Seit 15:30 Uhr Tonart
 
Dienstag, 31. Mai 2016MESZ16:13 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.04.2013

Neugieriger Okzidentale

John Dos Passos: "Orient-Express", Nagel & Kimche, München 2013, 206 Seiten

Vom damaligen Konstantinopel startete John Dos Passos seine Rundreise. (picture alliance / dpa / Marius Becker)
Vom damaligen Konstantinopel startete John Dos Passos seine Rundreise. (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Bevor John Dos Passos weltberühmt wurde, schrieb er den Bericht einer abenteuerlichen Reise durch den Orient - ohne Vorurteile und mit wohlüberlegten Einschätzungen. Der 1927 veröffentlichte Band "Orient-Express" ist nun erstmals auf Deutsch zu haben.

Dem legendären, zwischen Paris und Konstantinopel verkehrenden "Orient-Express" hat einst Agatha Christie mit ihrem Krimi "Mord im Orient-Express" Berühmtheit verliehen. Mit eben jenem Luxuszug reiste auch der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos 1921 bis Konstantinopel und begann dort dann seine Reise durch das Morgenland. "Orient-Express" heißt das nun erstmals auf Deutsch erschienene Buch, das diese Reise durch die Türkei, Georgien, Armenien, Persien, den Irak und Syrien dokumentiert. Verfasst von jenem Autor, der späterhin mit seinen Romanen "Manhattan Transfer" und der Trilogie "U.S.A." Weltruhm erlangen sollte.

In Teheran stellt sich dem 25-jährigen Reisenden irgendwann die Sinnfrage: "Was will ich überhaupt im Orient? Was gehen mich diese welken Fragmente alter Ordnungen an, diese toten Religionen, diese Ruinen, gespickt mit den Larven der Geschichte?" Doch wenige Wochen später entschädigt den "a. O.", wie sich der amerikanische Orientreisende John Dos Passos gern abkürzt, in Babylon "eine Flasche Münchner Exportbier, kühl und beschlagen", für all die Strapazen, die er bis dahin hat durchmachen müssen.

Wie der bayerische Trunk in den Irak hat finden können? Dafür ist die koloniale Großmannssucht des deutschen Kaisers und dessen Traum von der "Bagdadbahn" verantwortlich. Mit dem Zug, zu Pferd, zu Fuß, mit dem Auto, dem Schiff sowie auf dem Kamel und einer wackeligen Wagonette, permanent Wind und Hitze ausgesetzt, reiste Dos Passos 1921 durch den Orient. Und wurde so zum Chronisten von Massakern (durch die Truppen Mustafa Kemals, des späteren Begründers der modernen Türkei), zum Dokumentaristen großen Flüchtlingselends (verschiedener, in den Kriegswirren hierhin und dorthin bugsierter Völker) und zum nüchternen Beobachter des Alltagslebens etwa in Eriwan oder Damaskus.

Seine Einschätzungen erweisen sich dabei als heute noch hochinteressant, weil sie nie ressentimentgeladen und immer reflektiert sind. John Dos Passos weiß, dass "wir Okzidentalen" im Orient meist nur eine riesige Projektionsfläche erkennen. Ihn überkommt bisweilen "eine Abscheu vor den ganzen romantischen Orientklischees, von denen es ja selbst im Orient wimmelt". Neugierig blickt er sich um, lässt sich nicht blenden von der Farbenpracht aus "papageiengrüner Seide", "rosa Staub" und unermesslich weiten "schlachtschiffgrauen" Ebenen, die willkürlich von fremden Besatzungsmächten gezogene Grenzlinien durchschneiden: "Das Landkartenspiel im Orient" - nicht die einzige Kritik des Amerikaners am "tödlichen Ansturm des Westens".

So war der vom späteren Gesellschaftskritiker keinesfalls verklärte Orient (dem hier vorherrschenden Islam stand Dos Passos denkbar fern) bereits seinerzeit angekränkelt von der "Tyrannei der Dinge", "dem ganzen Schund, den unsere Kultur für das Höchste hält, für den wir uns krummlegen und zu Tode rackern": "Henry Fords Evangelium von Arbeitsteilung und Standardisierung wird Herzen gewinnen, die Thales und Demokrit, Galileo und Faraday standhielten."

Bei all dem erinnert sich John Dos Passos stets daran, wie schwierig es ist, "den Schlüssel zu finden, diese komplizierte Arabeske lesen zu können, die gedankenlos auf einem Grund von schierem Schmerz hingeschrieben wurde". Und er macht die beglückende Erfahrung, "die Wüste, dieses kalte purpurrote feuersteinerne Plätteisen, hat alles Gallige aus meinem Bauch, alles Runzlige aus meinen Gedanken weggebügelt." Verzichtbar erscheint in diesem überaus aufschlussreichen Buch lediglich der abschließende kurze Passus über eine Marokko-Reise im Jahr 1926, der wie angeklatscht wirkt.

Besprochen von Knut Cordsen

John Dos Passos: Orient-Express
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Nachwort von Stefan Weidner
Nagel & Kimche, München 2013
206 Seiten, 18,90 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Salam Persepolis
Alter Glanz in neuem Zug
Tatort Istanbul

Buchkritik

Moby: "Porcelain"Wie Moby ein Popstar wurde
Elektromusiker Moby bei einem Auftritt auf dem Orange Warsaw Festival in Polen. (picture alliance / dpa / Leszek Szymanski)

Ehrlich und selbstironisch erzählt Moby in seiner Autobiografie wie er Anfang der 90er-Jahre in New York zum DJ-Messias aufstieg. In "Porcelain" schreibt der weltbekannte Techno-DJ und Musiker über sein Künstlerleben in der Metropole und die Underground-Clubszene.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Reform des UrhebervertragsrechtsDavid gegen Goliath?
(Deutschlandradio / Jörg Plath)

Kreative verdienen durchschnittlich weniger als 20000 Euro brutto jährlich. Eine Novelle des Urhebervertragsrechts will nun ihre Position stärken. Bei Verlagen und interessanterweise auch bei nicht wenigen Autoren hat das Vorhaben bereits für starke Unruhe gesorgt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj