Mittwoch, 4. März 2015MEZ01:13 Uhr

Buchkritik

Michael WildenhainGeschichte einer Verblendung
(picture alliance / Stephan Persch)

"Das Lächeln der Alligatoren" befasst sich mit großen Themen: Liebe, deutsche Geschichte, politischer Terror. Mit seinem neuen Roman gelingt es Michael Wildenhain, die Verstrickungen von Privatem und Politischem anschaulich zu erzählen.Mehr

Russlands GeschichteVon Stalin zu Putin
Russische Politiker legen an einer Stalin-Büste in Moskau im Mai 2013 Blumen nieder. (picture alliance / dpa / Vladimir Fedorenko)

"Hundert Jahre Revolution" nennt der britische Historiker Orlando Figes sein neues Russland-Buch. Er beschreibt den beispiellosen Terror gegen das Volk unter Stalins Herrschaft und erklärt, warum die Tradition des autoritären Staates bis heute fortwirkt.Mehr

RomanAuf den Spuren des Urgroßvaters
Autorin Anne Weber (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)

In ihrem Buch "Ahnen" spürt die Autorin Anne Weber der Geschichte ihres Urgroßvaters nach. Der Pfarrer war ein Freund von Walter Benjamin und Martin Buber - und zugleich ein glühender Nazi, der vorschlug, die Insassen einer "Irren- und Idiotenanstalt" zu vergiften.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.04.2013

Neugieriger Okzidentale

John Dos Passos: "Orient-Express", Nagel & Kimche, München 2013, 206 Seiten

Vom damaligen Konstantinopel startete John Dos Passos seine Rundreise. (picture alliance / dpa / Marius Becker)
Vom damaligen Konstantinopel startete John Dos Passos seine Rundreise. (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Bevor John Dos Passos weltberühmt wurde, schrieb er den Bericht einer abenteuerlichen Reise durch den Orient - ohne Vorurteile und mit wohlüberlegten Einschätzungen. Der 1927 veröffentlichte Band "Orient-Express" ist nun erstmals auf Deutsch zu haben.

Dem legendären, zwischen Paris und Konstantinopel verkehrenden "Orient-Express" hat einst Agatha Christie mit ihrem Krimi "Mord im Orient-Express" Berühmtheit verliehen. Mit eben jenem Luxuszug reiste auch der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos 1921 bis Konstantinopel und begann dort dann seine Reise durch das Morgenland. "Orient-Express" heißt das nun erstmals auf Deutsch erschienene Buch, das diese Reise durch die Türkei, Georgien, Armenien, Persien, den Irak und Syrien dokumentiert. Verfasst von jenem Autor, der späterhin mit seinen Romanen "Manhattan Transfer" und der Trilogie "U.S.A." Weltruhm erlangen sollte.

In Teheran stellt sich dem 25-jährigen Reisenden irgendwann die Sinnfrage: "Was will ich überhaupt im Orient? Was gehen mich diese welken Fragmente alter Ordnungen an, diese toten Religionen, diese Ruinen, gespickt mit den Larven der Geschichte?" Doch wenige Wochen später entschädigt den "a. O.", wie sich der amerikanische Orientreisende John Dos Passos gern abkürzt, in Babylon "eine Flasche Münchner Exportbier, kühl und beschlagen", für all die Strapazen, die er bis dahin hat durchmachen müssen.

Wie der bayerische Trunk in den Irak hat finden können? Dafür ist die koloniale Großmannssucht des deutschen Kaisers und dessen Traum von der "Bagdadbahn" verantwortlich. Mit dem Zug, zu Pferd, zu Fuß, mit dem Auto, dem Schiff sowie auf dem Kamel und einer wackeligen Wagonette, permanent Wind und Hitze ausgesetzt, reiste Dos Passos 1921 durch den Orient. Und wurde so zum Chronisten von Massakern (durch die Truppen Mustafa Kemals, des späteren Begründers der modernen Türkei), zum Dokumentaristen großen Flüchtlingselends (verschiedener, in den Kriegswirren hierhin und dorthin bugsierter Völker) und zum nüchternen Beobachter des Alltagslebens etwa in Eriwan oder Damaskus.

Seine Einschätzungen erweisen sich dabei als heute noch hochinteressant, weil sie nie ressentimentgeladen und immer reflektiert sind. John Dos Passos weiß, dass "wir Okzidentalen" im Orient meist nur eine riesige Projektionsfläche erkennen. Ihn überkommt bisweilen "eine Abscheu vor den ganzen romantischen Orientklischees, von denen es ja selbst im Orient wimmelt". Neugierig blickt er sich um, lässt sich nicht blenden von der Farbenpracht aus "papageiengrüner Seide", "rosa Staub" und unermesslich weiten "schlachtschiffgrauen" Ebenen, die willkürlich von fremden Besatzungsmächten gezogene Grenzlinien durchschneiden: "Das Landkartenspiel im Orient" - nicht die einzige Kritik des Amerikaners am "tödlichen Ansturm des Westens".

So war der vom späteren Gesellschaftskritiker keinesfalls verklärte Orient (dem hier vorherrschenden Islam stand Dos Passos denkbar fern) bereits seinerzeit angekränkelt von der "Tyrannei der Dinge", "dem ganzen Schund, den unsere Kultur für das Höchste hält, für den wir uns krummlegen und zu Tode rackern": "Henry Fords Evangelium von Arbeitsteilung und Standardisierung wird Herzen gewinnen, die Thales und Demokrit, Galileo und Faraday standhielten."

Bei all dem erinnert sich John Dos Passos stets daran, wie schwierig es ist, "den Schlüssel zu finden, diese komplizierte Arabeske lesen zu können, die gedankenlos auf einem Grund von schierem Schmerz hingeschrieben wurde". Und er macht die beglückende Erfahrung, "die Wüste, dieses kalte purpurrote feuersteinerne Plätteisen, hat alles Gallige aus meinem Bauch, alles Runzlige aus meinen Gedanken weggebügelt." Verzichtbar erscheint in diesem überaus aufschlussreichen Buch lediglich der abschließende kurze Passus über eine Marokko-Reise im Jahr 1926, der wie angeklatscht wirkt.

Besprochen von Knut Cordsen

John Dos Passos: Orient-Express
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Nachwort von Stefan Weidner
Nagel & Kimche, München 2013
206 Seiten, 18,90 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Salam Persepolis
Alter Glanz in neuem Zug
Tatort Istanbul