie seien lebenswichtig und müssten umgehend umgesetzt werden, sind es eben nicht. Manchmal lohnt es, sich zu vergegenwärtigen, was einem wirklich wichtig ist, was man noch erreichen möchte. Und manchmal ist es gar nicht schlimm, wenn es bei den guten Absichten bleibt.

"Das ist ja auch schön, da kann man auch sein Herz dran wärmen. Wenn man an Marcel Proust denkt und die Geschichte 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit', ein ewiges Aufschiebeprojekt, das aber wie wir wissen letzten Endes zu einem literarischen Werk geführt hat von Weltgeltung, das meiste davon posthum veröffentlicht, aber who cares?"

Und selbst wenn das Ergebnis statt eines Werkes von Weltrang ein elementares Scheitern ist: Auch daran kann man wachsen.

"Bob Dylan, his Bobness, hat sehr schön gesagt in 'Love Minus Zero': There is no success like failure, was ja richtig ist, also mal richtig auf die Nase zu fallen, ist ein unglaublicher Erfolg, wenn man das gut auswerten kann. Aber Bobby hat auch gesagt "And failure is no success at all". Das ist natürlich auch richtig, also das konkrete Ziel, das ich anstreben wollte, erreiche ich nicht. Und das ist dann ein Scheitern. Aber gut, wir scheitern uns dann voran."

Zitat Beckett. Hans-Werner Rückert hat sich nicht nur durch die Weltliteratur gelesen, er kann sie auch aus dem Effeff zitieren. Während in seinem Büro vor allem Fachbücher stehen, biegen sich daheim die Bücherregale. Gelesen wird im Original, auf Deutsch, Englisch, Französisch - oder Schwedisch.

Rückert sagt irgendwas auf Schwedisch, in etwa "Wissen Sie, ich habe ein Haus in Schweden"

"Ich habe ein Häuschen in Skanör in Schweden, und da habe ich dann angefangen zu lesen, die Literatur dort, die man kaufen kann, ist schwedisch, und dann lernt man halt Schwedisch."

Wenn man sich von seiner Umgebung so einfach motivieren lässt wie der engagierte Psychologe, Psychotherapeut und Autor. Wann immer es seine Zeit erlaubt, reist er in sein gelbes Häuschen am Meer und liest. Dann darf es auch gerne ein guter Krimi sein.

"Die Gesellschaftskritik in Schweden vollzieht sich ja ausschließlich nur noch in Krimis, also muss man Krimis lesen, wenn man etwas begreifen will von der schwedischen Gesellschaft."

Die Gesellschaft, die Menschen liegen Hans-Werner Rückert, Jahrgang 1950, am Herzen. Auch wenn er das so explizit niemals sagen würde. Als Student in Kiel wollte er die "Werktätigen befreien", die sich keine psychologische Beratung leisten konnten. Kurzerhand gründete er mit ein paar Kommilitonen selber eine Beratungsstelle.

"Ich komm ja aus einer Zeit, wo man die Welt verändern wollte. Das war ja schon ein Anspruch und ich habe den völlig bejaht. Habe dann bei unserer Schülerzeitung den Chefredakteur gespielt, habe also Artikel da geschrieben mit dem erklärten Ziel, die Menschen zu bessern, die Verhältnisse zu wenden und die Welt zu einem besseren Ort zu machen."

Das war für ihn auch ein Grund, Psychologie zu studieren. Seit 35 Jahren ist der zweifache Vater jetzt an der Freien Universität tätig, hat das Konzept für die Studienberatung mit entwickelt – und liebt seine Arbeit. Immer bemüht, das erforderliche Maß an neuen Projekten in sein Leben zu bringen, engagiert er sich auch in der Ausbildung von Psychotherapeuten und schreibt Bücher. Leidenschaftlich. Und ohne etwas aufzuschieben.

"Ja, doch, also ich meine, das Leben ist zu kurz um sich zu langweilen, oder!?"