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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.12.2015

Nicholas Stargardt: "Der Deutsche Krieg"Erfahrungsberichte schreiben Geschichte

Von Dietmar Süß

Kradfahrer und Soldaten haben sich zu einem Gruppenfoto in Frankreich aufgestellt - Herbst 1940. (picture-alliance / dpa / Hans-Joachim Rech)
Kradfahrer und Soldaten haben sich zu einem Gruppenfoto in Frankreich aufgestellt - Herbst 1940. (picture-alliance / dpa / Hans-Joachim Rech)

Anhand von Briefwechsel aus dem Zweiten Weltkrieg hat Nicholas Stargardt die Sichtweise der Deutschen auf den Zweiten Weltkrieg und den Völkermord an den Juden rekapituliert. Mit großem Gespür für Details gibt der Historiker den individuellen Zeugnissen breiten Raum.

Der deutsche Krieg begann in den frühen Morgenstunden des 1. Septembers 1939. Und von Anfang an war klar, dass dies kein "gewöhnlicher" Krieg werden sollte. Hitler und die Nationalsozialisten hatten diesen Krieg von langer Hand geplant. Ein "Kampf um Lebensraum", wie Hitler formulierte, getarnt als "nationaler Verteidigungsfall".

Im Kern ging es vor allem um eines: um die gewalttätige rassistische Neuordnung Europas. Nicholas Stargardt, erzählt diese Geschichte nun von neuem. Er tut dies klug, nachdenklich und mit Gespür für Zwischentöne. Denn was ihn interessiert, sind vor allem die Gefühle und Ängste, die Hoffnungen und Sehnsüchte der Deutschen – und die Gründe dafür, weshalb die Volksgenossinnen und Volksgenossen so lange weiterkämpften. Bis ganz zum Schluss, bis die Alliierten den Traum vom 1000jährigen Reich beendeten. Die Antwort des britischen Historikers lautet darauf ebenso klar wie originell:

"Je schlimmer der Krieg wurde, umso offenkundiger "defensiv" gestaltete er sich. Aufeinanderfolgende Krisen führten keineswegs zum Zusammenbruch, sondern wirkten als Katalysatoren eines radikalen Wandels, in dem die Deutschen die Situation zu meistern versuchten und überdachten, was sie erwarteten konnten. Katastrophale Ereignisse wie die Niederlage in Stalingrad und der Feuersturm von Hamburg führten tatsächlich zu einem drastischen Popularitätsverlust des Regimes, stellten aber den patriotischen Zusammenhalt an sich nicht in Frage. Die Kriegsbelastungen äußerten sich in der deutschen Gesellschaft in einer ganzen Palette von Verstimmungen und sozialen Konflikten, wobei das Regime in vielen Fällen aufgefordert wurde, zu vermitteln und zu verschärfen. Aber so unpopulär der Krieg auch war, galt er doch weiterhin als legitim – und zwar mehr noch als der Nationalsozialismus."

Erfahrungswelt des deutschen Krieges

(S. Fischer Verlag )Buchcover: "Der deutsche Krieg" von Nicholas Stargardt (S. Fischer Verlag )Nicholas Stargardts Untersuchung gibt den individuellen Zeugnissen, den so unterschiedlichen Erfahrungen der Deutschen breiten Raum – Tagebuchaufzeichnungen, Liebesbriefe, heimliche Notizen: Mit großem Gespür für Details und äußerst sensibel macht sich Stargardt auf die Suche nach der Erfahrungswelt des deutschen Krieges. Deutlich wird dabei: Viele kämpften weiter, weil sie sich selbst als Opfer fühlten. Als Opfer des Krieges, als Opfer der bolschewistischen Bedrohung, als Opfer der Bombardierungen. Um eigene Schuld ging es jedenfalls selten, eher um Selbstmitleid, um patriotische Pflichterfüllung, um die jahrzehntlang eingeübte Treue zu Volk und Vaterland und das private Überleben.

Stargardt zeigt, wie unterschiedlich der Kriegsalttag sein konnte. Für nicht wenige bedeutete beispielsweise die Eroberung Polens zunächst erst einmal: die eigene kleine Welt zu verlassen. Der Krieg war also auch ein rassistisches Abenteuer, der gerade jüngere Männer und Frauen dazu motivierte, die heimischen Gefilde zu verlassen und am großen Projekt der "Germanisierung" mitzuwirken.

Freiwillige Studentinnen arbeiteten daran mit, Polen von ihren Höfen zu vertreiben oder für die SS polnische Frauen zu beaufsichtigen, die ihre Häuser putzen und den neuen Besitzern zu hinterlassen hatten. Eine dieser Studentinnen machte dabei aus ihrer Abscheu vor dem polnischen "Gesindel" keinen Hehl, als sie beobachtete, wie die SS eines der polnischen Dörfer räumte und die Bewohner in einem Schuppen einpferchten:

"Mitleid mit diesem Geschöpfen? – Nein, höchstens ein leises Grauen, dass es solche Menschen gibt, Menschen, die uns in ihrem Sein und Wesen fremd und unverständlich sind, dass es keinen Weg zu ihnen gibt. Zum ersten Mal in unserem Leben Menschen, deren Leben und Tod gleichgültig ist".

Kein Zweifel: Das Wissen über Verbrechen des Regimes, der Massenmord an den Juden waren bald ein "offenes Geheimnis". Mochten aus den Briefen der Ehemänner an ihre geliebten Ehefrauen und Verwandten auch nicht immer alle Details der systematischen Verfolgung hervorgehen, so gab konnte es doch keinen Zweifel an der Brutalität der Kriegführung geben. Manche ahnten bereits im August 1941, wie der Reservepolizist Hermann Gieschen, dass die Juden, wie er schrieb, "gänzlich ausgerottet" würden. Das aber war für ihn keineswegs besonders schrecklich, sondern der Lauf der Dinge.

Die Bombenangriffe auf Deutschland – Vergeltung für Völkermord?

Eindringlich zeigt Stargardt, wie sich das Wissen über die Verbrechen immer weiter verbreitete und sich in seltenen Fällen, wie nach den großen Bombenangriffen der Alliierten auf Hamburg im Sommer 1943, mit möglichen Schuldkomplexen verbanden. Hatte also die Verfolgung der Juden mit der Bombardierung der Alliierten etwas zu tun? War dies womöglich sogar eine Strafe für das eigene moralische Versagen? Solche Stimmen gab es, wenngleich sie eine Minderheit blieben. Gleichwohl verweisen sie auf eine Dimension, die in vielen anderen Gesamtdarstellungen bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat: die Bedeutung von Religion und Glauben für die deutsche Durchhaltebereitschaft. Das Gefühl also, der christlich-deutschen "Volksgemeinschaft" nicht in den Rücken fallen zu dürfen. Sie also täglich neu zu verwirklichen. Und das gerade dann, wenn man sich selbst gar nicht unbedingt mehr als glühender Nationalsozialist fühlte.
Stargardt dringt tief in die kollektive Gefühlswelt der Deutschen ein, ihre rassistische Prägung, ihre kriegsbedingte Desillusionierung, ihre enttäuschten Erwartungen, ihr kühle Distanz, auch Hemmungslosigkeit gegenüber Juden und den "slawischen Untermenschen". Dieser Krieg bedeutete für viele Trennung und Verlust, Gewalt und Verdrängung, oft zeitgleich und in ungekanntem Ausmaß.

Die Stärke der Darstellung besteht gerade darin: die Geschichte des Zweiten Weltkrieges mit der Erfahrungsgeschichte der Zeitgenossen zu verbinden. In dieser Dichte gab es das bisher so nicht.

Konsequente Fortführung von 1914

Für die meisten Deutschen war dieser Krieg eben auch deshalb legitim, weil sie glaubten, wie 1914 würde sich die Nation wieder im Verteidigungsfall und Ausnahmezustand befinden; bedroht von äußeren, bösen Mächten, damals, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges von Franzosen und Briten, nun von Polen und dem Bolschewismus.

Der Krieg schien in den Köpfen der Deutschen als "Gegenangriff", als Antwort auf die polnische Bedrohung und den möglichen territorialen Verlust. Die Mobilisierung gerade solcher völkisch patriotischer Wallungen machte den Krieg für weite Kreise der deutschen Bevölkerung zu einem legitimen Projekt – und seine apokalyptischen Folgen zur christlichen Bewährungsprobe.

Das Buch folgt der Spur einiger bekannter und auch einiger weniger bekannter Zeitgenossen, vielfach deutsche Konservative und nicht unbedingt in der Wolle gefärbter Nationalsozialisten. Womöglich wäre das Gesamtbild noch etwas runder gewesen, wenn Stargardt auch den radikal nationalsozialistischen Stimmen und den Verfolgten selbst noch etwas mehr Platz eingeräumt hätte in seiner Darstellung.

Vielleicht wäre das auch der Ausgangspunkt, um noch einmal neu über die Bewertung der deutschen Distanz zum Kriegsausbruch vom September 1939 nachzudenken. Viktor Klemperer beispielsweise urteilte – anders als mancher Historiker heute: Am 3. September notierte er in sein Tagebuch:

"Nachrichten und Maßnahmen ernst, Volksstimmung absolut siegesgewiss, zehntausendmal überheblicher als 14. Dies gibt entweder einen überwältigenden, fast kampflosen Sieg, und England und France sind kastrierte Kleinstaaten, oder aber eine Katastrophe, zehntausendmal schlimmer als 1918".

Darüber wird man streiten können. Aber wohl nicht über den Wert dieses Buches: Nicholas Stargardt hat ein großes, ein wichtiges Buch geschrieben, das uns hilft, noch einmal neu über den Charakter des Krieges und die Sehnsüchte der Deutschen nachzudenken.

Nicholas Stargardt: Der Krieg der Deutschen. 1939-1945
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
S. Fischer, 848 Seiten, 26,99 Euro

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